Ab heute keine Ahlhorner Heide mehr. Kein Bessenbach-Waldaschaff, Bremen-Hemelingen, Essen-Haarzopf. Kein Henstedt-Ulzburg, Krefeld-Oppum, Sulzemoos. Und auch kein Wilsdruff, Wittstock-Dosse oder Zusmarshausen. Zumindest nicht mehr im Deutschlandfunk. Der Sender hat nach fast 56 Jahren nun seine Stau- und Verkehrsmeldungen eingestellt. Eine Befragung hatte ergeben, dass zwei Drittel der Hörer diese Nachrichten nicht sonderlich wichtig finden. 

Und es stimmt ja auch: Dass die Bundesrepublik hier mehrmals täglich entlang des zähfließenden Verkehrs klanglich kartiert wurde, wirkte doppelt anachronistisch. Zum einen, da Smartphones und Navigationssysteme mittlerweile viel präzisere und personalisierte Lageberichte von den deutschen Straßen liefern. Zum zweiten schienen die Verkehrsnachrichten zunehmend aus der Zeit gefallen zu sein, wie ein überholter Ausweis der PKW-Privilegierung.

Wobei man dies auch anders sehen kann! Dialektisch betrachtet waren die Verkehrsnachrichten eine Art akustische Antriebskraft fürs ökologische Umdenken. Die minutenlange Aufzählung von Staus, Sperrungen und Umleitungen – ein Fanal der automobilen Unfreiheit. Hörte man täglich, wie viele Leute mal wieder auf A1, A3 oder A8 feststeckten, wirkte die Autobahn nicht mehr als großes Freiheitsversprechen, sondern wie die Quarantäne des kleinen Mannes. Nirgendwo ließ sich besser über den rasenden Stillstand einer übermotorisierten Gesellschaft nachdenken als in der Sprechpause zwischen Alleringersleben und Darmstädter Kreuz.

Mehr Hanau als Hamburg

Und mehrmals täglich bändigten die bundesweiten Verkehrsmeldungen jene föderalistischen Zentrifugalkräfte, die in der Republik kulturelle Gräben zwischen Schwerin und München oder Dresden und Düsseldorf aufreißen. Wenn im Radio fortlaufend das deutsche Straßennetz ausgeworfen wurde, war das nicht nur immer eine gegenseitige Lektion in höherer Regionalkunde. Indem klar wurde, dass Menschen in Sachsen, Nordrhein-Westfalen und Bayern gleichzeitig im Stau stehen, vollzog sich auch die deutsche Einheit in ihrer vielleicht deutschesten Variante: geteiltes Bewusstsein in Form von geteilter Genervtheit. 

Wenn man lange genug der im ersten Moment endlosen Auflistung von Autobahnkreuzen zugehört hatte, stellte sich spätestens beim mythischen Klang von Hannoversch Münden-Hedemünden paradoxerweise jener Moment ein, indem der Reigen von Nichtorten den vielleicht klarsten Blick auf die bundesrepublikanische Identität zuließ. Er erinnerte einen daran, dass Deutschland kultur- wie mentalitätsgeschichtlich immer eher Böblingen als Berlin, eher Hanau als Hamburg war: eine Verkettung mittelgroßer Städte, an deren asphaltierten Übergängen Sanifair und Sehnsucht synonym werden.         

Die DLF-Verkehrsmeldungen waren auf diese Weise der Soundtrack des Franz-Josef-Wagner-Deutschlands: ein melancholisch-kitschiges Hörspiel über jene mystische "Mitte", die in Talkshows und Leitartikeln unentwegt beschworen wird. Meldete die sonore Stimme Störungen bei Dettingen an der Iller und Erlangen-Frauenaurach oder Sperrungen auf A1 und B12, konnte sich der einfühlsame Hörer die Schicksale hinter dem zähfließenden Verkehr vorstellen: den genervten Pendler, der eigentlich zum Anstoß zu Hause sein wollte; die müde Truckerin, der im Laderaum langsam 200 Kilo Mett weggammeln; oder den hungrigen Schichtarbeiter, der auf eine Senfpeitsche an der Tanke hinfiebert. Wobei all das, andersherum betrachtet, ein großes Egalitätsversprechen war: Vor dem Kamener Kreuz sind wir alle gleich.