Am Tag der Gedenkfeier anlässlich des 75. Jahrestages der Befreiung ist vieles anders in der Stadt. Bereits kurz nach acht Uhr stockt auf der Ulica Legionów, die zum ehemaligen Stammlager von Auschwitz führt, der Verkehr. Die Straße ist gesperrt. In der Ferne kündigen Polizeisirenen die Ankunft einer Delegation an. Alle müssen warten, beinahe eine unfreiwillige Gedenkminute: Fußgänger*innen, Rad- und Autofahrer*innen und der Fahrer eines Lkws, der ein Polter Holz geladen hat, ebenfalls. Aus mehr als 50 Ländern haben sich Vertreter*innen angemeldet. Als die Kolonne mit Blaulicht eskortiert vorbeigefahren ist, rollt der Verkehr weiter.

Michaela Maria Müller, geboren 1974 in Dachau. Sie arbeitet als Journalistin und Autorin in Berlin und schreibt über Migration, Menschenrechte und Ostafrika. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © Christian Kielmann

In der Stadt führt am Vormittag ein junger Mann, der als Freiwilliger ein Jahr in Oświęcim verbringt, eine deutsche Schülergruppe durch das Jüdische Museum. Es ist im ehemaligen Haus der Familie Kornreich untergebracht. Dort wird das jüdische Leben vor dem Zweiten Weltkrieg dokumentiert: Die Schenkungsurkunde eines Grundstücks bezeugt, dass es seit dem 16. Jahrhundert jüdisches Leben in der Stadt gegeben hat. Die ersten Familien stammten vermutlich aus Westeuropa und handelten mit Salz und Gewürzen. In den Vitrinen sind noch die bunten Etiketten und Likörflaschen der Spiritus-Raffinerie Haberfeld ausgestellt. Gegründet 1804, wie es auf einem Firmenschild nachzulesen ist. Auch alte Familien- und Klassenfotos sind zu sehen. Sowie Überlebende, die nach der Befreiung versuchten, in Oświęcim Fuß zu fassen. Die meisten hielten es nicht aus und wanderten nach Israel oder die Vereinigten Staaten aus. Jede dieser Aufnahmen erzählt ein unfassbares Schicksal, von Lola und Maurycy Bodner zum Beispiel, die 1946 den fünfjährigen Menachem adoptieren, der Josef Mengeles Versuche überlebte. Auf dem Foto haben die beiden das Kind in ihre Mitte genommen und lächeln in die Kamera.

Der Geruch von Kohle liegt über der Stadt

Das Jüdische Museum befindet sich im Zentrum von Oświęcim in der Nähe des Marktplatzes. "Es kommen viele Besucher*innen", bemerkt eine Bewohnerin, "und immer mehr nun auch in die Stadt." Die Zahlen der Gedenkstätte bestätigen das. Im vergangenen Jahr kamen 2,3 Millionen Menschen, so viele wie noch nie.

Die gelben Shuttlebusse, die man aus dem Berliner Stadtverkehr kennt, bringen heute Teilnehmende nach Birkenau, wo am Nachmittag die zentrale Gedenkveranstaltung stattfindet. An einem normalen Tag pendeln die Busse alle zehn Minuten zwischen Auschwitz und dem Dorf Brzezinka, um Besuchergruppen hin- und herzutransportieren. An normalen Tagen ist auf den Straßen nicht viel Verkehr. Nur Anwohner*innen, die Shuttlebusse und ein paar Großraumtaxen sind da unterwegs, letztere um zu den etwas abgelegeneren Erinnerungsorten zu gelangen, wie dem Minoritenkloster in Harmęże etwa, um die Zeichnungen des Überlebenden Marian Kołodziej zu sehen.

Heute ist das anders. Der Geruch von Kohle liegt über der Stadt, wie überall im schlesischen Kohlerevier. Der Bus überquert eine Brücke, die über Gleise führt. Neben ihr, an der Maksymiliana Kolbego, befindet sich ein Kohlehandel. Dort türmen sich Steinkohlehaufen, die über Förderbänder transportiert und nach Bruchgrößen sortiert werden. Auf der einen Seite des Dorfrands von Brzezinka befindet sich die erste Judenrampe, am anderen das ehemalige Vernichtungslager. Von den Baracken, die sich hinter dem Tor rechts und links der Bahngleise erstreckten, zeugen heute noch die gemauerten Kamine, die aus der Wiese nach oben ragen. 

Die Überlebende Irene Weiss, die als 13-Jährige im Lager inhaftiert war, erinnert sich, dass es zwei Auschwitz' gab: das bei Tageslicht und das der Nacht. Viele, die bei Tag ankamen, glaubten zunächst, sie seien in einem Arbeitslager und ahnten nicht, dass nach der Selektion an der Rampe der Tod folgte. Diejenigen, die in der Nacht ankamen, begriffen es sofort. Sie mussten in der Dunkelheit in Richtung der vermeintlichen Duschräume laufen. Aus den Kaminen der Krematorien schlugen meterhoch Rauch und Flammen. Irene Weiss erinnert sich, als sie in den Nächten gezwungen war, die nie kleiner werdenden Schuhberge im Effektenlager zu sortieren. Sie, ein Mädchen von dreizehn Jahren, hielt sich die Ohren zu, bis eine Gruppe verzweifelter Menschen vorbeigetrieben wurde, denn sie konnte die Schreie nicht aushalten. Am 26. Mai 1944, an dem Tag als sie ihre Familie verlor, wurden 10.000 Menschen ermordet.