Die Frage ist, ob "Klimahysterie" unter allen Umständen ein Unwort ist. Sicher, Hysterie ist eine veraltete psychiatrische Diagnose. Der amateurpsychologische Befund, jemand sei "hysterisch", dient heute in einer überwältigenden Vielzahl der Gebrauchsfälle dazu, speziell (junge) Frauen in Diskussionen zu übergehen, egal, wie gut ihre Argumente sein mögen. Das funktioniert auch mit "Klimahysterie", indem man sie auf eine vermeintlich alarmierte Tonlage reduziert, die wiederum – hystéra bedeutet im Altgriechischen Gebärmutter – mit ihrem biologischen Geschlecht verbunden wird.

Aber muss Klimahysterie in diesem Sinne gebraucht werden? Nein! Doch dazu später mehr.

Erst einmal ist zu sagen, dass die Jury, die das "Unwort des Jahres" bestimmt, gemäß ihren eigenen Regeln mit "Klimahysterie" eine sehr gute Wahl getroffen hat, wenn nicht sogar die in diesem Jahr bestmögliche. Anders als an vielen Stellen verkürzt paraphrasiert wird, kümmert sich das fünfköpfige Gremium ja nicht allein Jahr für Jahr um "unangemessene oder unmenschliche Formulierungen" (Katholische Nachrichten-Agentur) oder solche, "die gegen die Prinzipien der Menschenwürde oder Demokratie verstoßen" (dpa). Ausweislich der Initiatoren der sprachkritischen Aktion an der TU Darmstadt basiert jede Wahl auf der Grundannahme: "Unwörter entstehen im Gebrauch."

Das erklärt vielleicht auch, warum einige ältere der anfangs von der Gesellschaft für deutsche Sprache gekürten Unwörter heute seltsam harmlos wirken. Oder erinnert sich noch jemand daran, warum "Peanuts" (1994) oder "Ich-AG" (2002) so schlimm waren, dass sie tatsächlich unwortfähig wurden? Die entsprechenden Wörter wurden von entrückten Bankern in die Diskussion gebracht beziehungsweise von Sozialreformern, die mit einem positiv und zupackend klingenden Begriff (Ich! AG!) prekäre Lebens- und Beschäftigungsverhältnisse verschleiern wollten. Geblieben ist zwar die euphemistische Perfidie der Wortschöpfung und die soziale Realität dahinter, die der Begriff gerade nicht zu beschreiben versuchte. Doch vielleicht auch dank der Markierung durch die Unwort-Jury wird er heute kaum noch genutzt.

"Klimahysterie" aber ist just in seinem gängigen Gebrauch das vielleicht gefährlichste Wort dieser Tage. Indem es sich auf die größte Frage zur Fortexistenz unserer Zivilisation, wenn nicht gar unserer Spezies (von anderen Arten ganz zu schweigen) bezieht, impliziert es nicht nur, dass junge Aktivistinnen wie Greta Thunberg und Luisa Neubauer blind seien gegenüber den "wahren" Problemen und Zusammenhängen der Welt. Es stuft in einem Zug auch die drängenden Mahnungen von Wissenschaftlerinnen zum Kleine-Mädchen-Problem herab und hat dabei eben, anders noch als der verwandte "Klimawahn", neben der pseudoklinischen auch noch eine dezidiert frauenfeindliche Komponente. Es wird damit zur Waffe im Sprachgebrauch all jener, die das Unvergleichliche des Klimawandels zugunsten bestehender Diskursmachtverhältnisse tapfer leugnen.

Gerade die Komponente des Leugnens weist nun aber auf eine mögliche Verwendung des Worts, die legitim wäre. Dazu muss man vielleicht wissen, dass weder die Diagnose Hysterie noch die Beschreibung von seelischen Zuständen als "hysterisch" in der Vergangenheit Frauen vorbehalten war. Freud etwa benannte "den Hysteriker" zum Teil explizit männlich, "Hysterie" beschrieb bei ihm (und bei anderen) ein umfassendes Krankheitsbild. Grundsätzlich ist der Begriff der Hysterie schon für vieles gebraucht worden – warum also nicht der Begriff "Klimahysterie" für die Weigerung manch älterer Männer, die Realitäten des Klimawandels anzuerkennen? Solange man ihnen damit keine Persönlichkeitsstörung unterstellt.

Mehr Hysterie geht kaum

In diesem Sinne ließe sich sagen: Wenn jemand wie Alexander Gauland das Wort "Klimahysterie" gebraucht, um das Klimahandeln aller anderen im Bundestag vertretenen Parteien zu diskreditieren, ist just das ein Zeichen von – genau – Klimahysterie. Wer ernsthaft behauptet, CDU und SPD befänden sich in klimahysterischen Zuständen, bedient sich selbst klimahysterischer Zuschreibungen. Er leugnet die Bedingungen seines eigenen Lebens und argumentiert mit einer Scheinrealität, in der nicht zuletzt die Gesetze der Physik pseudowissenschaftlich neu definiert werden. Mehr Hysterie geht ja kaum.

In diesem Sinn schließen sich eine Anerkennung von "Klimahysterie" als Unwort des Jahres 2019 und die Aufforderung, das Wort ruhig weiter zu gebrauchen, mitnichten aus. Immerhin ist es eine beliebte Strategie von Rechtsextremen, die Bedeutungen von Wörtern wie zum Beispiel "Gutmensch" in ihr Gegenteil zu verkehren – höchste Zeit, dass dieser Spieß mal umgedreht wird! Wenn "Klimahysteriker" dann bezogen auf Gauland und seine Kumpanen 2020 zum "Wort des Jahres" würde, wäre das also überhaupt kein Widerspruch. Es wäre konsequent.