Wir wollen nun von einem wirklichen Problem unserer digitalen Moderne berichten. Aus den USA hören wir, dass die Produktionsfirma Warner Bros jüngst den Namen des Films Birds of Prey geändert hat, nachdem er im Kino angelaufen war. Er heißt nun offiziell Harley Quinn: Birds of Prey, weil viele Leute die Comicfigur Harley Quinn kennen, aber niemand sie mit dem alten Filmtitel verbindet. Die neue metaphysische Größe heißt hier: Suchmaschinenauffindbarkeit. Nachdem der Film statt der geplanten 55 Millionen Dollar nur 33 Millionen einspielte, möchte man ihn googlefreundlicher gestalten. Ob der Film einfach nicht publikumsfreundlich genug war, also vielleicht bestialisch langweilig, spielte übrigens keine Rolle.

Wenn das mit dem neuen Namen klappt, können wir nur sagen: Auf den großen und kleinen Spielplätzen der Kunst gäbe es noch einiges zu tun. Wer seine Nachwuchspunkband "Halsnasenohrentätowiert" oder "Die Essgeräusche des Kurfürsten" nennen will, sollte beispielsweise vorher überlegen, noch auf "Böllerverbot" umzuschwenken. Das gibt einen "Riesenbuzz", wie man so unter uns Suchmaschinenprofis sagt, vor allem an Silvester, und bumms ist man schon Vorgruppe in einem Jugendzentrum in Tostedt (das liegt, Leserservice, übrigens zwischen Hamburg und Bremen).

Nachträglich wird das schwieriger, wäre jedoch zuweilen nötig. Das betrifft auch einige unserer heilig umorgelten Romantitel, an denen wir mit Entschiedenheit und im Sinne des neuen Geistes gestreng rumoptimieren würden. Effi Briest mag ja ein klangvoller Name sein, aber Effi Briest: Dieses Buch zeigt, wie problematisch die bürgerlichen Verhältnisse im ländlichen 19. Jahrhundert waren könnte gemäß der durchoptimierten Knalligkeit von Jugendpublikationen im Internet völlig neue Leserkreise erschließen, die von Effi Briest sonst vielleicht erst Kenntnis nähmen, wenn sich endlich eine Großbeerener Rapperin so nennt. Es wäre ein sehr großes Cover, da kämen Verlage ins Schlingern, andererseits ist ja heute vieles möglich. Man hat dies im Fall von Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand auch geschafft.

Wobei: Gemessen an der Schlagwortgriffigkeit war auch dieser Titel leider eher unspezifisch. Statt "Fenster" könnten wir uns was mit "Velux" vorstellen, den "Hundertjährigen" könnte man zu "Rentner" ändern, da hätte man die soziale und fiskalpolitische Dimension gleich mit drin, außerdem kommen Rentner ja immer gut, zumal in Deutschland. Demgemäß: Der Rentner, der aus dem Velux-Dachflächenfenster stieg und so weiter ... okay, gut, das zündet jetzt zum Ende noch nicht so. Wir suchen bislang noch vergeblich nach einer Schlusspointe, um das alles hier ordnungsgemäß und publikumsfreundlich abzubinden. Und wer "Schlusspointe" kurz bei Google eingibt, dürfte ungefähr jetzt verstehen, welche Probleme wir gerade haben.