In dem ebenso eigenwilligen wie rätselhaften niederländischen Film Antonias Welt von 1995 gibt es eine Szene, in der die hoch intelligente Thérèse kurz nach der Entbindung ihre neugeborene Tochter in den Arm gelegt bekommt. Thérèse sitzt im Krankenhausbett und liest ein Buch, von dem sie keinen Moment lang aufsieht. Irgendwann nimmt man ihr das Baby wieder ab, während sie unbeirrt weiterliest. Was im Film die fehlende Beziehung zwischen Mutter und Kind ausdrückt, lässt sich auch als Verbildlichung einer tiefen Versenkung in einen Text verstehen. Thérèse ist so absorbiert, dass sie den Blick nicht von den Buchseiten abwenden kann.

Die Frage, warum und wie uns ein Buch, ein Film, ein Theaterstück fesselt, ist – trotz vieler Jahrhunderte wirkungsästhetischer Forschung – bis heute im Kern ungeklärt. Da manche Kunstwerke gern und viel betrachtet werden, gibt es offenbar Themen, an die viele Menschen einer Epoche anknüpfen können. Andererseits ist unbestritten, dass es individuelle Vorlieben und Abneigungen gibt, und dass manche Texte, die die einen entzücken, die anderen aber kalt lassen. Doch auch in Bezug auf die Frage, wie das Sich-Verstricken, das Berührt- und Angestachelt-Werden eigentlich funktioniert, welche Saiten es in uns zum Klingen bringt, herrscht alles andere als Einigkeit.

Dabei ist das keine theoretische Frage ohne praktische Geltung. Denn die Auseinandersetzung mit Kunst ist eine Art Prüfstein für den emotionalen Reifegrad einer Gesellschaft. Schaffen wir es, auf diesem privilegierten, weil ganz eigenen Gesetzen gehorchenden Feld über relevante politische Fragen nachzudenken? Das erfordert nämlich nicht nur eine entsprechend komplexe und gekonnt vermittelte Kunst, sondern auch eine Eigenschaft der Rezipientinnen und Rezipienten, die sowohl der Einzelne als auch die Gesellschaft entwickeln müssen und die nie für immer gewonnen ist: die Fähigkeit, sich mit einer Sache in Beziehung zu setzen, ohne sie mit den eigenen Wünschen oder Ängsten zu überformen. Sich also gerade dort wiederzufinden und berühren zu lassen, wo man persönlich nicht gemeint ist, und darüber eine Verbindung mit der Welt außerhalb des Ichs herzustellen. Wie kann man sich das vorstellen?

Bernadette Grubner arbeitet als Literaturwissenschaftlerin an der FU Berlin und denkt über Literatur, Psychoanalyse und Theorien der sexuellen Differenz nach. Aktuell forscht sie zur Begriffsgeschichte des "Genießens“. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © privat

Es gibt eine Erzählung von Ilse Aichinger aus dem Jahr 1953, die vordergründig von etwas ganz anderem handelt. Doch möglicherweise kann sie unsere Frage ein wenig aufhellen. Ihr Titel lautet Der Gefesselte und erzählt wird von einem Mann, der eines Tages gefesselt unter einem Gebüsch aufwacht. Wie es zu dieser Fesselung kam, bleibt offen; jedenfalls sind die Schnüre so lose gebunden, dass er sich zwar fortbewegen, aber nicht ohne Weiteres befreien kann. Auf der Landstraße begegnet ihm ein Zirkusdirektor, den die genau abgemessenen, den Spielraum der Fesseln kalkulierenden Bewegungen faszinieren. Er macht den Gefesselten zur Attraktion in seinem Zirkus, wo dieser mehrere Monate lang freiwillig Kunststücke vorführt, ohne den Versuch zu machen, sich der Fessel zu entledigen. Und das, obwohl die Schnüre ihm in die Haut schneiden und schmerzhafte, immer wieder aufbrechende Wunden verursachen.

Als ich diese Erzählung in einem Einführungsseminar der Literaturwissenschaften besprach, hörte ich in einer Pause zwischen zwei Unterrichtseinheiten, wie zwei Studentinnen sich weiter über den Text unterhielten. Das Gespräch endete mit dem Seufzer: "Ich weiß nicht – ich mag diesen Text." So ging es mir auch: Ohne so recht zu wissen warum, mochte ich ihn. Womöglich hätte er mich nicht kurz nach einer Entbindung in seinen Bann geschlagen, aber eindeutig übt er eine Faszination auf mich aus, und das, obwohl kaum ein Handlungselement einen meiner Lebensbereiche berührt. Die Erzählgegenwart liegt vor meiner Geburt, ich bin kein namen- und altersloser Mann ohne Erinnerung an die unmittelbare Vergangenheit und mit einem über die Dörfer ziehenden Zirkus habe ich ebenfalls nichts zu tun. Was also interessiert an diesem Text? Und behandelt er – in seiner seltsamen, unrealistischen Anlage – vielleicht ein wichtiges Thema, das einen größeren Denkhorizont eröffnet?

Eine Auffälligkeit des Textes besteht darin, dass er auf die Details verzichtet, die eine Erzählung authentisch machen (das, was Roland Barthes den Realitätseffekt genannt hat). Die Reduktion aufs Allgemeine legt nahe, dass Der Gefesselte als eine Parabel zu lesen ist; der gefesselte Mensch steht für etwas Universelles. Aichinger lässt wenig Zweifel daran, dass es hier um eine große anthropologische Frage geht. Denn nicht nur wird der Gefesselte immer wieder mit Tieren verglichen – er wird als Attraktion in einem Zirkus auch ausgestellt wie ein Tier. Die Fessel hat also etwas mit dem Unterschied zwischen Mensch und Tier zu tun und man könnte auf die Idee kommen, dass hier die lange philosophische Tradition aufgerufen wird, der zufolge der Mensch, anders als das Tier, durch die Freiheit des Willens ausgezeichnet ist. Eine relativ simple Deutung würde dann lauten, dass ein gefesselter (seiner Freiheit beraubter) Mensch ein Tier ist oder zum Tier wird. Dass unser Titelheld gegen Ende des Sommers eigenhändig einen aus dem Zirkus entlaufenen Wolf erwürgt, wobei ihm die Fessel nicht hinderlich ist, sondern ihn, im Gegenteil, sogar stärker werden lässt, scheint diese Deutung zu unterstützen. Doch kann das die Grundlage für sein Faszinationspotenzial sein?