Am Wochenende sah ich eine Auseinandersetzung auf Twitter, in der die SPD-Vorsitzende Saskia Esken einen anderen Nutzer duzte. Dieser entgegnete: "Noch sind wir nicht per Du. Ist dies die Arroganz der Macht?" Esken musste daraufhin den unwissenden User über die Konventionen von sozialen Netzwerken aufklären: "Das ist Twitter."

Im Folgenden werde ich zeigen, dass Saskia Esken völlig recht hat, wenn sie in sozialen Netzwerken ihr sozialdemokratisches Du auch für Nicht-Genossen und Unbekannte nutzt. Der Grund: Das Sie ist nicht immer und überall die höfliche und respektvolle Form der Anrede, sondern ein verbliebenes Symbol der Macht und speziell dann ein Zeichen der Respektlosigkeit, wenn es in Zusammenhängen benutzt wird, deren Gesprächsregeln längst anders definiert sind. Zum Beispiel Twitter.

Dazu klären wir zunächst einmal kurz für alle, die nun intuitiv denken "Ach, wo ist das Problem? Schließlich haben wir das doch immer so gemacht", weshalb das Siezen weder mit Konvention noch mit einer konservativen Grundeinstellung begründet werden sollte. Betrachtet man die guten alten Zeiten, wäre allein das Ihr wirklich konservativ. Das ist immerhin die ordentliche Ansprache im 16. Jahrhundert. Ein Jahrhundert später setzt sich Er, also die dritte Person Singular, durch, erst seit ungefähr 200 Jahren sind wir beim Sie. Aber selbst in dieser historisch relativ kurzen Zeit bleibt das Sie nicht ansatzweise statisch. So hat noch Knigge zum Beispiel Frauen das Privileg gegeben, auch Ranghöheren das Du anzubieten. Das gehört heute nicht mehr zur Umgangsform

Konventionen befinden sich also ständig in einem Zustand der dynamischen Veränderung und werden regelmäßig ganz abgeschafft und neu gebildet. Konservative, die das anerkennen und keine Reaktionäre sein wollen, fragen sich also lieber, wie man aktuelle Konventionen updatet – im Zweifel auch, damit nicht alles in Konventionslosigkeit versinkt, was ja kein vernünftiger Konservativer wollen kann.

Das grundlegende Problem der Du-Sie-Konvention ist nun aber, dass sie fundamental auf der Ideologie basiert, Menschen in eine hierarchische Struktur einzuordnen. Denn wenn das Sie ein Zeichen von Respekt ist und der Chef es eher verdient als der Arbeitnehmer, ist die logische Implikation, dass ein Chef mehr Respekt verdient. Und wenn ein 40-Jähriger grundsätzlich das Sie mehr verdient als ein 17-Jähriger, dann impliziert das zusätzlich einen Zusammenhang zwischen Alter und Respekt. Und wenn Chefs und Ältere darüber entscheiden können, ob zwei Leute sich nun duzen oder siezen, bedeutet das: Sie bestimmen. Ganz grundsätzlich und über alles Wichtige. Das passt auch zu der Zeit, aus der diese Regeln stammen. Damals durften die Mächtigen (also die Alten und Reichen) auf Basis von gesellschaftlicher Konvention und Gesetzen die Schwachen (also die Jungen oder Armen) viel eher entmenschlichen und missbrauchen.

Aber seitdem sind in unserer Kultur der Zufall und das Geburtsrecht immer weniger Grund für Status. Stattdessen rücken das Verhalten und die eigene Leistung von Personen in den Vordergrund. Wo der Adel noch aus Prinzip Status erhielt, geht es heute zum Beispiel um Anstand oder gute Arbeit. Kurz gesagt: In vielen Bereichen verleihen wir keine Respektpunkte für zufällige Ereignisse mehr. Die dem Siezen zugrunde liegenden Regeln beinhalten aber immer noch genau diese alten und überholten Konzepte. Deshalb ist es kein Wunder, dass die Sie-Form in manchen Teilen unserer Gesellschaft, wie zum Beispiel in Unternehmen, immer mehr abgeschafft wird.