"In welcher Stellung hattest du das letzte Mal Sex?" ist die dritte Frage, die mir die App auf meinem Smartphone stellt. Dabei kennen wir uns noch gar nicht lange. Ich habe sie mir gerade erst heruntergeladen, um mal zu testen, was viele meiner Freundinnen schon lange machen: Sie tracken nicht nur ihre Pulsfrequenz und ihre Schlafgewohnheiten, sondern auch ihre Periode. Hierfür tragen sie in kleine rosa Kästchen jeden Tag intime Details ein, über die wir selbst im Freundeskreis selten reden.

Paula Schweers hat Literarisches Schreiben und Europäische Kulturgeschichte studiert. Die Suche nach der richtigen Form lässt sie zwischen Literatur, Musik, Wissenschaft, Politik und Malerei pendeln (und örtlich zwischen Berlin und Brandenburg). Sie arbeitet in der Öffentlichkeitsarbeit der EAF Berlin, einer Organisation, die sich für Chancengerechtigkeit und Vielfalt in der Gesellschaft einsetzt. Schweers schreibt an ihrem ersten Roman und war unter anderem Speaker beim Z2X-Festival, Finalistin beim Literaturwettbewerb Open Mike und Stipendiatin der Kölner Schmiede. © privat

Obwohl sie die Hälfte der Menschheit direkt betrifft, ist es immer noch nicht selbstverständlich, offen über die Regelblutung zu sprechen. Es hat Tradition, dass der Vorgang der Menstruation entweder verteufelt, verschwiegen oder hinter blumigen Umschreibungen versteckt wird. Erdbeerwoche, Besuch der roten Tante, Alarmstufe Rot sind einige der Euphemismen. Entsprechend quillt auch das Design meiner App über vor Blümchen und Tieren, die Fruchtbarkeit symbolisieren sollen. Der Eisprung ist ein Küken, der erste Tag der Periode wird mit einer lila Blüte illustriert. Was man gar nicht sieht, ist Blut. Wenig niedliches Blut, das an einem stressigen Arbeitstag oder beim Sport ziemlich nerven kann. Von gescheiterten Versuchen, schwanger zu werden, oder starken Schmerzen, die für viele normal sind, mal ganz abgesehen. Und die Krankheit Endometriose fühlt sich eher nach einem Gebärmuttermassaker als nach einem schnurrenden Kätzchen an.

Was man auch nicht sieht, ist, was mit den sensiblen Daten zu Medikamenteneinnahmen und Kinderwunsch geschieht, die User*innen eintragen. Die unzuverlässige Fruchtbarkeitsvorhersage sowie die fehlende Transparenz der Apps hatte 2017 schon die Stiftung Warentest aufgezeigt. In vielen Fällen greifen die Algorithmen der Apps auf statistische Mittelwerte zurück, welche natürliche Schwankungen im Zyklus nicht mit einbeziehen. Zudem werden oft auch Umwelteinflüsse, welche die Menstruation beeinflussen — wie eine Ernährungsumstellung oder Gewichtszunahme — nicht berücksichtigt. Die suggerierte Vorhersagbarkeit ist somit nicht gegeben. Der Körper ist eben keine "wohlgeordnete Maschine".

In einem Bericht von September 2019 hat Privacy International nun zudem nachgewiesen, dass einige der Apps, die auch in Europa verwendet werden, Daten an Facebook und andere Unternehmen weitergeben. Nicht immer ist dieser Weitergabe eine Einverständniserklärung der Nutzer*innen vorgeschaltet. Dabei lesen Konzerne auch mit, ob jemand in der Nacht zuvor verhütet hat oder über längere Zeit hinweg traurig war.

Wo ist das Problem?

Wie so oft beim Thema Privatsphäre ist eine der ersten Fragen, die sich aufdrängt: Na und? Wir sind daran gewöhnt, unsere Daten überall anzugeben, ob bei der Registrierung für einen Onlineversandhandel oder an der Supermarktkasse für eine billigere Bratpfanne, sodass uns auch die Verbreitung unserer medizinischen Informationen wenig stört. Die Vorstellung, dass ein Konzern wie Facebook unsere Daten sammelt und aus ihnen ein Bild von uns als Konsumentin zusammensetzt, bleibt abstrakt und hinterlässt höchstens ein vages Unwohlsein.

Wir sind so sehr daran gewöhnt, kategorisiert und bewertet zu werden, in unserem Arbeits- oder Studienalltag und vielen anderen Bereichen unseres Lebens, dass es auf diese Auswertung von Körperfunktionen für personalisierte Werbung auch nicht mehr ankommt. Stattdessen nehmen wir die Vermessung unserer Körper ständig selbst vor. Zum Beispiel mit Gesundheits-Apps, die uns das Leben erleichtern und unsere eigene Effizienz verbessern sollen und die es bald auch auf Rezept geben wird.

Der genannte Report zeigt, dass insbesondere Informationen über unsere aktuelle Befindlichkeit einen hohen Wert für Werbetreibende haben. Phasen im Leben, in denen wir besonders verletzlich und somit manipulierbar sind, stellen wertvolle Zeitfenster dar. So sind Daten von Schwangeren besonders begehrt: Firmen wollen erreichen, dass die Eltern sich schon vor der Geburt für ihre Produkte entscheiden und diesen möglichst lange treu bleiben. Doch nicht nur für personalisierte Werbung sind Gesundheitsdaten interessant, auch für Arbeitgeber*innen haben sie viel Potenzial.

So hat die Washington Post recherchiert, wie eine amerikanische Firma die Daten einer Zyklus-App nutzte, über die beispielsweise eingesehen werden kann, wie viele Frauen in einem Betrieb gerade schwanger sind oder es planen zu werden. Dies bedeutet für das Unternehmen mehr Planungssicherheit gegenüber einer sonst unberechenbaren Größe und somit Geld. Nutzen für die Mitarbeiter*innen soll eine verbesserte Gesundheitsvorsorge sein — Kritikerinnen sehen stattdessen eine Gefahr darin, dass die Arbeitgeber*innen auf Basis der Daten die zukünftigen Karrieren der Frauen gezielt beeinflussen könnten.

Gefühlte Kontrolle vs. tatsächlicher Kontrollverlust

Dass Gesundheits-Apps zwar kostenlos, aber nicht umsonst unsere Körpersignale aufzeichnen und auswerten, wissen die meisten von uns. Gesundheitstracking ist wie das drittes Stück Sahnetorte, das man sich auf seinen Teller schaufelt, obwohl einem schon seit dem ersten ein bisschen flau im Magen ist. Trotz aller Unvernunft hat man irgendwie Lust drauf. Nach einem langen Lauf freue ich mich, wenn mir eine App meine Fortschritte anzeigt. Aber woran liegt das? Wahrscheinlich suggeriert es eine gewisse Kontinuität meines Erfolges und gibt mir das Gefühl von Kontrolle und Übersichtlichkeit. Außerdem sehe ich bunt auf bunt, was ich alles für meinen Körper tue. Den Körper gesund zu halten ist in unserer Leistungsgesellschaft schließlich nicht nur etwas, was wir uns aussuchen, sondern fast schon eine "moralische Pflicht", sagen die Soziologen Carl Cederström und André Spicer.

Ähnlich ist es auch beim Perioden-Tracking, bei dem mir bei einem regelmäßigen Zyklus mitgeteilt wird, dass alles okay sei. Die schnurrende Katze, die ich mir in der App als "Haustier" ausgesucht habe, gratuliert mir mit vielen Emojis über eine kleine Sprechblase zu meinem "normalen" Zyklus — was auch immer das sein mag. Zyklus-Apps reproduzieren nicht nur Geschlechterstereotype und reduzieren Frauen auf ihre Fruchtbarkeit, sondern suggerieren auch Kontrollmöglichkeiten, die sie nicht einhalten. Stattdessen sorgen sie durch Intransparenz und Sicherheitslücken bei der Datenübermittlung statt für mehr Kontrolle für nachhaltigen Kontrollverlust über sensible Daten.