In dem Film Der Bauch des Architekten von 1987 lässt Regisseur Peter Greenaway zwei Architekten so lange darüber streiten, wer von ihnen eine Ausstellung über den klassizistischen Baukünstler Étienne-Louis Boullée kuratieren (und mit der Frau des einen schlafen) darf, bis sich einer der beiden rückwärts aus dem Fenster stürzt. Nun, ganz so aufwühlend-erregend geht es in dem Drama Der Kopf des Politikers von 2020 zwar nicht zu. Doch in dem Streit darüber, wer künftig die Bundesstiftung Bauakademie in Berlin führen und damit das wichtige baukulturelle Vorhaben Deutschlands realisieren darf, könnte erneut jemand auf der Strecke bleiben. Ein Politiker diesmal. Weil die Bäuche der Architekten es so wollen.

Doch der Reihe nach.

Die 1799 gegründete Bauakademie war ursprünglich eine Lehranstalt für werdende Architekten. Die sollten fürderhin nicht nur wie an der längst bestehenden Baufakultät der Akademie der Künste eben die Kunst, sondern auch die technischen Aspekte des Bauens zu beherrschen lernen. Die Bauakademie bekam erst viel später ihr eigenes Gebäude, zwischen 1832 und 1836 wurde es nach einem Entwurf von Karl Friedrich Schinkel unmittelbar neben dem Berliner Stadtschloss errichtet. Die Konstruktion, die Gestaltung der Fassaden sowie des Innenraums galten als wegweisend neu, ja als revolutionär – als ein Vorläufer dessen, was einmal die Moderne werden würde. Gegen Ende des Zweiten Weltkrieges brannte die Akademie nach einem Bombenangriff aus. Die DDR versuchte sie erst wiederaufzubauen, nur, um den Rohbau dann später abzureißen. Die Architektenausbildung der ursprünglichen Bauakademie war schon 1879 der neu gegründeten Technischen Hochschule zugeschlagen worden; die DDR gründete dann ihre eigene Bauakademie.

So weit der historische Vorlauf.

Erst 2016 beschloss der Bundestag den vollständigen Wiederaufbau des Gebäudes der Schinkelschen Bauakademie, finanziert aus Bundesmitteln. Eine Entscheidung, die – im Unterschied zur Wiedererrichtung des Schlosses – auf breite Zustimmung stieß. Auferstandene Vormoderne hört sich halt besser an als wiederbelebtes Preußentum. Die neue Bundesstiftung Bauakademie würde unter einem Gründungsdirektor, einer Gründungsdirektorin die genaue Konzeption der Bauakademie und dessen entwickeln, was in dem Gebäude künftig stattfinden soll.

Ein Politiker an der Spitze einer bauhistorischen Legende?

Im November vergangenen Jahres verkündete eine Findungskommission, eingesetzt vom Stiftungsrat der Bauakademie, wen sie als Gründungsdirektor auserwählt hatte: den SPD-Politiker Florian Pronold. Der 47-jährige Niederbayer war von 2013 bis 2018 als Staatssekretär im damaligen Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bauen und Reaktorsicherheit für Bau und Stadtentwicklung zuständig. Ein Politiker an der Spitze einer bauhistorischen Legende? Geht ja gar nicht! Dachten sich die Architekten – und handelten. Sie initiierten einen Proteststurm, der es mit jedem Shitstorm im Netz an Schärfe locker aufnehmen kann.

In einem offenen Brief, adressiert an das zuständige Bundesinnenministerium und den Stiftungsrat, wetterten mehr als 500 Unterzeichner – Architekten, Kuratoren, Museumsdirektoren – gegen die Entscheidung für den Politiker, der, zusätzlich zu allem Übel, auch noch Jurist ist. "Herr Pronold kann keine einzige der geforderten fachlichen Kompetenzen aufweisen" heißt es in dem Schreiben. Manche Journalisten und Journalistinnen wollten da nicht nachstehen und entrüsteten sich über "Hinterzimmerkungelei" und "Vorteilsnahme-Hybris". Alle Empörung bündelte sich in dem immer gleichen Vorwurf: Da habe sich ein Politiker einen wunderschönen Versorgungsposten verschafft, aber das kenne man ja.

Komisch ist nur, dass der Politiker, der sich da so schamlos selbst bedienen möchte, bereit ist, auf die Hälfte seines bisherigen Gehaltes zu verzichten. Und dass man nicht bis zum Renteneintrittsalter Gründungsdirektor der Bauakademie bleiben kann, wenn der entsprechende Vertrag auf fünf Jahre begrenzt ist.

Womöglich, so kommt man da ins Grübeln, ist ja nicht die naturgegebene Selbstversorgungsmentalität von Politikern hier das Problem. Sondern die jederzeit abrufbare Bereitschaft daran zu glauben, dass es sie gibt.