Alles, was vor dem Holocaust war – Seite 1
Wahrscheinlich war ich vier oder fünf, als ich auf die fixe Idee kam, ich sei Jüdin. Ich war mit meiner Großmutter auf dem Friedhof, wo sie wie alle alten Frauen meiner Kindheit einen beträchtlichen Teil ihrer Lebenszeit verbrachte, und ich ging immer gern mit, weil Friedhof für mich damals noch nicht Tod bedeutete, sondern ein Ort war, an dem es nach Blumen duftete und man im Dreck wühlen durfte und vor allem tausend Geschichten hören konnte. Mein Heimatort, ein Dorf in der Pfalz, rund zehn Kilometer von Speyer entfernt, war klein; es gab kaum einen hier Beerdigten, von dem meine Großmutter nichts wusste, und während wir das Unkraut vom Grab meines Urgroßvaters zupften, ließ sie sich manchmal erweichen, ein bisschen von den Leuten in den Reihen um ihn herum zu erzählen. Wir waren gerade dabei, die Gießkanne auffüllen zu gehen, als uns eine noch ältere Frau entgegenkam, Krückstock in der Hand, geblümtes Kopftuch ums Runzelgesicht:
"Un wie?"
"Jo, guud."
"Is des eier Jüngschd? Wie häßd
se’n?"
"Des is d’Sarah", antwortete meine
Großmutter.
In meiner Erinnerung biegen sich die Brauen der Frau nach oben, werden die eben noch von hängenden Lidern verdeckten Augen groß, während sie "oh, ein jüdischer Name" sagt.
Vielleicht lag es an dem plötzlichen Wechsel ins Hochdeutsche, das bei uns eigentlich dem Förmlichen und Fremden vorbehalten war; vielleicht daran, wie sie mich ansah, ein wenig von der Seite, als versuche sie, etwas zu ergründen. Auf jeden Fall war ich davon überzeugt, auf ein Geheimnis gestoßen zu sein. Glaubte ich wirklich, meine Eltern würden mich über meine Identität belügen? War es eher ein Spiel, etwas, mit dem ich mich selbst unterhielt, weil die dunklen Geheimnisse im Leben einer Fünfjährigen sonst eher spärlich gesät sind? Ich weiß es nicht mehr. Aber irgendetwas blieb, setzte sich an einer dieser Stellen weit, weit hinten im Bewusstsein fest, zu denen der Verstand keinen Zugang mehr hat und wo sich entscheidet, ob wir etwas als angenehm empfinden oder nicht, was uns anzieht, was uns abstößt, was uns weitergehen oder unwillkürlich innehalten lässt.
Es muss einige Jahre später gewesen sein, als ich die Gedenktafel entdeckte, gegenüber der Apotheke, so zugewuchert von einem Busch, dass ich ein Weilchen brauchte, bis ich die Inschrift darunter entziffern konnte, die an eine Synagoge erinnerte, die hier von 1830 bis zum 11. November 1938 gestanden hatte.
Ich war völlig überrascht. Auf den Gedanken, dass auch in meinem Heimatort Juden gelebt haben könnten, war ich bis dahin nie gekommen. Aber vielleicht hatte ich einfach zu oft gehört, was für ein Skandal es im Dorf gewesen sei, als meine evangelische Großmutter meinen katholischen Großvater geheiratet hatte, dass enorme Überzeugungsarbeit von Nöten gewesen sei (sprich: schwanger werden), um ihrem Vater die Zustimmung abzuringen … Eine dritte Glaubensgemeinschaft hatte ich in der Gemengelage einfach nicht für möglich gehalten.
Hm, doch, ja, ein paar jüdische Familien habe es wohl hier gegeben, sagte meine Großmutter, als ich sie beim nächsten Besuch darauf ansprach.
Ich schob mir ein Stück Apfelpfannkuchen in den Mund, wartete, dass sie weitersprechen würde. Aber meine Großmutter hatte auf einmal keine Zeit mehr zu reden. Stattdessen brauchte sie plötzlich ganz dringend etwas aus der Speisekammer, lief in die Waschküche, zurück "in’d Stub" – das Fachwerkhaus, das irgendein anderer auf dem Friedhof ruhender Vorfahre erbaut hatte, war 300 Jahre alt und geradezu absurd verwinkelt; mit ein bisschen gutem Willen konnte man sich darin ziemlich lang verlaufen.
Ja, was sie denn jetzt über diese Familien wisse, versuchte ich es noch mal, als sie irgendwann doch zurückkam. Meine Großmutter nahm meinen leeren Teller und trug ihn zum Waschbecken. Wandte mir den Rücken zu. Rieb mit dem Schwämmchen hin und her.
Na, die seien halt irgendwann
abgeholt worden. Und sonst? Für meine Großmutter gab es
kein "sonst".
Meine Güte, sagte sie, plötzlich ungewohnt ruppig, das sei eben "eine böse Zeit" gewesen, was ich denn bitte von ihr hören wolle?
Vergangenheit heißt 1933 bis 1945
Das Spülwasser tropfte von ihren Händen, während sie den Teller auf die Ablage stelle, ein wenig zu heftig, sodass der Geschirrstapel daneben einen Moment ins Schwanken geriet.
Man müsse die Vergangenheit endlich mal ruhen lassen, sagte sie, ohne sich umzudrehen, wem solle das denn was bringen, sie bekomme eh schon jedes Mal Albträume, wenn wieder was von diesen ganzen halb verhungerten Menschen im Fernsehen liefe, sie hätten doch nichts gewusst!
Ich hörte, wie sich ihre Stimme überschlug, wie sie immer defensiver wurde, sich gegen einen Vorwurf zu verteidigen begann, den ich ihr, die bei Ausbruch des Krieges selbst gerade mal fünf Jahre alt gewesen war, gar nicht hatte machen wollen.
Vor allem aber ging es mir in diesem Moment überhaupt nicht um "die böse Zeit". Vielmehr entsprang meine Frage ganz simpler Neugierde, wollte ich mir einfach nur wieder ein bisschen was erzählen lassen. Aber die Juden hatten keine Geschichten. Was auch immer einmal davon da gewesen sein mochte, war zusammen mit ihnen verschwunden, war überlagert von der Geschichte der Verschleppung, der Verfolgung, der bestialischen Vernichtungsmaschinerie, die nicht nur diese Leben ausgelöscht hatte, sondern anscheinend auch jegliche Erinnerung daran. Für meine Großmutter war der Tod so präsent, dass nichts anderes daneben Platz hatte, dass dort, wo andere eine Biografie hatten, nur noch ein schwarzes Loch klaffte.
Und je älter ich wurde, desto öfter bemerkte ich, dass es offensichtlich auch ziemlich vielen anderen so ging.
Es wäre unehrlich zu behaupten, ich hätte mich wahnsinnig angestrengt, diese Lücke zu füllen. Aber alle paar Jahre, mal in der 9. Klasse, als ich Ephraim Kishon entdeckte, dann wieder zu Beginn des Studiums, als ich fünf Minuten lang Geige lernen wollte und es schick fand, Yehudi Menuhin zu hören, kam es doch vor, dass ich aus einem plötzlichen Impuls heraus einen Buchladen betrat und nach etwas zum Thema "Judentum" fragte. Doch in den Regalen stand immer dasselbe: Bücher zum Holocaust. Bücher über Juden im Ghetto. Bücher über Juden im Lager. Bücher über tote Juden. Hie und da auch Bücher über überlebende Juden. Aber selbst die setzten meist erst in dem Moment an, wenn der erste Stein durch die Scheibe flog, und endeten fast ausnahmslos mit der Befreiung aus dem KZ, als würde das, was darauf folgte, ohnehin keinen interessieren.
Ich las die Bücher trotzdem nach und nach, und ich bin froh, dass ich sie gelesen habe, genauso, wie ich froh bin, dass sich Menschen bis heute, 75 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz, immer weiter mit der Schoah beschäftigen. Ich bin froh über all die Veranstaltungen, die auch jetzt wieder um den internationalen Holocaustgedenktag am 27. Januar stattfinden, selbst wenn die Appelle deutscher Volksvertreter gegen Antisemitismus ein wenig schal wirken, wenn ein Gericht im selben Land das Werfen eines Molotowcocktails auf eine Synagoge als "Israelkritik" bezeichnet. Trotzdem, ich bin froh, dass sich die Haltung meiner Großmutter nicht durchgesetzt hat, genauso wenig wie die all der anderen, die sich in den vergangenen Jahren immer lauter einen Schlussstrich wünschen, dass wir trotzdem weiterreden, die Vergangenheit eben nicht ruhen lassen.
Aber Vergangenheit geht in Deutschland immer nur von 1933 bis 1945.
1.700-jährige Geschichte wird meist vom Ende her gelesen
Das Davor ist heute so wenig Teil der kollektiven Erinnerung, dass Freunde, die mich in Tel Aviv besuchen, wo ich seit zehn Jahren lebe, immer wieder verwirrt fragen, wie es denn eigentlich komme, dass so viele Straßen deutsche Namen trügen, sich wundern, dass auf jeder israelischen Speisekarte "Schnitzel" steht, dass das @-Zeichen "Strudel" heißt und Nickerchen "Shlafshtunde", die Scheibenwischer im Auto "Wisherim" und "Kann ich mal einen Schluck haben" "Efschar Schluck". Auch ich war überrascht, als ich das erste Mal nach Israel kam und die Melodie von Im Frühtau zu Berge mit hebräischem Text hörte, darüber, wie spürbar der Einfluss des Deutschen war, vor allem, wie oft es mir passierte, dass mich ältere Menschen freudestrahlend auf Deutsch ansprachen, darunter auch solche, die niemals selbst in Deutschland gelebt hatten.
Tatsächlich musste ich erst meine Heimat verlassen, um zu lernen, wie oft sich aschkenasische, also europäischstämmige Juden mit Deutschland identifizierten, teils, weil ihre Vorfahren Jahrhunderte zuvor von dort gekommen waren, (wovon nicht zuletzt das aus dem Mittelhochdeutschen entstandene Jiddisch zeugt, das bis zum Zweiten Weltkrieg noch von zehn Millionen Menschen gesprochen wurde), teils, weil die deutsche Kultur bei osteuropäischen Juden ein enormes Ansehen genoss.
Tatsächlich musste ich erst weggehen, um zu lernen, dass gar das Wort "Aschkenas" auf drei mittelalterliche Gemeinden in Deutschland zurückgeht: Worms, Mainz – und Speyer. Mein Speyer.
Tatsächlich musste ich erst nach Israel ziehen, bis ich auf die naheliegende Idee kam, mein Dorf einfach mal zu googeln, und zu sehen, dass ziemlich genau zu der Zeit, als meine Familie jenes Fachwerkhaus erbaute, sich auch ein gewisser Jud Ischi im Ort niederließ. Seit 1722 sind Juden in meinem Heimatdorf verzeichnet; in manchen Gegenden des einstigen Niedergermaniens sind sie es bereits seit der Antike.
Aber im Bewusstsein der meisten Deutschen schnurrt diese 1.700-jährige Geschichte auf einen winzigen Abschnitt zusammen, wird fast ausnahmslos vom Ende her gelesen, etwa, wenn das Werk des jüdischen Schriftstellers Heinrich Heine immer wieder auf dasselbe Zitat reduziert wird: "Dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man am Ende auch Menschen."
In Wahrheit muss vielen, die mehr als 100 Jahre nach jener Äußerung Heines die tatsächlichen Bücherverbrennungen miterlebten, die Vorstellung, man könne den "semitischen Geist aus dem Volkskörper heraustrennen", ziemlich naiv erschienen sein. Dafür waren die Spuren, die deutschsprachige Juden in nahezu allen Bereichen des öffentlichen Lebens hinterlassen hatten, viel zu umfangreich: in der Literatur durch Franz Kafka, Else Ury, Stefan Zweig, Alfred Döblin, Lion Feuchtwanger, Else Lasker-Schüler oder Kurt Tucholsky; in der Wissenschaft durch Albert Einstein, Sigmund Freud und Theodor Adorno; in der Musik durch Felix Mendelssohn-Bartholdy, Gustav Mahler und Kurt Weill; in der Politik durch Karl Marx, Ferdinand Lassalle oder Rosa Luxemburg.
Die Nationalsozialisten wollten nicht nur all das vergessen machen – sie wollten auch die alleinige Herrschaft darüber, wie Juden in Zukunft gesehen würden. Das Tragische ist: Sie waren damit ziemlich erfolgreich, haben es geschafft, dass den meisten von uns, wenn wir an Juden denken, spontan nicht etwa eins der Gesichter der oben genannten Menschen einfällt, sondern jene Bilder, die das Dritte Reich produziert hat, Bilder von Juden in Bahnwaggons, eingepfercht wie Vieh, Juden auf Pritschen, hinter Zäunen, ausgemergelt, abgemagert, bis zur Entmenschlichung entstellt auf Leichenbergen, Bilder, die dem, wie die Nazis Juden zeigen wollten, ziemlich nahe kommen. Diesen späten Triumph sollten wir ihnen nicht gönnen.