Walter Gropius musste das Unheil kommen gesehen haben. Bereits im Vorfeld der Wahlen zum dritten Thüringer Landtag 1924 hatte das von Gropius geleitete Staatliche Bauhaus Weimar den bürgerlichen, rechtskonservativen und nationalen Parteien als Zielscheibe gedient. Die Angriffe bestanden in Anfeindungen und Hetzschriften gegen die Schule, die sich nicht nur durch die ungewöhnliche Architekturtheorie ihres Gründungsdirektors, sondern vor allem durch einen ganz neuen Geist auszeichnete. Unbeherrschbar, anarchisch, revolutionär wollte das Bauhaus sein, sich allen Zuschreibungen verweigern.

Es wollte sich abgrenzen vom provinziellen Mief aus verbittertem Altadel, dienstfertigen Kleinbürgern und pensionierten Generälen, der in der ehemaligen Thüringer Residenzstadt gesellschaftlich noch immer den Ton angab. Doch genau dieses Milieu drängte 1924 auch an die politische Macht: Während noch SPD und USPD unter Duldung der KPD regierten, kam es vor der Wahl am 10. Februar zum Schulterschluss aus DVP, DDP und anderen konservativen Parteien zum "Thüringer Ordnungsbund".

Als Benjamin-Immanuel Hoff von der Partei Die Linke nun an einem Mittwochabend im Jahr 2020 vor die Staatskanzlei in Erfurt trat, da erinnerte einiges an jene Wahl vor fast auf den Tag genau 96 Jahren. Hoff hatte als Chef des Hauses kurz zuvor erst den Schlüssel an Thomas Kemmerich, den neuen FDP-Ministerpräsidenten, überreichen müssen.

Dabei erschöpft sich die Parallele nicht darin, dass hier Linke von Konservativen und Liberalen beerbt wurden. Damals wie heute war alles letztlich durch Rechtsextreme entschieden worden. Nachdem der Thüringer Ordnungsbund bei den Landtagswahlen die absolute Mehrheit verfehlt hatte, ließ man sich kurzerhand mithilfe der Abgeordneten der Vereinigten Völkischen Liste, einer Tarnorganisation der zu diesem Zeitpunkt verbotenen NSDAP, als Minderheitsregierung bestätigen. Auch Hoff war sich der historischen Analogie bewusst und konnte vor den Demonstranten, die sich spontan vor der Staatskanzlei am Hirschgarten versammelt hatten, nur erinnern: Es sei der Ordnungsbund gewesen, der sich von den Nationalsozialisten tolerieren und ins Amt hieven ließ. Erst der Ordnungsbund habe den Weg frei gemacht für den späteren Mustergau Thüringen.

Bereits am 20. März 1924 teilte der neue Thüringische Volksbildungsminister Richard Leutheußer von der Deutschen Volkspartei (DVP) mit, dass die Verträge mit dem Bauhaus nicht verlängert werden sollen. Gropius als Bauhaus-Direktor kämpfte um die Schule und ihre Idee, aber es war zu spät. In einem offenen Brief vom 26. Dezember 1924 erklärte der Meisterrat, dem neben Gropius auch Johannes Itten und Lyonel Feininger angehörten, das Bauhaus in Weimar mit Ablauf der Verträge für aufgelöst. Wenn, dann wollte man aufrecht und selbstbestimmt gehen. Das Staatliche Bauhaus Weimar, 1919 erst gegründet, war plötzlich Geschichte. Innerhalb von weniger als einem Jahr war die Schule ihrer finanziellen Grundlage beraubt worden, an eine Weiterarbeit in den Werkstätten nicht zu denken. Das Bauhaus zog aus und zog weiter nach Dessau.

Eine Republik der freien Geister

Damit aber brach eine Tradition des Geisteslebens, die letztlich noch weit über das Bauhaus hinaus zurückreichte: Dem Gründer Henry van de Velde, auch Walter Gropius, Gertrud Grunow und Paul Klee ging es ja eben nicht nur darum, Architektur, Design und Kunst revolutionieren. Sie behaupteten, Kunst und Handwerk müssten eine neue, sozialreformerische Einheit bilden. Ein Jahr nach dem Ende des verheerenden Krieges, der – von Deutschland angezettelt – über Europa hinweggezogen war, wollten sie die Gesellschaft revolutionieren: Sie wollten einen neuen Geist in ein verknöchertes Land treiben, das gerade erst untergegangen war, aber sich unter der Oberfläche schon wieder neu zu formieren begann. Dem wilhelminischen Obrigkeitsdenken, dessen absterbende Reflexe noch immer zu spüren waren, wollten sie eine Republik der freien Geister entgegensetzen.

Genau das hatten mehr als 100 Jahre vor ihnen auch die Vertreterinnen und Vertreter der Jenaer Frühromantik um August Wilhelm und Friedrich Schlegel, Dorothea Veit und Caroline Michaelis im Angesicht eines auseinanderbröckelnden Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation gefordert. Dem schieren Autoritätsglauben, der leidigen Opportunität seiner Amts- und Würdenträger, galt es, die moralische Selbstverpflichtung der Freiheit entgegenzuhalten. Zurückforderung der Denkfreiheit von den Fürsten Europens, die sie bisher unterdrückten hieß die Schrift, mit der Johann Gottlieb Fichte bereits 1793 die Grundlage dafür geliefert hatte, was wenige Jahre später frühromantisches Programm werden sollte: Die politische Praxis konnte nur gelingen, solange der Mensch keinen Herren über sich duldete, keinem anderen Gesetz als demjenigen folgte, das er sich selbst als Vernunftwesen gab.

Es konnte bald keinen besseren Resonanzraum für das Bauhaus-Projekt geben als Weimar und das benachbarte Universitätsstädtchen Jena, die für jene geistige Tradition wie keine zwei anderen Nachbarstädte standen. Auf die gescheiterte politische Revolution in Paris konnte für den romantischen Kreis, der sich in Jena versammelte, nur eine Freiheit im Denken folgen.