Franka Lu ist eine chinesische Journalistin und Unternehmerin. Sie arbeitet in China und Deutschland. In dieser ZEIT-ONLINE-Serie berichtet sie kritisch über Leben, Kultur und Alltag in China. Um ihr berufliches und privates Umfeld zu schützen, schreibt sie unter einem Pseudonym.

Die Coronavirus-Epidemie ist eine Prüfung der menschlichen Zurechnungsfähigkeit. Am Berliner S-Bahnhof Beusselstraße ist eine chinesische Studentin von zwei Frauen beschimpft und getreten worden. In Toronto wurde eine alte Dame aus Hongkong in einem Supermarkt beleidigt. In Frankreich titelte die Zeitung Courrier picard hetzerisch "Alerte jaune" ("Alarmstufe gelb") und "Le péril jaune?" ("Gelbe Gefahr?"), dazu wurde das Bild einer Chinesin mit Schutzmaske gezeigt (die Zeitung hat sich mittlerweile für ihre Wortwahl bei Leserinnen und Lesern entschuldigt). Die Covergestaltung der jüngsten Ausgabe des Spiegel über das Virus – "Made in China" – sorgte für Empörung, auch wenn die Titelgeschichte inhaltlich in eine andere Richtung geht. Menschen mit chinesischen Wurzeln erleben in Deutschland auch direkt Anfeindungen. Weltweit erinnern uns Zwischenfälle, die sich gegen asiatisch aussehende Menschen richten, an eine alte Lektion: Angst und Unwissenheit können Menschen über Nacht feindselig werden lassen gegenüber anderen, die sie einer bestimmten Gruppe, Ethnie, Nation zugehörig betrachten.

Seuchen entzweien uns Menschen. Albert Camus erzählt davon in Die Pest, José Saramago in Die Stadt der Blinden. Das ist nichts Neues, es wird gewiss auch in der Zukunft wieder passieren, überall, wo Menschen leben. Je mehr man sich von einer Katastrophe bedroht wähnt, desto stärker werden Angst und Dummheit das menschliche Verhalten bestimmen und zu Gewalt und Grausamkeiten führen. Man kann die wiedererwachende Feindseligkeit gegen Chinesinnen und Chinesen Rassismus nennen, aber das Phänomen ist nicht auf den Westen beschränkt. In China leiden Menschen, die aus dem Ausbruchsgebiet der Krankheit um Wuhan stammen, in anderen Landesteilen unter Feindseligkeiten. Sie werden beleidigt oder gar körperlich angegriffen.

Als in Deutschland lebende Chinesin erzürnen mich weniger die erwartbaren menschlichen Unmenschlichkeiten im Kleinen, mich erzürnen deren Profiteure im Großen. Wie viele andere Chinesinnen und Chinesen in Deutschland habe ich hier viel Respekt und Gastfreundschaft erfahren. Recht, Gesetz und gesellschaftliche Normen sind in Deutschland so fein auf die Vermeidung von Rassismus gerichtet, dass ich, sobald ich mich daran gewöhnt hatte, geschockt war, wie viel Toleranz man andererseits etwa in den USA für die Äußerungen von Neonazis aufbringt. Ich habe auch rassistische Ausfälle erlebt, sie aber nie für symptomatisch gehalten. Sondern für das Verhalten von Menschen, die sich in Nöten glauben (oder es sogar sind) und ein Ventil suchen.

Wie bremst man eine gesellschaftliche Entwicklung aus?

Stehen wir jetzt, in Zeiten der Epidemie, vor der Gefahr eines globalen Wiederauflebens eines antichinesischen Rassismus, vor dem viele wachsame Beobachter warnen? Ich bin mir noch nicht sicher. Wahr ist, dass es nie falsch sein kann, eine gefährliche gesellschaftliche Entwicklung auszubremsen, bevor es zu spät ist. Aber in der Frage, wie man das am wirksamsten tut, besonders in einer Zeit, in der viele Gesellschaften schon tief gespalten scheinen, habe ich womöglich eine abweichende Meinung.

Auf der individuellen Ebene finde ich antirassistische Slogans wie "Chinesen sind kein Virus!" oder "Sei kein Rassist!" wenig hilfreich. Es gibt Menschen, die sind Rassisten bis ins Mark. Rassisten werden immer einen Vorwand finden, andere zu attackieren. Rassisten muss man bekämpfen. Aber eine Pariser Verkäuferin zu schelten, weil sie angesichts chinesischer Touristen nervös wird, oder einen deutschen Angestellten, der plötzlich nicht mehr mit seinem chinesischen Kollegen im Besprechungszimmer sitzen mag, kommt mir übertrieben vor. Der bessere Weg, den Menschen ihre Ängste zu nehmen und solche Zusammenstöße zu vermeiden, sind solide Informationen über potenzielle Ansteckungswege, Risiken und Maßnahmen, mit denen man sich selbst schützen kann. Es ist viel besser, den Menschen zu zeigen, dass sie gegen die Ansteckungsgefahr etwas tun können, statt sie wegen ihrer Ängste zu beschämen.

Auf politischer und gesellschaftlicher Ebene sieht die Sache anders aus. Würde die Verbreitung des Coronavirus zur wirklich weltweiten Pandemie, könnte das zu Tribalismus in übelster Form führen, besonders in einer Zeit, in der sie sich von rechten Populisten – etwa von Donald Trump, dem Brexit-Lager, europäischen Rechtsradikalen – politisch ausnutzen lässt. Rassismus ist nichts anderes als eine der vielen Ausformungen des Tribalismus. Durch reißerische Überschriften kann man ihn anheizen, auch wenn die Redakteure des Courrier picard oder des Spiegel mutmaßlich nicht auf der falschen Seite stehen wollen.