Seit Kaiser Wilhelm II. abgedankt hat, müssen die Deutschen ihre royalen Sehnsüchte in Ersatzformaten wie Shopping Queen und Dildo King ausleben. Ansonsten bleiben ihnen noch die Boulevardblätter. Oh Gott, diese Blätter ... Nichts ist ihnen zu nichtig, um nicht in einer seiten- und wochenlangen Nahaufnahme auseinandergenommen zu werden. Die Körper der Prinzessinnen, die Bäuche der Herzoginnen, die Füße der Fürstinnen, ihre Finger, ihre Taillenumfänge, Gesichtsausdrücke, Gesten, Bewegungen – das sind keine Fantasiekategorien, sondern Tagesgeschäft in Bunte, Bims und Bums. Wer sich wirklich dafür interessiert, wie pervers der Blick auf Frauen ist, sollte eines dieser Blätter zur Hand nehmen. Das Paralleluniversum "Klatschmagazin" als frauenfeindlich, erniedrigend und reaktionär zu beschreiben, ist geradezu vornehm, nobel und zurückhaltend ausgedrückt.

Diese Woche aber schaffte es eine Meldung in ausnahmslos alle deutschen Zeitungen. Prinz Harry und seine Frau Meghan Markle gaben bekannt, dass sie von allen royalen Pflichten entbunden werden wollen, um in Zukunft finanziell unabhängig außerhalb des Königshauses leben zu dürfen. Mit anderen Worten: Prinz Harry will vom Prinzharrysein zurücktreten. Um arbeiten zu dürfen, braucht er allerdings Omas Erlaubnis

Harrys Wunsch, so wird nun allseits interpretiert, habe auch mit dem medialen "Druck" zu tun. Das liest man hier und da in einem dieser Mistblätter, die diesen Schritt nicht etwa zum Anlass nehmen, ihre Arbeit zu reflektieren, sondern im Gegenteil weiter über Meghan Markle Geschichten verbreiten. Alle Frauen in allen Königshäusern haben es mit dieser Form der Berichterstattung zu tun, wo die Geschichten auf der Grundlage von Nichtswissen, Nichtskennen, bei gleichzeitig null Zugang zu den Palästen funktioniert. Niemand kennt die familiären Verflechtungen, über die seit Harrys Hochzeit spekuliert wird. Was man aber sehr genau erkennen kann, ist, dass Harry und Meghan es von Anfang mit einer besonders boshaften und missgünstigen Presse zu tun haben.

Über Harrys Schwägerin Kate, geborene Middleton, wird im Gegensatz zu Meghan besonders speichelleckerisch und duckmäuserisch berichtet, obwohl Kate genau wie Meghan eine "Bürgerliche" ist. Der einzige Unterschied ist, dass Kate aus vermögendem Haus kommt und niemals gearbeitet hat. Wohingegen Meghan viel arbeitete und viel verdiente. Sie kommt aus einer normalen amerikanischen Familie, mit normal zerrütteten Verhältnissen. Alles in allem nichts Besonderes. Der Vater ist wohl etwas kompliziert. Aber ehrlich gesagt geht es einen nichts an. Verfügt irgendjemand in diesem Leben über eine Bilderbuchfamilie? Also bitte. Ob das der Grund ist, dass sie weltweit in ausnahmslos allen Blättern als zutiefst verabscheuenswerte, intrigante, doofe Frau überzeichnet wird? Manche sagen, es sei ihr Beruf, andere schieben es auf ihre Hautfarbe. Dabei weiß man doch, wie Mobbing funktioniert. Es sagt nie auch nur eine Silbe über das Opfer aus, aber sehr viel über die Täter. Man sollte gar nicht erst versuchen den psychopathischen Wahnsinn dieser weltweiten Gemeinschaftstat in rationale Bahnen zu lenken.

Harry verlor seine Mutter bei einer dieser Paparazzijagden, was eine Ungeheuerlichkeit sondergleichen ist. Der Wunsch des Paares nach Eigenständigkeit und Unabhängigkeit passt vermutlich nicht zur monarchischen Doktrin der Rangordnungen, Hierarchien und lauter anderem Regelwerk, das man wahrscheinlich besser vertragen kann, wenn man weiß, dass die Krone in absehbarer Nähe winkt. Wenn man aber in der Thronfolge irgendwo hinten steht, wozu soll man sich da unterordnen?