Der Verweis auf die Biologie von Geschlecht erlebt derzeit wieder eine Renaissance. Dass "die Natur" die Menschen nun einmal in Frauen und Männer eingeteilt hätte, ist nicht nur in konservativen Kreisen eine populäre Idee. Auch unter Feministinnen werden Stimmen laut, die die Geschlechterdifferenz wieder stärker in den Körpern verankern möchten: "Sex is real", twitterte kürzlich die Harry-Potter-Erfinderin J. K. Rowling und unterstützte damit Maya Forstater, eine britische Wissenschaftlerin. Deren Arbeitsvertrag bei einem Forschungsinstitut war nicht verlängert worden, weil sie die Ansicht vertritt, Geschlecht sei ein biologischer Fakt und nicht veränderbar – und sich im Umgang mit Transgender-Personen auch so verhält. Rowling ließ zwar offen, ob sie persönlich Forstaters Meinung teilt, unterstützte aber vorbehaltlos deren Recht, eine solche Meinung zu vertreten. In den sozialen Medien erhielt sie dafür viel Kritik, aber auch viel Zustimmung.

Was aber ist mit der Aussage "Sex is real" eigentlich gemeint? Im Prinzip dreht es sich um eine schlichte Definitionsfrage: Was bedeuten die Worte "Mann" oder "Frau"? Beschreiben sie eine bestimmte Körperform? Eine soziale Rolle? Eine nur dem Individuum selbst zugängliche Identität? Sprache ist Teil der Kultur. Die Bedeutung von Wörtern ist nicht statisch, sie verändert sich. Was Wörter bedeuten, ist immer ein Ergebnis langfristiger gesellschaftlicher Aushandlungsprozesse, und offensichtlich gibt es zurzeit, angesichts der Komplexität der Geschlechterdebatten der vergangenen Jahrzehnte, eine gewisse Sehnsucht, zu Zeiten zurückzukehren, als irgendwie noch "klar" war, was Männer und was Frauen sind.

Antje Schrupp ist Politikwissenschaftlerin, Journalistin und Publizistin. 2019 erschien ihr Buch "Schwangerwerdenkönnen. Essay über Körper, Geschlecht und Politik". Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © Laurent Burst

Tatsächlich steht immerhin Folgendes fest: Menschen lassen sich aufgrund von körperlichen Faktoren, die mit der Reproduktion zusammenhängen, in zwei Varianten unterteilen. 98,3 Prozent aller Neugeborenen sind laut einer Metastudie zu biologischen Geschlechtsvarianzen entweder ein "typisch männlicher" Mensch, was heißt, sie haben "XY-Chromosomen, Hoden, die sich innerhalb des Hodensacks befinden und Sperma produzieren, das über den Samenleiter zur Harnröhre transportiert und außerhalb des Körpers ejakuliert werden kann. Die Penislänge bei der Geburt ist 2,5 bis 4,5 Zentimeter lang …" (es folgen noch einige weitere Spezifikationen). Oder sie sind ein "typisch weiblicher" Mensch, haben also "zwei X-Chromosomen, funktionierende Eierstöcke, die eine weibliche Pubertät sicherstellen, Eileiter, die zu einer Gebärmutter führen, einen Gebärmutterhals und eine Vagina, innere und äußere Schamlippen und eine Klitoris, die bei der Geburt zwischen 0,2 und 0,85 Zentimeter groß ist".

So weit, so klar. Aber heißt das schon, dass "Sex" – also das biologische Geschlecht im Unterschied zur sozialen Geschlechterrolle "Gender" – wirklich "real" ist, wie viele daraus schließen? Nein. Denn erstens bedeuten diese Zahlen auch, dass in Deutschland immerhin schätzungsweise 1,4 Millionen Menschen leben, die nicht eindeutig einer der beiden Seiten zugeordnet werden können. Das ist zwar prozentual eine kleine Minderheit, in absoluten Zahlen sind es aber doch sehr viele. Und zweitens stellt sich immer noch die Frage, was wir kulturell und sozial mit dieser empirisch beobachtbaren Unterscheidung anfangen.

Es gibt nämlich durchaus Kulturen, die zwar die reproduktive Differenz der Menschen kennen und thematisieren, daraus aber keine Unterscheidung zwischen "Männern" und "Frauen" ableiten. Die Soziologin Oyèrónkẹ́ Oyèwùmí hat das in ihrem Buch The Invention of Women am Beispiel der Yoruba in Nigeria untersucht: Dort ist traditionellerweise nicht das Geschlecht, sondern das Alter das wichtigste Kriterium für die soziale Einordnung von Menschen. Für "Frau" oder "Mann" in unserem Sinn gibt es gar keine Wörter. Zwar existiert ein Begriff für Menschen mit Gebärmutter in der Lebensphase des Kindergebärens – obinrin – aber das bezeichnet nicht das Wesen dieser Personen, sondern lediglich eine bestimmte Funktion, die auch nur in diesem Zusammenhang von Interesse ist. Die Menschen dort sind also auf eine Weise "Frau", wie ich Journalistin bin oder Patentante – die Information ist zwar zutreffend, aber sie prägt nicht das gesamte Leben. Sie ist nur in einem konkreten Beziehungskontext und in einem bestimmten Zeitraum überhaupt relevant.

Die europäische Kolonisierung hatte für die nigerianischen obinrin fatale Folgen, weil sie nun plötzlich als "Frauen" betrachtet wurden. Also nicht mehr bloß als Menschen mit Uterus, die sich gerade in der Phase ihres Lebens befinden, in der sie Kinder bekommen, sondern als eine besondere und zweitrangige Sorte Mensch, der bestimmte Wesenseigenschaften zugeschrieben werden und die prinzipiell keinen Zugang zu politischer Macht hat. Diejenigen Yorubas, die einen Uterus hatten (oder von denen man das vermutete) wurden, mit anderen Worten, einem patriarchalen dualistischen Geschlechterkonzept unterworfen, das Menschen gerade nicht einfach nur in Bezug auf ihre Rolle bei der Fortpflanzung unterschied, sondern sehr viel mehr beinhaltete. Jedes kleine soziale Detail war nun plötzlich von der Geschlechterdifferenz durchzogen. In den europäischen Sprachen kann man über Menschen ja nicht einmal sprechen, ohne sie zuvor geschlechtlich einzuordnen.