Der fünfjährige Max fährt gemeinsam mit seinem Bruder zu seinen Großeltern. Die leben in einem riesigen Haus mit noch größerem Garten, sind unglaublich geduldig, sorgsam und gutmütig, haben jederzeit Lust, mit ihren Enkeln zu spielen. Natürlich trägt Oma einen flotten Kurzhaarschnitt und versorgt die zwei kleinen Racker liebevoll, nachdem Opa mit ihnen ausführlich in der Garage gewerkelt hat.

Das sind Großeltern wie aus dem Bilderbuch – in diesem Fall tatsächlich, stammt diese Szene doch aus dem 2012 erschienenen Pixie-Heft Max fährt zu Oma und Opa, das Kinder auf den Besuch bei Großeltern vorbereiten soll. Dieses Großelternbild der Geschichte bildet treffend ab, wie Großeltern gern dargestellt werden. Das Online-Portal grosseltern.de trägt den Untertitel Das Beste für meine Enkel. Und in den sozialen Medien werden Großeltern gefeiert: Auf dem Youtube-Kanal der Influencerin Bibi Heinicke unter ihrem Videoklassiker Meine Oma erklärt das Internet, in dem Bibis weißhaarige Bilderbuch-Oma ihr unbekannte Begriffe erklärt, wimmelt es nur so von "Deine Oma ist so süüüüüß"-Kommentaren und Herzchen-Smilies.

Stefanie Lohaus ist Journalistin, Herausgeberin und Redakteurin des "Missy Magazine". Sie lebt in Berlin und ist Mitglied der Redaktion von "10 nach 8". © Urban Zintel

Doch wie häufig gibt es Bilderbuch-Großeltern wirklich? In einer im Dezember 2019 veröffentlichten Forsa-Umfrage im Auftrag des Versicherers CosmosDirekt unter 1.000 Großeltern ab 50 Jahren gaben 46 Prozent an, ihre Kinder und Enkelkinder im Alltag zu unterstützen: etwa als Abholdienst oder bei den Hausaufgaben. 49 Prozent verbringen laut dieser Studie regelmäßig Freizeit mit ihren Enkelkindern.

Das ist schön. Sehr schön sogar – wenngleich die Diskussionen in Elternforen, Kolumnen wie auch die Tipps in Erziehungsratgebern zeigen, dass diese Unterstützung durch die Großeltern nicht immer so harmonisch verläuft, wie unser Bild von der liebevollen Großmutter es erwarten ließe. Wichtiger ist jedoch die Frage: Was ist mit der anderen Hälfte der Großeltern? Jener knappen Mehrheit, die diese Art Unterstützung der Enkelkinder – und damit natürlich auch der eigenen Kinder – nicht leisten können, wollen oder dürfen? Warum wird so selten über Probleme in Großeltern-Eltern-Enkel-Beziehungen gesprochen, die eine aktive Großelternschaft verhindern? Oder über andere Formen von Großelternschaft, die eben nicht dem Bild der seit ewigen Zeiten verheirateten, stets helfenden und zugewandten Menschen entsprechen? 

Es gibt auch sie, die Großeltern, die ein reges Privatleben haben, mit Freunden, Hobbys, Reisen oder Ehrenamt, und einfach keine Lust haben, zugunsten der Enkelkinder darauf zu verzichten. Die krank sind und sich nicht kümmern können. Oder die, die Enkelinnen nicht sehen dürfen, weil es Streit mit Kindern oder Schwiegerkindern gibt. Was ist mit den Großeltern, die ihren eigenen Kindern oder Enkeln Gewalt angetan haben? Und was ist mit geschiedenen Großeltern, mit sozialer bzw. Stiefgroßelternschaft? Diese Großeltern sind weitgehend unsichtbar, obwohl es sie doch geben muss: Schließlich lag die Scheidungsrate in Deutschland schon 1980 bei 28,4 Prozent.  

Wie viele unserer Vorstellungen von Familie, geht auch unsere Vorstellungen von Großelternschaft – in erster Linie Großmutterschaft – auf das bürgerliche Familienbild des 18. Jahrhunderts zurück. In dieser Zeit entstand nicht nur das Ideal der bürgerlichen Kleinfamilie mit festgelegten Rollen für Väter (Familienernährer) und Mütter (Hausfrau), sondern auch das Bild der liebevollen Großmutter, die Mützchen häkelnd auf dem Schaukelstuhl sitzt und den Kleinen Märchen erzählt. Damals nur noch nicht mit flottem Kurzhaarschnitt, sondern mit hochgestecktem Dutt. Vor dem 18. Jahrhundert war Großelternschaft aufgrund der geringen Lebenserwartung der Menschen nicht weit verbreitet – bis ins 17. Jahrhundert hinein erlebten nur 10 Prozent der Menschen die Großelternschaft, schreibt die Historikerin Dr. Juliane Haubold-Stolle in ihrem Buch Oma ist die Beste. Eine Kulturgeschichte der Oma

Doch ähnlich wie die bürgerliche Vorstellung der idealen Hausfrauen-Mutterschaft, war das Ideal der sich kümmernden Großmutter bis ins 20. Jahrhundert nur privilegierten Frauen vorbehalten. Großmütter, die etwa in der Landwirtschaft arbeiten mussten, versorgten die Enkel eher nebenbei, schreibt Haubold-Stolle. Die perfekte Oma, sie ist also nicht nur Produkt einer eher kurzen historischen Spanne, sondern eben genau das: ein idealisiertes Bild, dem ältere Frauen mehr oder weniger entsprachen.

Und Großväter? Großväter tauchten in der Rolle der Kümmerer historisch ohnehin selten auf; eine Ausnahme ist der Alm-Öhi aus Johanna Spyris weltberühmten Heidi-Romanen von 1880 bzw. 1881, ein verschrobener Einsiedler, der durch das Zusammenleben mit seiner verwaisten Enkelin vom Opa wider Willen zum liebevollen Großvater und Menschenfreund wird. Heute scheinen Großväter sich mehr zu kümmern, wenn man der bereits erwähnten Forsa-Studie folgt, die eine ähnlich hohe Beteiligung von Großvätern wie Großmüttern an der Enkelbetreuung ergeben hat.

Die Rollen und familiären Aufgaben von Großeltern haben sich in den vergangenen Jahrzehnten gewandelt, wie zuletzt die polarisierende Debatte um das satirische Kinderlied Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad zeigte, bekannt unter #Omagate. Die Zeile "Meine Oma ist 'ne alte Umweltsau", an der sich die Debatte entzündete, kann zurecht als Geschmacklosigkeit oder Altersdiskriminierung kritisiert werden. Dass aber rechte Gruppierungen den Text als einen Angriff auf eine Art Nationalheiligtum verstanden wissen wollen, lässt sich nur nachvollziehen, wenn man versteht, dass das idealisierte Großmutterbild bis heute Wirkung zeigt. Es ist also an der Zeit, endlich ein facettenreiches und realistisches Bild von Großelternschaft zu zeichnen.