Ist das noch wer? Oder was? – Seite 1

Es war ein ungewohnt polemischer Ton, den Immanuel Kant (1724–1804) da anschlug. Wer Geister sehe, der sei wohl ein "Kandidat fürs Hospital". Einschlägige Visionen beruhten offenbar auf einem "hypochondrischen Wind in den Eingeweiden", der bloß die falsche Richtung genommen hätte, nämlich aufwärts statt abwärts. Die Zielscheibe von Kants Spott war ein gewisser Emanuel Swedenborg (1688–1772), ein schwedischer Wissenschaftler und Theosoph, einer der berühmtesten Esoteriker seiner Zeit.

Für das "Wunderbare" hatte der nüchterne Kant nie viel übrig. Weder habe er je an Geister geglaubt noch sich auf Friedhöfen gefürchtet, schrieb er einmal in einem Brief; stets sei er der gesunden Vernunft gefolgt. Und doch beeindruckten auch ihn Swedenborgs Berichte aus einer anderen, höheren Welt. Schließlich hatte dieser Mann, der von sich behauptete, persönlichen Umgang mit Geistern und Engeln zu pflegen, ein erstaunliches Wissen.

So konnte Swedenborg angeblich in allen Einzelheiten von einem Brand in Stockholm berichten, obwohl er sich selbst zu dieser Zeit viele Kilometer entfernt aufhielt. Auch in seiner Schrift Träume eines Geistersehers (1766) konnte Kant Swedenborgs Visionen nicht widerlegen, das schien ihm aber auch gar nicht notwendig. Vermutlich leide Swedenborg einfach an einer "täuschenden Einbildung", also an Wahnvorstellungen. Eine wissenschaftliche Kenntnis der anderen Welt sei nicht nur unmöglich, weil sie die Grenzen der Vernunft überstiege, sondern auch schlicht entbehrlich. Die Vernunft solle sich lieber mit dem Diesseits beschäftigen, statt einem ominösen Schattenreich nachzujagen. Und jene "Halbbürger der andern Welt", die sich wie Swedenborg in höheren Sphären heimisch fühlten, gehörten eben besser ins Irrenhaus.

Dieser Artikel ist erschienen in "Hohe Luft" 01/2020

Viele aufgeklärte Menschen sehen es heute ähnlich wie Kant. Esoterisches Denken gilt als irrationaler Mumpitz, als Aberglaube aus vormoderner Zeit. Einschlägige Inhalte und Praktiken scheinen mit unserem säkulären Weltbild unvereinbar zu sein. In einer entzauberten Welt gibt es keinen Platz für Engel, Geister und Magie. Wer heute noch ans Übersinnliche glaubt, gilt schnell als Spinner, den man nicht länger ernst nehmen muss. Und doch scheint es, als würden wir die Geister der Esoterik nicht los: Der Markt boomt – von Buchbestsellern wie The Secret bis hin zu Higher Self-Kursen und Kabbala-Seminaren. Von der Esoterik versprechen sich viele immer noch Heilung und Erleuchtung – und einen Zugang zu einer höheren, geistigen Welt. Doch was steckt hinter diesem Bedürfnis? Welches "Wissen", welchen Sinn hat die Esoterik tatsächlich anzubieten? Und was unterscheidet sie von Wissenschaft, Religion und Philosophie?

Schon der Begriff "Esoterik" selbst ist umstritten, und erst recht die Frage, was dazugehört und was nicht. Am ehesten kann man sich vielleicht darauf einigen, dass es stets um die Suche nach einem höheren, verborgenen Wissen und einer spirituellen Verwandlung geht. Wir erlangen dieses Wissen angeblich durch mystische Schau, durch die ­Vermittlung höherer Wesen oder durch persönliche Erfahrungen. Schon dieser besondere Zugang unterscheidet die Esoterik von der Naturwissenschaft wie auch von der Religion. Esoterisches Wissen beruht weder auf der vernünftigen Erwägung von Gründen, noch entspringt es allein einer göttlichen Offenbarung.

Aus esoterischer Sicht haben wir die Fähigkeit, selbst einen Zugang zur höheren Welt, zum Göttlichen zu gewinnen. Die einzige Evidenz ist die persönliche spirituelle Er­fahrung der "Eingeweihten", die bereit sind, den Weg zur höheren Erkenntnis zu gehen. Das klingt nach purem Irra­tionalismus. Und doch wird man der esoterischen Tradition nicht gerecht, wenn man sie einfach nur auf eine voraufgeklärte, primitive Weltsicht reduziert.

Das griechische Wort esoterikos bedeutet eigentlich "nach innen gerichtet, der Öffentlichkeit nicht zugänglich", im Gegensatz zu exoterikos (auswärtig, für Laien verständlich). Esoterik – von griechisch esoteros für "weiter innen (gelegen)" – in historischem Sinne meint eine Lehre, die nur einem kleinen Kreis von Eingeweihten oder Auserwählten zugänglich ist: So wurde der Begriff im 19. Jahrhundert von dem Franzosen Éliphas Lévi (1810–1875) geprägt, einem der ersten und einflussreichsten Okkultisten.

Nach der einflussreichen Definition des Religionswissenschaftlers Antoine Faivre ist unter "Esoterik" eine Denkform zu verstehen, die sich durch vier notwendige Merkmale auszeichnet:

1. die Vorstellung von Korrespondenzen oder Entsprechungen zwischen den verschiedenen Ebenen der Realität, etwa zwischen Planeten, Pflanzen und menschlichen Körperteilen, wobei diese Verbindungen nicht kausal zu verstehen sind, sondern symbolisch. Solche Entsprechungen bilden die Grundlage von Astrologie, Magie und Alchemie; die Vorstellung findet sich bis heute auch in alternativmedizinischen Behandlungsmethoden wie der Homöopathie.

2. die Idee einer lebendigen, beseelten Natur, die ­diesen Entsprechungen zugrunde liegt; darauf beruht etwa die Grundidee einer magia naturalis, mit der Menschen mit ­bestimmten höheren Fähigkeiten in den lebendigen Kosmos eingreifen können.

Die Wurzeln der Esoterik

3. die Vorstellung einer geistigen Imagination, die uns über die Vermittlung höherer Wesen, wie Swedenborgs Engel und Geister, mit der "anderen Welt" verbindet.

4. geht es in esoterischen Inhalten und Praktiken um Transmutation, um Verwandlung. Durch aktive Imagination erlangt der Adept einen höheren geistigen Zustand – und schließlich eine spirituelle "zweite Geburt".

Zwei weitere, allerdings kontingente Merkmale der Esoterik sind nach Faivre die Suche nach einem "gemein­samen Nenner" zwischen den verschiedenen esoterischen Traditionen sowie die Weitergabe esoterischen Wissens durch Initiation.

Gegen Faivres Definition kann man allerdings einwenden, dass sie nicht alle Bereiche der Esoterik erfasst. Zugleich lässt sich darüber streiten, ob es sich bei der Esoterik überhaupt um ein klar abgegrenztes historisches Phänomen handelt oder nicht vielmehr um ein "diskursives Element" kultureller Prozesse, namentlich in Religion, Wissenschaft, Philosophie oder Kunst, wie der Kulturhistoriker Kocku von Stuckrad meint. Nach seiner Definition gehört zum "Esote­rischen" etwa die Behauptung eines höheren Wissens, die Rhetorik "geheimer" Wahrheiten, die nur auf besondere Weise erlangt werden können, sowie die Vorstellung einer grundsätzlichen Andersheit oder Devianz. Für die einen repräsentiert die esoterische Tradition schlicht eine verzauberte, voraufgeklärte Weltsicht, für andere bildet sie eine Art Gegenkultur zu Wissenschaft und Religion in der säkularen Moderne. Wiederum andere Forscher, wie Faivre oder der rumänische Religionshistoriker Mircea Eliade (1907–1986), sehen in der esoterischen Tradition eine verschüttete "ursprüngliche" Dimension der Religion selbst.

Die Wurzeln der Esoterik reichen zurück bis zu den Anfängen der abendländischen Philosophie. Schon im 7. Jahrhundert vor Christus kursierten in Griechenland seltsame Geschichten von Seelen, die aus Körpern entwichen seien, um schließlich wieder in sie zurückzukehren, heute würde man von "außerkörperlichen Erfahrungen" sprechen. Tatsächlich kann man einige der berühmten ersten Philosophen als Esoteriker bezeichnen: Pythagoras sprach man magische und hellseherische Fähigkeiten zu. Der Philosoph Empedokles behauptete, sich sowohl an verschiedene seiner Inkarnationen erinnern zu können, als auch selbst ein unsterblicher Gott zu sein. Um seine Göttlichkeit zu beweisen, soll er schließlich sogar in den Vulkan Ätna gesprungen sein – doch da versagte offenbar die Zauberei. 

Platon entwarf den Kosmos als ein beseeltes, mit Vernunft begabtes Lebewesen, in dem alles mit allem zusammenhängt. Die immaterielle, unsterbliche Seele des Menschen habe ihren Ursprung im Göttlichen; sie sei ein "himmlisches Gewächs", dessen Wurzeln in die höhere, geistige Welt der Ideen reichen – ein Mikrokosmos, der dem Makrokosmos entspreche. Eben deshalb strebe sie danach, die Weltseele nachzuahmen – und damit zu ihrem göttlichen Urgrund zurückzukehren. Doch der Körper sei ein "Gefängnis", ein "Grab", aus dem die Seele erst entrinnen müsse.

Erst durch höhere, philosophische Erkenntnis, die sich von allen körperlichen Begierden freimache, durchbreche die Seele den Kreislauf der Wiedergeburten und gehe schließ­lich in die wahre Welt des Göttlichen ein. Der lebendige ­Kosmos, die unsterbliche Seele, die Einheit von Mensch und Welt – das ist vielleicht die philosophische Uridee des esoterischen Denkens überhaupt.

Für den Neuplatoniker Plotin ist der Mensch aus der geistigen Sphäre abgestürzt. Er hat seinen Ursprung im Göttlichen vergessen. Doch das Band sei nicht ganz gerissen. Zwar habe sich die menschliche Seele von der Weltseele entfernt, doch sie sei immer noch Teil des kosmischen Wirkungszusammenhangs. Sie könne sich wieder zum Ursprung zurückwenden, indem sie die materiellen Dinge abstreife – und sich vereinigt mit dem "Einen", jenem göttlichen Prinzip, aus dem sie entstanden sei. Plotin beschrieb diesen Vorgang als eine Art Verwandlung, in der wir zu unserem wahren Selbst zurückkehren als "Stillstehen im Göttlichen".

Der Neuplatonismus entwickelte sich zu einer spirituellen Weltanschauung, in deren Zentrum die Befreiung der Seele durch höheres Wissen (gnôsis) stand. Sogenannte "gnostische" religiöse Lehren beruhen auf einem Dualismus von Gut und Böse, von Licht und Dunkelheit. Aus gnostischer Sicht ist die irdische Welt das Reich der Finsternis, sie ist "alles, was im Fall ist" (Peter Sloterdijk). Doch in all der Dunkelheit ist ein Funke des göttlichen Lichts eingeschlossen. Wer diese höhere Erkenntnis erlangt, kann schließlich aus dem irdischen Gefängnis fliehen – und zum ursprüng­lichen Licht zurückkehren. 

In der hellenistischen Kultur der Spätantike verband sich die griechische Philosophie und Mythologie mit verschiedenen indigenen religiösen Traditionen, wie jenen der Ägypter. Eine zentrale Figur der esoterischen Tradition ist Hermes Trismegistos, ein synkretistischer Gott aus dem ägyptischen Thoth und dem griechischen Hermes, beide umtriebige Boten der Götter. In einer Sammlung von esoterischen Texten aus dem 2. oder 3. Jahrhundert, bekannt geworden als Corpus Hermeticum offenbart er eingeweihten Priestern die wahre Natur von Gott, Mensch und Welt. Auch diese Texte handeln von spirituellem Aufstieg und Befreiung, von kosmischen Entsprechungen ("Wie oben, so unten") und der göttlichen Präsenz in der Welt. Die Wiederentdeckung des Corpus Hermeticum im Jahr 1463 trug wesentlich bei zu einem neuerlichen Aufschwung der Esoterik im Neu­platonismus der Renaissance, auch wenn sich später herausstellte, dass die darin enthaltenen Texte gar nicht ägyptischen Ursprungs waren, sondern aus der frühchristlichen Antike stammten. 

Der Einfluss der Kirche

Neuplatonische Philosophen wie Plethon (ca. 1355–1452), Pico della Mirandola (1463–1494) und Marsilio Ficino (1433–1499), der das Corpus Hermeticum ins Lateinische übersetzte, sahen in den neu entdeckten Schriften eine ­universelle Weisheitslehre. Gleichzeitig entdeckten sie die Zahlenmystik der jüdischen Kabbala. Es ist kein Zufall, dass die Esoterik in der Renaissance derartig aufblühte, in einer Zeit reli­giöser Unruhen und der Entstehung der ­modernen Naturwissenschaft. Magie, Astrologie und Alchemie, die symbolische Lehre von der Umwandlung der Elemente, boten Methoden, um die geheimen ­Gesetze und Dynamiken der Natur zu studieren. Hinter der "okkulten Wissenschaft" stand die Vorstellung, dass alle Naturabläufe an der göttlichen, geistigen Sphäre partizipieren – und daher mit geistigen Kräften beeinflusst werden können.

Nach der christlichen Lehre war schwarze Magie verboten, weil sie mit der Beschwörung böser Kräfte in Zusammenhang gebracht wurde. Aber die ­magia naturalis entging der christlichen Zensur. Ihr gemäß ist der Kosmos durchdrungen von einer göttlichen Energie, die der Mensch beeinflussen kann, weil er Teil dieses Kosmos ist.

Auf diesem Grundgedanken beruhen auch die Lehren von Paracelsus und Anton Mesmer (Mesmerismus), welche in der Alternativmedizin bis heute eine große Rolle spielen. Esoterische Praktiken wie die Magie und Alchemie stehen nach Ansicht von Religionshistorikern an der Schnittstelle zwischen Dämonismus und Naturwissenschaft – sie haben also nichts mit Religion zu tun. Eher schon handelt es sich um den Versuch, rätselhafte Phänomene "naturwissenschaftlich" zu erklären; aber eben nicht durch physikalische Gesetze, sondern durch okkulte Kräfte.

In einer Zeit religiöser Umbrüche und naturwissenschaftlicher Neuerungen boten sich die wiederentdeckten esoterischen Lehren als Alternativen an für alle, die nach ­höherem Wissen strebten. Zugleich aber wurde das alte esoterische Wissen aus dem Wissenschaftsdiskurs wie aus den konfessionellen Religionen sukzessive ausgeschlossen. Esoterische Vorstellungen seien ein "radikaler Gegenpart zu allem, was gebildete Menschen glauben sollen", schreibt der Religionshistoriker Wouter Hanegraaff.

Vom Hellenismus über die Renaissance bis zum 19. Jahr­hundert kann man vielfach beobachten, dass Esoterikwellen als Reaktion auf den Zusammenbruch gesellschaftlicher Ordnungen entstanden. Ab Anfang des 19. Jahrhunderts ­gerät die Religion in eine Krise, von der sie sich nicht mehr erholen wird. Aufklärung und Säkularisation – die Aufhebung der traditionellen kirchlichen Herrschaft und Umwandlung in weltliche (staatliche) Besitztümer – leiten die Säkulari­sierung ein. Religion und Glaube treten nun zunehmend in Konkurrenz zu den "Geltungsansprüchen" der Vernunft. Der Einfluss der Kirche als höchste geistlich-spirituelle ­Instanz der Gesellschaft schwindet – trotz ihrer Macht und ihres Reichtums.

In der Moderne wird sie zu einer Institution unter vielen. Wie alle anderen muss sie sich spezialisieren, in politische und ökonomische Beziehungen zur Außenwelt treten, sich dem ihr zugewiesenen Zuständigkeitsbereich fügen: der bürgerlichen Privatsphäre. Gegen den "Aberglauben" der mannigfachen Sinnangebote der modernen Konsumgesellschaft positioniert sie sich als die wahre Überzeugungsgemeinschaft. Doch der riesige kirchliche Verwaltungsapparat und die starren patriarchalen Hierarchien können die spirituellen Heilserwartungen des Einzelnen kaum mehr erfüllen. Heute hat das institutionalisierte Christentum ein massives Glaubwürdigkeits- und Legitimationsproblem. Vor allem seit klar ist, dass unzählige Geistliche Minderjährige und Frauen in ihren Reihen systematisch missbrauchten. Aber nicht nur die Kirche, auch die aufgeklärte Moderne hat ein Image­problem: Die institutionalisierte Religion wirkt rückständig, wie aus der Zeit gefallen – die Moderne konnte ihr Zukunftsversprechen nicht halten. Der zivilisatorische Fortschritt, den die von mythisch-mystischen Verunreinigungen befreite Rationalität bringen sollte, mündete in die technokratische Barbarei des Dritten Reichs. Und sie sorgt, wie viele fürchten, inzwischen sogar dafür, sämtliche irdische Lebensgrund­lagen zu vernichten. Wie kommen wir da raus?

Der Wunsch nach Heilung, Transformation, Wiederverzauberung ist größer denn je – dies hat längst auch der überzeugte Rationalist Jürgen Habermas anerkannt. Schon 2001, im Jahr von 9/11, nannte Habermas unsere Gesellschaft "postsäkular". Mehr noch: Drei Jahre später warnte er in einer Diskussion mit dem späteren Papst Benedikt XVI. vor der "Sackgasse hybrider Selbstbemächtigung", in die  die "reflektierende Vernunft" geraten könnte, wenn sie ­"ihren Ursprung aus einem Anderen, dessen schicksalhafte Macht sie anerkennen muss", verleugnet. Muss sich die ­Vernunft diesem mächtigen Anderen beugen? Worin besteht die besondere Qualität der Esoterik heute?

Die Verläufe der barrierefreien Esoterik, wie wir sie heute kennen – als ein "Geheimwissen", das so gut wie allen offensteht –, finden wir im Amerika des frühen 20. Jahrhunderts. Zeitgleich mit dem wachsenden Lebensstandard und den ersten großen Kaufhäusern, die oft üppig dekorierten Kathedralen und orientalischen Palästen glichen, beginnt sich dort eine neue konfessionslose "Religiosität" zu etablieren. Nicht nur als Korrektiv zu der oft noch als unmoralisch empfundenen materialistischen Kultur – auch als deren folgerichtige Entsprechung oder Weiterentwicklung.

Heiß begehrt war plötzlich ein ethischer Kompromiss zwischen den Konsumfreuden des "American way of life" einerseits und der traditionellen christlichen Weltanschauung ­andererseits. Schon seit den 1850er-Jahren hatte sich der amerikanische Protestantismus vom strengen Calvinismus hin zur "Erweckungsbewegung" eines relativ liberalen, über­konfessionellen Evangelikalismus entwickelt: Es war ein kon­servatives Christentum, das positive Botschaften verkündete, statt auf der menschlichen Sündenhaftigkeit herumzureiten.

Von der Hexe zum Energie-Coach

Nach 1870 war es aber mehr und mehr die "Mind Cure"-­Bewegung, die den spirituellen Bedürfnissen der Amerikaner am meisten entgegenkam. Zu diesen Gruppen – mit denen viele durch William James’ Werk Die Vielfalt religiöser Erfahrung (1902) in Berührung kamen – zählten verschiedene heilerisch-therapeutisch orientierte, darunter auch die Neugeist-Richtung und die Theosophen. Sie alle vermischten die liberalsten Tendenzen des Evangelikalismus mit der "Pursuit of Happiness"-Ideologie, positivem Denken und Pragmatismus zu einem esoterischen Cocktail, der Erfolg und Erlösung im Diesseits versprach und höchsten Wert auf individuelle Autonomie legte.

Die vielgestaltige "Mind Cure" markierte die Anfänge einer ebenso kapitalistisch wie ganzheitlich orientierten Esoterik, die heute in der ganzen zivilisierten Welt ihre Anhänger findet; die dafür sorgt, dass subjektive Transzendenz­erfahrungen jenseits der banalen Realität leicht zugänglich sind; und die meist das Label "Spiritualität" tragen.

Die modernen Medien, hauptsächlich das Internet, ­haben für einen nicht enden wollenden Boom unterschiedlichster esoterischer Formate gesorgt. Von der ganzheitlichen Therapeutin zum Visionär, von der Hexe zum Energie-Coach – immer geht es bei der neuen niederschwelligen Spiritualität um eine grundlegende Transformation des Individuums, seiner Innerlichkeit wie seines Körpers.

Nicht mehr die Vergötterung einer jenseitigen Macht, sondern etwas, das man mit dem österreichisch-amerika­nischen Soziologen Thomas Luckmann (1927–2016) die "Sakralisierung des Ich" nennen kann, macht den Kern der – käuflichen – modernen Spiritualität aus. Wessen Ego durch Kurse, Seminare und den Austausch mit einer Community von spirituell Gleichgesinnten eine neue Heimat findet, kann sich der Bedeutsamkeit seiner Existenz versichern, ohne seinen Lebensstil gleich fundamental infrage stellen zu müssen. Projekte der Selbsttransformation sind keine historische Neuigkeit. Für die Stoiker der Spätantike etwa war die Arbeit an der eigenen Person ein lebenslanger Prozess, wie Michel Foucault (1926–1984) gezeigt hat. Ritualisierte mentale und körperliche Übungen (askésis) der Selbstsorge dienten dazu, die "Wahrheit" (aletheia) eines bestimmten Ethos gleichsam sukzessive aus sich herauszuschälen: "Unter Spiritualität verstehe ich das", so Foucault, "was sich sehr genau auf den Zugang des Subjekts zu einer bestimmten Seinsweise bezieht und auf die Transformationen, die das Subjekt durchlaufen muss, um zu dieser Seinsweise zu gelangen."

Im Unterschied zur stoischen hat die moderne Selbsttransformation einen starken Wohlfühlcharakter. Sie basiert auf einem Sammelsurium unterschiedlichster Quellen und Methoden. Ein gutes Beispiel ist "Visionärin" und Social-Media-Star Laura Malina Seiler, die in ihrem "Happy, holy & confident"-Podcast zu Themen wie "Erschaffe deine Welt und zeige der Welt, wer du bist", "Glaube an dich" und "6 Eigenschaften, um erfolgreich dein eigenes Business zu starten" intuitive, quasi-organische Querverbindungen zwischen Materialismus und Immaterialismus, Selbstliebe und Narzissmus, Transzendenz und Selbstoptimierung herstellt.

In ihrem von Buddhismus, Stoizismus und Oprah Winfrey inspirierten Universum muss sich niemand schuldig fühlen, weil er sich der Achtsamkeit verschreibt und zugleich den Imperativen des Kapitalismus gehorcht. Seilers schnell ausverkaufte Kurse und ihre "Uni" richten sich an junge, ­erfolgsorientierte Menschen, die sich mit der reinen Selbst­optimierung in den Bereichen Job, Sport, Ernährung und Mode nicht zufriedengeben und sich einen spirituellen Überbau für ihr in separate Module zerfallenes Leben wünschen. Einen Überbau, den man anders als eine klassische esote­rische Lehre nicht erst lange studieren muss, sondern in ­atmosphärischen Gemeinschaftserlebnissen häppchenweise goutieren kann. Nicht die ausgewiesene theoretische Expertise, sondern ihre gefühlte Authentizität macht spirituelle Coaches wie Seiler zur Identifikationsfigur für unzählige, meist gleichaltrige Geschlechtsgenossinnen. Tatsächlich finden sich unter den Anbietern und Konsumenten der spiri­tuellen Szene hauptsächlich Frauen. Die jüngeren, ambitionierten wollen ihrem umfassenden Perfektionsstreben eine tiefgründige Note verleihen. Dass über 40- und 50-Jährige, die sich trotz ihrer relativen Autonomie unfrei oder gar unter­privilegiert fühlen, auf spirituelle Transzendenz- und Transformationserfahrungen derart abfahren, scheint an dem subjektiven Machtzuwachs zu liegen, der ihnen zum Beispiel eine Ausbildung zur Reiki-Meisterin beschert. Spiritualität erscheint heute damit vielen als der lohnendste Weg zur weiblichen Selbstermächtigung.

Als rational tickende Menschen sollten wir die Esoterik dennoch nicht in toto verurteilen. Wir sollten nicht nur auf die mitunter maligne Verführungskraft schauen, die von ihr ausgeht – wir müssen vielmehr auch ihre spezielle Qualität anerkennen: ein theoretisches "Wissen" und praktisches Können zu vermitteln, welche außerhalb der Kompetenzen sowohl von Philosophie als auch von institutionalisiertem Christentum liegen. Moderne Formen der Esoterik und Spiritualität haben keine Antworten auf alle Fragen. Sie können weder die Klimakrise noch die soziale Ungleichheit noch überhaupt die brennendsten sozialen Herausforderungen beseitigen. Mit den meist kostenpflichtigen "Evidenzen", die sie unzäh­ligen Menschen bescheren, liefern auch sie keine letztgül­tigen Wahrheiten.

Vielleicht besteht die Anziehungskraft der Esoterik aber gerade heute in ihrem heilenden Charakter. Sie schafft es, die Sehnsucht nach (Selbst-)Transformation durch außer­alltägliche, sinnstiftende Erfahrungen zu stillen; die ge­trennten Sphären der modernen Lebenswelt ganzheitlich zu ­reintegrieren; unserer zufälligen individuellen Existenz im Kosmos eine transzendente Bedeutsamkeit zu verleihen, die Trost gibt, wann immer man danach verlangt. Mit den Antworten, die sie gibt, stellt uns die Esoterik Fragen, die unsere Vernunft nicht abweisen kann, aber ernst nehmen muss. Antworten, die uns zu den Anfängen der Philosophie zurückführen, als Ratio und Glaube noch kein Widerspruch war; als Philosophieren noch bedeutete, eine höhere, rein geistige Wirklichkeit zu erfahren – und sich selbst in dieser Erfahrung zu verwandeln.

Dieser Artikel ist zuerst erschienen im "Hohe Luft Magazin" Nr. 01/2020.