Warum wir TV-Autorinnen und -Autoren Tom Buhrows Rücktritt fordern – Seite 1
Wenn man erklären will, warum Tom Buhrow als WDR-Intendant gescheitert ist, ist es hilfreich, sich ein paar Gedanken zu dem Wesen seines Jobs zu machen. Intendant, das klingt erst mal wahnsinnig wichtig, wahnsinnig mächtig, und ein bisschen so wie etwas, das man selber gern auf der Visitenkarte stehen hätte. Eine Flughöhe wie ein Minister oder eine Vorstandsvorsitzende – aber cooler, weil mit Kulturanteil. Doch je nachdem, wen man fragt in den meist großen und weit verzweigten öffentlich-rechtlichen Sendern dieses Landes, kriegt man auch das genaue Gegenteil zu hören: Intendant? Kennt man vom Sehen. Aus der Kantine. Fürs Tagesgeschäft? Völlig unbedeutend.
Und auch das ist richtig: Ein deutscher Senderintendant ist in Zeiten 60-köpfiger Rundfunkräte in erster Linie nicht Journalist, nicht Fernsehmacher, noch nicht mal klassischer Manager – sondern vor allem eine Mischung aus Bundespräsident und Günther Jauch; im besten Fall eine Kombination aus onkelhafter Freundlichkeit, überparteilicher Ausgeglichenheit und einem Schuss Journalismus. Jemand wie Buhrow, bei Zuschauern beliebt und bekannt aus zwei Jahrzehnten im Tagesthemen-Kosmos, erfüllte diese Anforderungen bei Amtsantritt praktisch perfekt: ein erfahrener Journalist, aber halt auch mit Promi-Faktor. Man konnte Buhrow neben die zwei anderen großen WDR-Stars stellen, die Maus und den Elefanten, und hatte sofort ein stimmiges Bild: kuschelig, familienfreundlich – aber auch kompetent.
Dass wir als Autorinnen
und Autoren, die teilweise seit Jahrzehnten für deutsche Comedy- und
Satire-Formate arbeiten, uns nun trotzdem gegen Tom Buhrow stellen, hat weniger
mit ihm als Person zu tun und viel mehr mit den politischen Umständen, in denen
er dieses Amt ausüben muss – und wie er an diesen Umständen scheitert. Gut
möglich, dass Tom Buhrow in ruhigeren Zeiten ein toller Intendant war, der
Karnevalslieder sang, auch die sozialkritischen, und so das Familiäre des
Senders verkörperte. Doch leider: Die Zeiten sind nicht mehr ruhig, und Tom Buhrow
ist kein guter Intendant. Ein guter Intendant oder eine gute Intendantin – auch
hier hilft der Vergleich mit dem Bundespräsidenten – verkörpert die Ideale
seines Senders und steht für diese ein; gerade, wenn dieses Einstehen schwierig
ist, wenn einem die Kritik entgegen bläst, aus allen Richtungen.
Wie man umgehen muss mit Kritik, wenn man der Mensch an der Spitze ist, dazu gibt es in der amerikanischen Politik das schöne Bild vom "Man in the Arena". Theodore Roosevelt hat es geprägt und dabei einen Anführer beschrieben, der jederzeit weiß, dass nicht der Kritiker zählt, sondern die Anerkennung dem gebührt, "dessen Gesicht staubig und verschwitzt und voller Blut ist; […] aber der sich tatsächlich bemüht, Taten zu vollbringen; der großartige Begeisterung, großartige Hingabe kennt; der seine Kraft auf eine ehrenwerte Sache verwendet; […] und der, im schlimmsten Falle, sollte er scheitern, zumindest bei einem kühnen Versuch scheitert […]". Klingt das nach Tom Buhrow in diesen Tagen der Aufregung rund um das Lied "Meine Oma ist 'ne alte Umweltsau"? Wohl nur, wenn man eine "ehrenwerte Sache" darin erkennt, die Satirefreiheit geringer zu schätzen als die Gefühle (auf die berief sich Buhrow zuletzt fast ebenso gern wie Donald Trump) der älteren Generation, beziehungsweise: jenen Teilen davon, die nach Veröffentlichung des "Umweltsau"-Videos empört beim Sender anriefen.
Wir als Autorinnen und
Autoren haben viel darüber diskutiert, welche Konsequenz wir in unserem Text
fordern, welche Fehler wir Buhrow zugestehen, was angemessen ist angesichts
eines Skandals, der in seinem Ausgangspunkt fast schon lachhaft absurd ist, in
seiner Konsequenz aber so weit greift, dass er an den Grundfesten unserer
Zivilgesellschaft rüttelt. Dass wir uns letztendlich dazu entschieden haben,
seinen Rücktritt zu fordern, hat fast ausschließlich mit dem Verlust oder
Fehlen all jener Qualitäten zu tun, die Roosevelt aufzählt.
Der öffentlich-rechtliche Rundfunk ist eine der größten Errungenschaften, die wir in der deutschen Medienlandschaft haben: ein gnadenlos zerwucherter Moloch, an dem es viel zu reformieren gibt (Wer wüsste das besser als wir, die ständig und meist in der undankbaren Situation des Freiberuflers mit ihm zu tun haben?), der aber unter all der trägen Masse zu jeder Zeit genug Leidenschaft in sich trug, um für die richtigen Dinge zu kämpfen: für Aufklärung, für Freiheit, für die gute Debatte, in der das Argument mehr zählt als das Gefühl. Nie zuvor in der Geschichte dieses Rundfunks waren diese Werte so bedroht wie jetzt in den Zeiten von Fake-News, russischen Trollfarmen und modernen Informationskriegen. Und nie zuvor war es wichtiger, an der Spitze des größten ARD-Senders eine Intendantin oder einen Intendanten zu haben, der diese Werte verkörpert und für sie streitet.
Umgang mit moderner rechter Propaganda
So traurig es ist: Tom Buhrow ist mit seiner Reaktion auf den künstlich erzeugten Skandal rund um den "Umweltsau"-Beitrag in eine Falle getappt, aus der er ohne massiven Glaubwürdigkeitsverlust nicht mehr herauskommt. Die Fehler am ersten Tag der Eskalation, als die zuständigen Programmverantwortlichen (auf die beruft sich zumindest Buhrow) das Video offline stellten und Buhrow sich "ohne Wenn und Aber" entschuldigte? Geschenkt. Fehler passieren.
Das Problem ist, dass Tom Buhrow seit diesem ersten Tag jede einzelne Gelegenheit verpasst hat, diese falsche Entscheidung zu korrigieren – und damit alles nur noch schlimmer macht. Dass er sich Tag für Tag aufs Neue in einem Streit, dessen Kernvorwurf schon intellektuell völlig sinnlos ist, auf die falsche Seite stellt; dass er im Angesicht rechter Hetze nicht die eigenen Mitarbeiter schützt, sondern eine diffuse, von rechten Trollen herbeifantasierte Gruppe Omas, die sich von neunjährigen Mädchen ihrer Lebensleistung entsungen sehen; dass er alle Hinweise, der ursprüngliche Shitstorm – mutmaßlich auch signifikante Teile des analogen, der über telefonische Beschwerden in den Sender kam – sei von rechten Netzwerken organisiert worden, eifrig ignoriert; und vor allem: dass er entweder nicht in der Lage ist, solche Strategien moderner Debattenmanipulation zu erkennen – oder dass er sein eigenes Empfinden über das Wohl des Senders stellt, der seine Daseinsberechtigung dadurch hat, dass er unbefangen von propagandistischer Einflussnahme agiert.
"Mutig" haben mehrere Kommentatoren unseren Text und vor allem unsere Forderung genannt. Das – so ehrlich muss man sein – sind sie (kurzfristig) kaum. Zumindest nicht im beruflichen Sinne. Denn auch das ist eine große Qualität des öffentlich-rechtlichen Rundfunks: Es gibt wenige Orte in Deutschland mit so viel Platz für Sturheit, andere Meinungen und harten Widerspruch. Die größten Kritiker des eigenen Senders – das wird beim WDR nicht anders sein als beim ZDF oder SWR (mit denen ich die Zusammenarbeit besser kenne) – sitzen oft auf dem gleichen Flur wie die größten Fürsprecher. Keiner von uns wird hungern müssen, weil er Tom Buhrow kritisiert.
Die Gefahr ist aber
langfristig groß: Wenn der führende Angestellte des zweitgrößten Senders in Europa
nicht in der Lage ist, sich für die Werte einzusetzen, auf denen dieser Sender
gegründet wurde; wenn er diese Werte sogar aktiv beschneidet – ob aus
Fahrlässigkeit oder aus Inkompetenz – was macht das auf lange Sicht mit diesem
Sender? Wie soll man von allen anderen – deutlich schlechter bezahlten und
abgesicherten – Mitarbeitern verlangen, für diese Werte einzustehen? Wie sollen
wir, die freien Autorinnen und Autoren, die auch politisch, gesellschaftlich und satirisch manchmal
brisante Ware anliefern, mit ihnen umgehen, wenn wir und auch die Mitarbeiter stets einpreisen müssen,
dass dieses Brisante nicht verteidigt, sondern gleich beim ersten Gegenwind zum "Fehler" erklärt und diese
Diagnose danach endlos mit der immer gleichen, im Ansatz falschen Argumentation wiederholt wird. In diesem Fall: Satire habe sich ausschließlich gegen (einzelne) Mächtige zu richten und
Buhrow, als selbst Mächtiger, könne befinden, dass dem nicht ausreichend
Rechnung getragen wurde.
Ein Medienmanager, dessen Umgang mit moderner rechter Propaganda von so viel Naivität und Ungeschicktheit zeugt und der nicht in der Lage ist, sich in einfachsten Fragen der Presse- und Meinungsfreiheit vor seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu stellen, gefährdet eben diese Freiheiten. Deshalb sollte Tom Buhrow zurücktreten.
Wenn man erklären will, warum Tom Buhrow als WDR-Intendant gescheitert ist, ist es hilfreich, sich ein paar Gedanken zu dem Wesen seines Jobs zu machen. Intendant, das klingt erst mal wahnsinnig wichtig, wahnsinnig mächtig, und ein bisschen so wie etwas, das man selber gern auf der Visitenkarte stehen hätte. Eine Flughöhe wie ein Minister oder eine Vorstandsvorsitzende – aber cooler, weil mit Kulturanteil. Doch je nachdem, wen man fragt in den meist großen und weit verzweigten öffentlich-rechtlichen Sendern dieses Landes, kriegt man auch das genaue Gegenteil zu hören: Intendant? Kennt man vom Sehen. Aus der Kantine. Fürs Tagesgeschäft? Völlig unbedeutend.