Möchten Sie auch nichts mehr vom Brexit lesen? Also, ich habe genug. Ich habe seit fast zehn Jahren genug. Die englische Krise – eine völlig verantwortungslose Elite, ein schwelender Klassenputsch – für die der Brexit nur ein Symptom ist, gibt es schon länger als den Brexit und es wird sie auch noch länger geben. Ich kenne sie seit einer guten Dekade. Vielleicht war sie auch nur so mittelgut.

27. April 2011: Es war ein herrlicher Frühlingstag und die Königin von England wurde erwartet. Die wuchtigen, neogotischen Türme von St. John’s College in Cambridge glänzten im Sonnenschein. Die Wiesen erstrahlten in frisch geschnittenem Grün. Uniformierte Menschen bauten meterlange Buffets auf oder schenkten uns Champagner nach, immer kurz bevor unsere Gläser leer waren, immer kurz bevor wir hätten fürchten müssen, dass uns etwas fehlen könnte. Als die ersten königlichen Limousinen anrollten, standen wir auf und säumten den Weg. "Was für ein absurdes Glück wir haben, hier zu sein und so was zu erleben", sprudelte es aus mir wie Champagnerperlen. "Glück hat damit gar nichts zu tun", antwortete ein Student, der neben mir am Weg stand: "Ich habe mir das sehr hart erarbeitet." Die Queen kam wenig später. Sie hatte Kuchen dabei.

Ich kannte den Studenten flüchtig. Ich wusste, dass er sich gern über "das Personal" beschwerte. Ich wusste, dass er manchmal mit seinen Freunden "sozialer Wohnungsbau" spielte und dabei einen Arbeitslosen oder eine alleinerziehende Mutter persiflierte. Ich wusste, dass er auf einer Privatschule gewesen war, die fast 50.000 Euro im Jahr kostet. Ich wusste, dass er gerne erzählte, dass schon der Vater seines Vaters in St. John’s gewesen war, und dass schon immer feststand, dass auch er hier studieren würde. Aber erst in diesem Moment wusste ich, dass er sich das alles sehr hart erarbeitet hatte.

Die "hart arbeitende Familie"

Dieser Student war nicht Boris Johnson. Der war damals längst der irgendwie amüsante, irgendwie peinliche Bürgermeister von London. Der Student war wahrscheinlich auch keiner der Drahtzieher des Brexits. Der Student war überhaupt niemand, den ich heute kenne. Ich glaube, er hieß George oder Jacob oder Michael, weil solche Menschen eigentlich immer entweder George oder Jacob oder Michael heißen. Namen werden genau wie Landhäuser, College-Zugehörigkeiten und Überbisse in Upperclass-Familien weitergegeben.

Aber der Name dieses Studenten ist auch nicht das Entscheidende. Dieser Student ist ein Typus, den ich in Cambridge und Oxford immer wieder traf, er ist eine Klasse im Wandel, und er ist das Problem. Das Problem sind Menschen, die sich schon das Leben der weniger Privilegierten nicht vorstellen können geschweige denn Armut, Arbeitslosigkeit oder Diskriminierung und trotzdem stolz darauf sind, welche Hindernisse sie überwunden haben (schlechtes Personal, Altgriechisch-Lehrer war kein Muttersprachler, Überbiss). Das Problem sind Menschen, die von Geburt an mehr Geld, bessere Möglichkeiten, intensivere Förderung genießen durften als 99 Prozent der Restbevölkerung und trotzdem denken, sie hätten sich das alles sehr hart erarbeitet. Das englische Problem, die Ursache des Brexits, ist eine Adelsgesellschaft, die zunehmend denkt, sie sei eine Leistungsgesellschaft.

Leistungsgesellschaften sind ja eigentlich was Schönes. Etwas, worauf sich viele einigen können, weswegen die Rhetorik des Brexits eine Rhetorik der Leistung war: Beide Seiten, die Vote-leave-Kampagne wie auch die remainers um Cameron, richteten sich vor allem an "hart arbeitende" britische Familien; wenn Nigel Farage persönlich wird, beschimpft er David Cameron gern als "faul" und "nicht besonders hart arbeitend". Irgendwie wollen wir ja alle denken, dass wer hart arbeitet, auch viel Erfolg hat, dass wir es alle schaffen können, und weil wir einfach so verdammt hart arbeitende Überflieger sind, früher oder später auch schaffen werden. Und gleichzeitig, dass wer faul ist, auch nicht so viel Erfolg haben sollte wie der Fleißige. Leistungsgesellschaften fühlen sich fair an. Es geht nicht darum, wer man ist, sondern nur darum, was man tut. Meritokratie ist sexy, und zwar für Menschen aller Erwerbsschichten. Sie bestätigen diejenigen, die es bereits geschafft haben. Allen anderen geben sie die Hoffnung, es noch schaffen zu können, wenn sie nur hart genug arbeiten. Das Problem mit dem Gedanken der Leistungsgesellschaft, mit der Meritokratie, ist nur, dass er selten zutrifft. Nicht in Amerika, wo man die Geschichte Vom-Tellerwäscher-zum-Millionär zum Nationalmythos stilisiert hat. Und erst recht nicht in England, denn England ist – wo sollte einem das klarer sein als beim Queen-Besuch – eine Adelsgesellschaft.

Eton, Oxbridge, Altgriechisch

Wie sehr Großbritannien eine Aristokratie ist, kann man sich als Deutscher kaum vorstellen. Die königliche Familie betrachten wir Kontinentaleuropäer als liebenswerten britischen Spleen – halsbrecherische Hutmode, Altherrenhumor, Inzest mit mittelnahen Verwandten – und selten als Anzeichen einer gesellschaftlichen Struktur. Dabei steht das Königshaus für eine jahrtausendealte britische Wahrheit: Manche Menschen sind besser als andere. Und nicht erst, nachdem sie etwas geleistet haben, außer man betrachtet im richtigen Landsitz geboren zu werden als Leistung. Manche Menschen werden einfach nur aufgrund von Familienzugehörigkeiten bejubelt, beachtet und bedient. Andere Menschen müssen hart arbeiten, sich hoch verschulden, den Zweifel von Freunden, Familie und Lehrern überwinden, um nach Cambridge oder Oxford zu kommen. Aber manchen Menschen wird Oxbridge vom Vater des Vaters in die Wiege gelegt, samt Geld für Studiengebühren und einem wirklich sehr guten altgriechischen Bonmot. (Alles außer Altgriechisch und vielleicht Latein wäre infra dignitatem und den Hoi polloi vorbehalten.)

Dass es sich in England um eine Adelsgesellschaft handelt, wird dadurch verschleiert, dass es nicht ausschließlich um Adel geht, sondern um eine Elite, die sich an enorm klaren biografischen Fakten festmacht. Wichtiger als ein Eintrag in der Peerage of England, dem Adelsverzeichnis, ist, auf welcher Schule, auf welcher Universität der Vater des Vaters war, weil es die eigenen Bildungsmöglichkeiten entscheidend mitbestimmt. Hier sind die Möglichkeiten äußerst begrenzt. Erst Eton. Dann Oxbridge. Von den 54 Premierministern Englands war die Hälfte in Oxford – zum Beispiel alle drei Brexit-Premiers, David Cameron, Theresa May, Boris Johnson – ein weiteres Viertel war in Cambridge. Ohne Oxbridge kann man es in Großbritannien kaum an die Spitze der Macht schaffen. Das ist in der Politik so, aber auch in den Konzernen, in den Theatern und Kulturbetrieben, in den Banken, in den Gerichtssälen, in den Medienanstalten. Egal, wo man in Großbritannien hinguckt, wer an der Spitze sitzt, erfüllt in der Regel mindestens zwei der folgenden Kriterien: Eton, Oxbridge, Altgriechisch.