Leben im real existierenden Islamismus – Seite 1

Irans wichtigster zeitgenössischer Philosoph, Abdel Karim Sorusch, sagte einmal: Das iranische Volk war so islamisch, dass nur eine Islamische Revolution diese Wurzeln ausreißen konnte. So wie Sorusch es beschreibt, hat es sich ereignet. Die iranische Bevölkerung war so religiös, dass nur vierzig Jahre real existierender Islamismus alles ändern konnte. Früher gingen wir raus zum Trinken und beteten zu Hause – jetzt machen wir es umgekehrt. So lautet ein inzwischen geläufiger Ausspruch unter Iranerinnen und Iranern.

Ja, der Iran war einst ein sehr religiöses Land. Damals, in den Sechziger- und Siebzigerjahren und vorher sowieso. Mohammed Reza Pahlevi, der von 1942 bis 1979 als Schah regierte, hatte zum Teil revidiert, was sein Vater nach dem Vorbild Atatürks angerichtet hatte, eine Zwangsmodernisierung. So erlaubte er zum Beispiel den Frauen, wieder verschleiert auf die Straße zu gehen – was sein Vater ihnen verboten hatte. Allerdings tat Mohammed Reza Pahlevi all dies eben nicht auf die harte Tour wie Atatürk oder sein Vater. Der hatte Kahlschlag begangen, seinem Vorbild Atatürk gleich und sogar extremer: Er verbot das Kopftuch – um nur das prägnanteste Beispiel zu nennen – und meinte, auf diese Weise den Iran zu einer modernen Nation zu machen. Auf dieses Ziel hatte er unerbittlich hingearbeitet: Er betrat mit Reitstiefeln den Schrein von Ghom und peitschte einen Mullah aus, weil dieser erklärt hatte, ohne Kopftuch käme auch die Frau des Herrschers nicht in die heilige Stätte. Mehr Ausdruck kann man seiner Attitüde nicht verleihen. Nicht ohne Grund wurde das Kopftuch später zum Symbol.

Geistliche boten den Menschen Zuflucht und Rückhalt

Doch noch einmal einen Schritt zurück: Unter dem Schah Mohammed Reza Pahlevi kamen Jahre, in denen Oppositionelle sich nur heimlich trafen und unterhielten. Man wurde zwangsläufig religiös, man ging eben zum Beten raus – aber dort, wo man betete, ging es nicht ums Gebet. Mitnichten. So erstarkten die revolutionären Kräfte. Die Geistlichen galten als posht-o-panah-e mardom, als Rückhalt und Zuflucht des Volkes. Irgendwann ging man ihretwegen zum Gebet. Und beim Gebet hörte man Chomeini, der von seinem französischen Exil aus mittels Kassetten den Schah angriff.

Die Revolution 1979 verlief dann zwar anders, als von den meisten erhofft, doch sie ging in die Geschichte ein als Widerlegung der sogenannten Säkularisierungsthese. Noch 1959 hatte der amerikanische Religionssoziologe Charles Wright Mills in seinem Buch Sociological Imagination prognostiziert, dass Religion bald aus dem öffentlichen Raum verschwunden sein würde. Wissenschaftler und Journalisten folgten ihm in dieser These weitgehend. In den Sechziger- und Siebzigerjahren des letzten Jahrhunderts wurde es ein Gemeinplatz soziologischer Forschung, dass Religionen überall auf der Welt im öffentlichen Raum an Bedeutung verlieren würden.

Doch nach den Erfahrungen mit der Islamischen Revolution im Iran und den religiösen Erweckungsbewegungen in Lateinamerika leiteten Rodney Stark und Roger Finke im Jahre 2000 eine Kehrtwende ein, als sie in ihrem Buch Acts of Faith erklärten, nach beinahe drei Jahrzehnten der Fehleinschätzung sei es an der Zeit, die sogenannte Säkularisierungsthese zu begraben. Während also noch wenige Jahrzehnte zuvor das Ende der öffentlichen Religion gekommen zu sein schien, galt dies nun offenbar für das der Säkularisierung. Als Beleg wurde meist an allererster Stelle der Iran zitiert, zuletzt von Mark Lilla, Professor an der Philosophischen Fakultät der Columbia University, an prominenter Stelle in seinem Essay The Politics of God.

Der Klerus möge sich um die Seelsorge kümmern

Straßenszene in Teheran aus dem Sommer 2019 © STR/​AFP/​Getty Images

Das Aufkommen einer starken Gegenbewegung und sogar ein kurzfristiger Rückschlag müssen jedoch nicht zum Scheitern dessen führen, was heutzutage im Iran durchaus zu beobachten ist, nämlich Säkularisierung. In seinen 2012 veröffentlichten Aufsätzen Nachmetaphysisches Denken schrieb Jürgen Habermas: "Nach meinem Eindruck geben die global erhobenen Vergleichsdaten den Verteidigern der Säkularisierungsthese immer noch eine erstaunlich robuste Rückendeckung." Und weiter: "Richtig bleibt die Aussage, dass sich Kirchen und Religionsgemeinschaften im Zuge der Ausdifferenzierung gesellschaftlicher Funktionssysteme zunehmend auf die Kernfunktion der seelsorgerischen Praxis beschränkt haben."

Das lässt sich auch im Iran beobachten: Auch dort besteht zumindest der wachsende Wunsch, dass sich die "Kirche", oder um es etwas terminologiesicherer auszudrücken, die Institution Geistlichkeit, sāzemān-e ruhāniyat, auf die Kernfunktion der seelsorgerischen Praxis zurückziehen möge. Sie wird eben nicht mehr als posht-o-panah gesehen, auch wenn sich das viele wünschen.

Keine direkte Rolle in der Politik, bitte

Gemäß einer Umfrage der Gallup Organization, einem der führenden amerikanischen Meinungsforschungsinstitute, die zwischen März 2005 und September 2006 im Iran, Ägypten, Indonesien, Pakistan, den palästinensischen Gebieten, der Türkei und den USA durchgeführt wurde, sagen 56 Prozent der befragten Iraner, Geistliche sollten keine direkte Rolle in der Politik spielen. Zum Vergleich: In Indonesien lehnen eine direkte Rolle der Geistlichen in der Politik 53 Prozent der Befragten ab, in Pakistan 40 Prozent und in den USA 65 Prozent.

Zu ähnlich interessanten Ergebnissen kommt der World Values Survey. Es ist die umfangreichste und umfassendste Umfrage zu sogenannten "menschlichen Werten", die je durchgeführt wurde. Es handelt sich dabei um ein fortlaufendes akademisches Projekt von Sozialforschern und -forscherinnen, die ermitteln wollen, welcher Status den verschiedenen soziokulturellen, moralischen, religiösen und politischen Werten in den verschiedenen Kulturen der Welt beigemessen wird. Dem World Values Survey zufolge sind die befragten Iraner zwar religiös und haben eine starke Bindung zu Gott, aber sie erwarten keine Antworten mehr bezüglich sozialer, politischer und persönlicher Probleme von den Geistlichen. Fast vierzig Prozent geben an, die Kirche vermöge es nicht, Antworten auf soziale Problemstellungen zu geben.

Damit ist der Iran vergleichenden Umfragen zufolge das mit Abstand säkularisierteste Land im Nahen Osten. Der Iran ist postislamistisch, wie interessante Forschungen zum Beispiel von Asef Bayat zeigen. Und Sorusch hatte dann wohl recht: Dazu brauchte es ein umwälzendes Ereignis, wie die Revolution im Iran. Denn viele Menschen sagen sich heute: Wenn dies der reine mohammedanische Islam ist, dann besser nicht. Der Islam wird dort inzwischen gleichgesetzt mit Korruption, Zensur, Unfreiheit, Gängelung. Deswegen versuchen auch immer mehr Geistliche, einzuschreiten, sie wollen selbst wieder zu ihrer traditionellen Rolle zurück. Für die Geistlichen wie auch die Bevölkerung wird Religion immer mehr zur Privatsache. So geht der Theokratie Iran das Konzept verloren.