Der 17-jährige polnische Jude Herschel Grynszpan 1938 bei seiner Verhaftung in Paris, nachdem er den deutschen Diplomaten Ernst vom Rath erschossen hatte © Central Press/​Getty Images

Monty Ott ist Vorsitzender von Keshet Deutschland e.V. und setzt sich für queer-jüdisches Leben ein.

Es ist eigentlich nicht verwunderlich, dass viele Deutsche nur eine holzschnittartige Vorstellung davon haben, was das Judentum ist. In vielen Schulen lernt man das nicht anders. Judentum wird im Religions-, Ethik- und Geschichtsunterricht zwar behandelt, aber immer unter den gleichen Vorzeichen: Antisemitismus, Schoa oder als eine archaische, strafende Religion. Es ist wichtig, sich mit der Schoa und der NS-Zeit auseinanderzusetzen. Um Antisemitismus wirksam zu bekämpfen, müssen Bildungsangebote und gängige Narrative aber hinterfragt werden, weil sich in ihnen vielleicht auch ein Teil des Problems verbirgt. Denn jüdische Vielfalt wird aus ihnen verdrängt. Jüdisch-queeren Menschen fällt es sehr schwer, Vorbilder – vor allem weibliche – zu finden. Es gibt eine Fülle an Büchern, Filmen und Zeitungsberichten, die das Judentum mit Opferrollen verknüpfen, aber nur wenige, die sich damit beschäftigen, wie bunt, manchmal widersprüchlich und unterschiedlich das Judentum in Deutschland ist und immer war.

Queere Jüd*innen passen nicht in dieses Bild, daher finden Erzählungen von vielfältigen jüdischen Identitäten auch keinen Einzug in die populären Narrative. Über die mutigen, widerständigen Jüd*innen wird genauso wenig in Deutschland gesprochen wie über queere. So geht ein großes Stück (deutsch-)jüdischer Geschichte verloren. Wer es aber ernst meint mit der Auseinandersetzung mit der deutschen Geschichte, die*der sollte genau hier hinschauen. Akademisch orientiert man sich heutzutage häufig an den USA oder Großbritannien, nicht zuletzt, weil sich Deutschland mit dem millionenfachen Mord an Jüd*innen einen Teil seiner Seele geraubt hat. Denn es waren viele Jüd*innen, die auch an deutschen Universitäten und Instituten für neues Denken stritten und darüber nachdachten, dass auch alles anders sein könnte. 

Eine solche Person war Magnus Hirschfeld. Nach ihm ist heute eine Bundesstiftung benannt, die über geschlechtliche und sexuelle Vielfalt aufklärt. Es scheint ein wenig überflüssig, zu erwähnen, dass sie aus den Reihen der AfD regelmäßig angefeindet wird. Die Abgeordneten der vermeintlichen Alternative versuchen mit ihren parlamentarischen Möglichkeiten, die Arbeit der Stiftung zu erschweren, sie sogar ganz abzuschaffen. Nicht nur wegen der Ziele der Stiftung, sondern auch wegen des Namenspatrons. Er gründete 1919 das Institut für Sexualforschung und wollte damit die wissenschaftliche Erforschung "über das gesamte Sexualleben" auf eine neue Stufe heben. Doch Hirschfeld war nicht nur Forscher, er war auch Aktivist und machte zeit seines Lebens gegen den Paragrafen 175 mobil. Dieser stellte männliche Homosexualität unter Strafe. In der Weimarer Republik war der noch weitaus "milder" gefasst gewesen, er wurde erst 1935 durch die Nationalsozialisten verschärft. Das Institut war mehr als eine Forschungsstätte. Bis zu seiner Zerstörung 1933 war es auch ein Zufluchtsort – ein ganz physischer safe space. Und er war notwendig. Homofeindlichkeit wurde im sogenannten "175er" in ein Gesetz gegossen und stellte mit dem salonfähigen Antisemitismus die gesellschaftliche Zugehörigkeit queerer Jüd*innen grundsätzlich infrage. In ihnen, wie auch in anderen marginalisierten Gruppen, manifestierte sich das Scheitern der Aufklärung.

Eine kritische Auseinandersetzung mit der Vergangenheit bedeutet, daran mitzuwirken, dass Jüd*innen nicht mehr nur in der beschriebenen Rolle wahrgenommen werden, die, um mit Max Czollek zu sprechen, keineswegs "jüdische Pluralität (…) [abbildet], sondern das Versprechen auf Versöhnung für die deutsche Gesellschaft" einlösen soll. In der Rolle des Opfers sollen Jüd*innen nämlich das geläuterte Deutschland bezeugen. Gerade die Geschichte queerer Jüd*innen zeigt allerdings, dass Deutschland nach 1945 keineswegs "geläutert" war. Denn die Verfolgung von Homosexuellen wurde nach der deutschen Niederlage einfach fortgesetzt. Das betraf nicht nur schwule Männer, sondern auch lesbische Frauen. Sie wurden in Deutschland zwar nicht konkret durch den Paragrafen 175 verfolgt, ihre Sexualität wurde im Nationalsozialismus allerdings gleichermaßen als "entartet" betrachtet. Auch wenn sie nicht durch das Gesetz geächtet wurden, erlebten sie soziale und staatliche Repressionen, womit vielen nur der Weg in die soziale Isolation blieb. Ebenso lebten Transpersonen in ständiger Bedrohung. Auch wenn teilweise noch genitalanpassende Operationen möglich waren, erlebten homosexuelle Transpersonen ebenfalls vor und nach 1945 die Kriminalisierung durch den "175er".