Die Umweltsau im Twitter-Dorf – Seite 1

In diesem Text möchte ich zeigen, dass man auf Social-Media-Debatten in keinem Fall überhastet reagieren sollte, weil die Aufregung oft größer erscheint, als sie eigentlich ist. Außerdem ist nicht immer sofort klar, ob eine kritische Masse von Leuten wirklich einen legitimen Punkt hat oder ob hier nur eine kleine Peergroup ihr Süppchen kocht, das man als Privatperson und erst recht als große öffentliche Institution nicht auslöffeln sollte. Das führt sonst nur dazu, dass zum Beispiel wir an dieser Stelle noch mal über etwas reden müssen, was doch eigentlich gar nicht der Rede wert war.

Der WDR hat ein Video veröffentlicht, in dem das Lied Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad auf klimaschädliches Verhalten einer fiktiven Oma umgedichtet wurde. Die Oma wurde von einem Kinderchor in der Version als "Umweltsau" bezeichnet – etwa so, wie in der Spottversion zu Von den blauen Bergen kommen wir ein fiktiver Lehrer "doof" genannt oder in der Weihnachtsbäckerei ein fiktives Kind als "Schwein" bezeichnet wird, nur eben mit satirischem Bezug darauf, dass es manche Boomer im Laufe ihres Lebens mit dem Umweltschutz nicht so genau genommen haben (und auch weiter nicht so genau nehmen). 

Darauf folgten empörte Kommentare von Leuten, die nicht zwischen einer satirisch-fiktiven Oma und der Summe aller Omas und Opas trennen konnten (oder wollten) und hier so etwas wie – na ja – Hetze gegen die ältere Generation vermuteten. Der WDR entfernte das Video schnell und strahlte eine Radio-Sondersendung zur Aufarbeitung aus, in der sich der Intendant Tom Buhrow im Rahmen einer Zuschauerbeteiligung selbst meldete, um sich "ohne Wenn und Aber" für das Video zu entschuldigen und anzumerken, dass sein 92-jähriger Vater gar keine Umweltsau sei.

Nun ist die Oma eines achtjährigen Kindes heute statistisch gesehen Jahrgang 1956 und weiblich und hat also nichts mit dem Dad von Tom Buhrow zu tun (wenn überhaupt mit dem 1958 geborenen Buhrow selbst). Aber was macht das schon, wenn AfD-Verbände den Chorleiter als "Kinderschänder" bezeichnen und Beteiligte und auch Unbeteiligte bedroht werden, während sympathische Kollegen von Pegida und neonazistischen Gruppierungen vor dem WDR-Gebäude rumbrüllen oder mit Demoschildern vor dem Haus der Eltern eines WDR-Mitarbeiters auftauchen? Dieser megaangemessenen Kritik aus der Mitte der Gesellschaft ist ja nun einmal Rechnung zu tragen, damit der gesellschaftliche Zusammenhalt nicht noch weiter leidet. Oder?

Weshalb die Aktionen und Reaktionen des WDR in dieser hitzigen Atmosphäre zuletzt unglücklich wirkten, haben bereits einige andere Artikel und Threads analysiert. Die grundsätzliche Frage bleibt aber, wie zukünftig verhindert werden kann, dass ein Thema, das keins ist, eins wird, weil zu viele Leute glauben, es wäre schon eins. Ich kann nun, auch aus meinen Erfahrungen bei YouTube heraus, die Überbewertung von Kritik, den Drang zur schnellen Reaktion und den Wunsch, aufkommende Unruhe durch frühes Einlenken in den Griff zu bekommen, total verstehen. Aber über die Jahre habe ich viel ausprobiert, wie ich mit diesem Impuls am besten und am souveränsten umgehe, und ein paar Erkenntnisse gesammelt, die ich mit euch (und mit Tom Buhrow) teilen möchte:

Tipp 1: Twitter ist nur eine sehr kleine Bubble

Nur zwei Prozent der Deutschen nutzen täglich Twitter. Frauen sogar so wenig, dass der Anteil in der oben verlinkten Studie auf null Prozent abgerundet wird. Medienforscher warnen deshalb bezüglich Twitter-Deutschland vor "verzerrten Relevanzrahmen und Stimmungsbildern, welche mit denen der Gesamtbevölkerung nur wenig zu tun haben". Das muss nicht bedeuten, dass bei Twitter keine relevante Kritik zu aktuellen Themen geäußert wird. Aber für die Diagnose, es gebe allgemein "Aufregung" über irgendwas, auf die man irgendwie reagieren müsse, taugt der Kanal, von dem aus auch die Umweltsau-Diskussion in die Welt kam, bei Weitem nicht. Nur zur Verdeutlichung: Wenn nur 0,001 Prozent der deutschen Bevölkerung (immerhin 830 Leute) sich halbwegs aktiv vernetzen und jeweils mehrere Tweets schreiben, können sie im Alleingang easy die deutschen Twitter-Trends (also die am häufigsten genutzten Hashtags) dominieren.

Tipp 2: Nicht jeder Kommentarhaufen ist ein Shitstorm

Unabhängig von der Plattform Twitter findet Empörung häufig in einer Bubble statt. Wenn ihr bei Facebook schnell 100 empörte Kommentare zum Beispiel unter einem Artikel eines großen Mediums seht, dann bedeutet das nicht unbedingt, dass hundert Bürgerinnen eigenständig und unabhängig zu derselben Einschätzung gekommen sind. Es kann auch gut sein, dass ein Mikro-Influencer seine Leute mobilisiert oder der Beitrag einfach in einem bestimmten homogenen Personenkreis die Runde macht – das haben andere in Bezug auf die Umweltsau bereits super aufgearbeitet. Das wiederum bedeutet nicht, dass nicht noch viel mehr Leute auch in der analogen Welt die Position der Hater teilen, aber für die Diagnose, die Aufregung sei allgemein "riesengroß", wie sie am 30. Dezember in der Aktuellen Stunde des WDR-Fernsehens zur Umweltsau zu hören war, taugt das eben zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Auch Tom Buhrows im gleichen Beitrag gesendetes Statement, "DIE älteren Leute" hätten es "vielfach" so empfunden, dass eine ganze Bevölkerungsgruppe diffamiert werde, ist mit gutem Grund sehr schwammig. Damit zum nächsten Punkt:

Wer ist eigentlich DIE Community?

Tipp 3: Nur weil (andere) Medienvertreter "Shitstorm" schreiben, ist es noch keiner

Ja, ich kann mir vorstellen, dass das verführerisch ist: Streit und Drama garantieren Aufmerksamkeit – und es spart Recherche (und verstößt zugleich gegen keinen Pressekodex), wenn man aus einer social-media-öffentlichen Auseinandersetzung nur zitiert und das mit völlig unkonkreten Ausdrücken wie "viele sind empört" einordnet – das können schließlich 50 oder 50.000 sein. Solche "Shitstorm"-Artikel sind also gut geklickt, schnell rausgepumpt und benötigen keine journalistischen Skills.

Aber um hier mal die Diskrepanz zwischen realem Streit und der Schilderung von Streit in der Presse anhand einer Anekdote klarzumachen: Meine Mutter sprach mich vor einigen Wochen an, ob sich der "Stress neulich" wieder gelegt habe. Ich wusste gar nicht, was sie meinte, und es stellte sich heraus, dass sie gelesen hatte, ich hätte angeblich einen großen Shitstorm wegen eines Videos gehabt. Da ich nur selten Artikel über mich lese, war ich eher verwirrt, googelte mich selbst und fand auch direkt eine ganze Reihe von Artikeln mit Titeln wie "Und plötzlich geht die Community auf Rezo los" (Die Welt). Oha … DIE Community ging neulich auf mich los? Das war mir nicht mal bewusst. Da die Artikel auch nur einzelne negative Tweets anführten und somit ihre allgemeine Aussage nicht belegten, überprüfte ich es selbst: Wenn es einen großen Shitstorm gegeben hätte, dann lägen die Dislikes doch über dem Erwartungswert – insbesondere nachdem durch die reichweitenstarken Artikel nochmals viele potenzielle Kritiker angelockt wurden.

Allerdings war das Gegenteil der Fall: Das Video war für meine Verhältnisse sogar überdurchschnittlich gut bewertet und auch ansonsten gab es keinerlei statistische Auffälligkeiten. Die Anzahl der Kritiker sagt natürlich überhaupt nichts über die Qualität der Kritik aus, aber schaut doch lieber zweimal hin, wenn von der Presse mit Worten wie "Riesenärger" oder "Shitstorm" eine Relevanz durch Masse behauptet wird.

Tipp 4: Gefühle trügen

Ich betrachte, seit ich YouTuber bin, folgendes Phänomen bei mir: Wenn ich 100 Kommentare lese und 99 sind sehr positiv, aber einer ist total negativ, dann habe ich nicht den innerlichen Drang, mich bei den 99 zu bedanken, sondern will vielmehr dem einen Dude erklären, weshalb ich eigentlich gar nicht so kacke bin. Unser soziales Barometer ist evolutionär auf einen überschaubaren Gemeinschaftskreis geeicht, bei dem ein Konflikt mit wenigen Personen bereits ein immenses Problem darstellte. Das Bauchgefühl ist also nicht darauf ausgelegt, sich mit den Kritikern aus einer potenziellen Masse von zig Millionen Social-Media-Nutzern zu konfrontieren und schlägt somit viel zu oft Alarm. In anderen Worten: Jede Person, jedes Handeln und vor allem jede Kunst wird von irgendwelchen Leuten immer scheiße gefunden. Also lieber noch mal durchatmen, bevor man überhastet wegen ein paar wütender Keks die eigenen Inhalte löscht.

Tipp 5: Nehmt Kritik trotzdem ernst!

Ich sage bewusst nicht "ernsthafte" Kritik, denn für den Kritiker ist sie das immer, und auch nicht sachliche emotionale Kritik kann völlig legitim sein. Allerdings erhalten reichweitenstarke Künstler und Medienschaffende – egal wie gut und beliebt – zu so ziemlich jedem Werk eben auch Kritik. Welche Kritik man also ernst nimmt, ist gar nicht so easy zu entscheiden, und fast alle Kreativen sagten mir zu diesem Thema bisher dasselbe: "Einfach ignorieren. Don't feed the trolls (und auch nicht die Presse)! Zieh deinen Shit durch, solange du dahinterstehst." Ich halte das aber irgendwie für eine zu einfache Antwort. Wir alle machen Fehler und sollten dankbar sein, wenn uns jemand dabei hilft, diese zu erkennen. Doch gerade die wütenden und polemischen Reaktionen lassen meistens nur erahnen, wie (und ob) man etwas zukünftig besser machen könnte.

Wenn ich aber den Eindruck habe, dass es einen sinnvollen kritischen Kern gibt, mit dem ich mich auseinandersetzen sollte, spreche ich die Person privat an, per Direktnachricht. Ganz ohne Öffentlichkeit geht die Show, die narzisstische Selbstdarstellung flöten (zu der ich natürlich auch neige). Auf die reale Welt übertragen würden sich doch zwei Personen auch nicht besonders konstruktiv unterhalten, wenn hinter ihnen jeweils eine große emotional aufgeladene Gruppe steht, die ständig Wortbeiträge und Beleidigungen reinruft. Nein, man geht zu zweit in Ruhe an die Seite. Man tauscht sich aus – auf Augenhöhe.

Ich habe bei verschiedensten Kritiken auf diese Weise mit Menschen gesprochen, zu denen ich bis dahin nie Kontakt hatte, und hab dann jeweils für 30 bis 90 Minuten telefoniert. Ich frage manchmal sogar, ob ich das Gespräch mitschneiden und gegebenenfalls veröffentlichen darf, damit sich wiederholende Themen auch für andere klären könnten – bisher wollte das aber niemand. So oder so gibt mir das Gespräch die Möglichkeit, mich Vorwürfen zu stellen, selbstkritisch mein Handeln zu überprüfen, und bisher haben jeden Austausch beide Seiten, glaube ich, als total positiv empfunden.

Erst mal reden, dann handeln!

Diese fünf Tipps sind natürlich keine allgemeingültige Anleitung für jede Situation. Zum einen, weil jede Themenentwicklung eine Eigendynamik hat und dabei verschiedene Diskurse und wichtige Fragestellungen hervorbringen kann, selbst wenn der ursprüngliche Auslöser eigentlich nicht der Rede wert gewesen wäre (siehe Umweltsau). Außerdem beziehen sich die Tipps natürlich nicht auf Situationen, in denen Leib und Leben bedroht sind. "Cool bleiben" darf ein YouTuber über ein bissl Hate sagen, aber niemals ein Vorgesetzter zu einem bedrohten Mitarbeiter (Auge, Bayerischer Rundfunk!). Und natürlich darf Kritik auch immer öffentlich stattfinden und ausgetragen werden – ich bin schließlich der Letzte, der dagegen was sagen dürfte.

Allerdings hätte es Tom Buhrow (und seiner Crew) bestimmt nicht geschadet, noch ein wenig abzuwarten, mit vielen verschiedenen Leuten zu sprechen und das Ausmaß der  Kritik nicht aufgrund von erregten Tweets, Medienberichten oder, wie Tom Buhrow nun in einem Spiegel-Interview gesagt hat, den Anrufen von ein paar Hundert Seniorinnen beim Sender einzuschätzen (immerhin leben in Nordrhein-Westfalen knapp 3,8 Millionen Menschen über 65). Zumindest hätte das nicht geschadet, ehe man zu derart schnellen und radikalen Reaktionen springt, mit denen man dann die Integrität des öffentlich-rechtlichen Rundfunks und seiner Mitarbeiter gefährdet. Es kann Argumente dafür geben, warum eine gebührenfinanzierte Umweltsau-Satire nicht geht, wobei wir immer noch kein gutes gehört haben. Für die Zwanzigerjahre wäre es aber schön, wenn "Die Aufregung ist riesengroß" in jedem Fall keins mehr wäre. Peace.