Der kleine Propellerflieger umkreist die griechische Insel, macht sich bereit zur Landung auf dem überschaubaren Flughafen. Ich schaue aus dem ovalen Fenster zu meiner Rechten. Dichte Wälder recken sich in weite Höhen, satte Grüntöne soweit das Auge reicht. Baumkronen reflektieren das gleißende Licht. Die Luft ist klar, der Himmel blau. Aus der Vogelperspektive erwartet uns das Paradies.

Wir fahren entlang der Küste in Richtung Mytilini. Die olivenbaumgesäumte Landstraße ist wie leergefegt, nur wenige Autos kommen uns entgegen. Die erste menschliche Geschäftigkeit begegnet uns bei der Ankunft im Hafen. Backsteinpflaster, der Geruch von griechischem Kaffee, von irgendwo dringt Musik durch die Gassen. Kellner räumen Tische ab, alte Männer sitzen am Straßenrand und rauchen, Hafenarbeiter laden Fischkörbe auf Lastwagen. Nichts erinnert an die Hölle, die nur eine 15-minütige Autofahrt entfernt liegt.   

Funda Ağırbaş wurde 1976 in Mannheim geboren. Arbeitet als freie Autorin für verschiedene deutschsprachige Print- und Onlinemedien. Aktuell beschäftigt sie sich mit dem international ausgelegten Projekt "Europa wie ich es schreibe", innerhalb dessen sie Autor*innen aus politisch instabilen Ländern porträtiert. Für ihr Buch "Jan" (KUUUK Verlag) wurde sie mit dem Berliner Literaturstipendium der Senatsverwaltung für Kultur und Europa ausgezeichnet. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8".

Bevor wir unsere Reise antraten, stand viel Recherche an. Über die Kinder in Moria, in Olive Grove, die Bedingungen unter denen sie leben müssen. In Sektion B des Lagers werden die Minderjährigen untergebracht, die niemanden mehr an ihrer Seite wissen. Kinder, deren Eltern im Krieg starben, die Flucht nicht überlebten oder zu schwach waren, aus ihren Heimatländern zu fliehen. Mehr als 520 Kinder, die laut Unicef in einer Einrichtung leben, die ursprünglich für höchstens 160 Personen geplant war. Ich wollte sehen, wie es ihnen geht, was Europa für sie bereithält.

Ich trat in Kontakt mit dem Coordination Department des Lagers in Sektion B. Ich bat um Einlass, erklärte mein Anliegen. Fragte, was mit den Kindern geschehe, die keinen Platz mehr in Sektion B ergattern konnten. Wollte wissen, wo sie hingebracht werden, wer sich um sie kümmere. Der Leiter des Coordination Departments schwieg. Ein Klacken im Handy. Dann war die Leitung tot. Sein Assistent bat mich freundlich um eine E-Mail-Adresse. Wir schrieben ein wenig hin und dann wieder her. Am Ende bekam ich eine Standardabsage. Dear all. Thank you for your understanding.

Ich sprach stattdessen mit NGOs. Ärzte ohne Grenzen, International Committee of the Red Cross (ICRC) und Unicef. Traf mich mit Andreas Tölke, einem der Gründer der NGO Be an Angel, die sich auf Familienzusammenführung spezialisiert hat. Ich verabredete mich in Moria mit Helfern von Team Humanity. Sie alle erzählten mir von unhaltbaren Zuständen, beschrieben mir das unwürdige Leben der Menschen im Lager. Sprachen von Kindern, für die niemand zuständig sein will. Von prügelnden Polizisten, korrupten Lagerverwaltern, überforderten Sozialarbeitern, vergewaltigten Mädchen und Jungen. Von Kinderprostitution und Missbrauch, von psychischer und physischer Gewalt. Erzählten von Lebensumständen ohne Perspektive. Von Kindern im Alter von 10, 11, 15 Jahren. Die bei Minusgraden in Zelten hausten. Die ihrem Leben ein Ende setzen wollten. Nicht in Syrien, in Bangladesch oder in den Slums von Indien. Hier. Mitten in Europa. Jetzt, in diesem Moment.

Ich stieg also in den Flieger, wohl wissend was mich erwarten würde. Zumindest dachte ich das.

Zuerst entdeckt man den Müll. Gigantische Berge aus Müll. So hoch wie das Grün, das sich dem Flugzeug entgegen streckte. Mit jedem Schritt, den man näher kommt, verändert sich nach und nach die Luft, als würde ihr der Sauerstoff entzogen. Als würde er durch den bestialischen Gestank ersetzt, der dann irgendwann nicht mehr auffällt, weil er normal wird. Weil es keine andere Luft zum Atmen gibt. Die griechische Sonne verstärkt den Moria-Geruch, der das Elend ankündigt, lange bevor man es sieht.