Natürlich gab es eine Zeit davor. Eine Zeit, in der ich nur Konsumentin war. Partygirl. Verwegen, verstrahlt, exzessiv. Stets auf der Suche nach dem unaufhörlichen Rausch. In der Arbeitswelt des realen Lebens fand ich nie Anschluss. Nichts hielt sich lange. Jede Stelle, jedes Praktikum brach ich nach wenigen Wochen ab oder wurde fristlos beendet.

Wenn ich mal Geld verdiente, gab ich es für Moscow Mules, Zigaretten und High Heels aus. So vergingen Tage und Jahre. Ich war das, was böse Zungen gemeinhin als "Nichtsnutz" bezeichnen. Nachts jedoch war alles anders. Im Nachtleben gehörte ich dazu, denn ich kannte sie alle. Da erlaubte man mir, zu sein, wer ich wirklich war. Da wurde ich von Türstehern erkannt, stand auf den wichtigsten Gästelisten der Stadt und bekam ununterbrochen Free Drinks. Und die Stimme in meinem Kopf, die mich zum Feiern zwang, hielt nie die Klappe. 

Mit 25 eröffnete ich meinen ersten eigenen Club. Meine Bühne und mein Zuhause. Mein Vater, ein Automatenaufsteller, war gerade gestorben und meine Mutter, eine Casinobetreiberin, verhalf mir zum nötigen Kredit für meine Selbstständigkeit. Ich hatte ihr erzählt, dass ich etwas im Nachtleben hochziehen wollte, weil ich eine beeindruckende Plattensammlung habe, mit diversen DJs befreundet bin und mich mit dem Trinken auskenne. Also gingen wir zusammen zur Bank und legten dem Sachbearbeiter mein Businesskonzept vor. Der wiederum hatte nur eine Frage: "Kann man in Berlin wirklich Cocktails für neun Euro verkaufen?" Spätestens da wurde mir klar: Alkohol ist die letzte Goldgrube Berlins.

Meinen ersten Club benannte ich nach einem Spruch meines Vaters, der immer sagte: "Häng mal nicht den Larry raus." Larry – das ist Slang für "eine Show abziehen", "sich wichtigmachen", "angeben". Also all das, wofür mein Club stehen sollte. Das Larry war der Laden, auf den Berlin-Mitte verzweifelt gewartet hatte, ohne zu wissen, dass es ihn überhaupt brauchte. Im Larry gab es Konzerte, DJ-Gigs und Performances. Es gab Aftershowpartys von namhaften Galerien, Berlinale-Premieren und Fashionweek-Events. Meine Stammgäste, all die Gestalten, die mir auf meinen eigenen Sauftouren immer und immer wieder begegneten, waren Prominente, Intellektuelle, Künstler, Untote, Schickimickis und ich selbst.

Im Larry gab es jede Woche die Rebecca-Show. Ich war ein schüchternes Kind und eine Außenseiterin gewesen. Wegen meiner tiefen Stimme war ich oft gehänselt worden. Ich sagte wenig. Und wenn doch, dann fiel man mir ins Wort oder hörte nicht zu. Doch im Nachtleben war es anders. Im Nachtleben war meine Stimme mein Kapital. Ich klang wie drei Schachteln Kippen und roch nach Exzess. Ich war die Gastgeberin. Meinetwegen kam man ins Larry.

Aus meinen Gästen holte ich das Beste raus, füllte sie mit Instant Margaritas ab (ein Drink ohne Glas) und ließ sie auf dem Tresen tanzen. Jeder wurde zum hemmungslosen Vollsuff animiert. Einen stocksteifen Anwalt verwandelte ich in einen Ladykiller. Einen Betrunkenen, den ich gerade erst kennengelernt hatte, ernannte ich spontan zum Türsteher, bis ich ihn wieder auf die Tanzfläche verwies. Andere tanzten im Schaufenster und spritzten mit Champagner. Zeitweilig hatten die Toiletten keine Trennwände, doch den Leuten war es egal. Sie benutzten sie trotzdem und ließen sich ungeniert dabei fotografieren. Jeder durfte für eine Nacht lang so expressiv sein, wie er wollte.