Im Wartezimmer des Todes – Seite 1

Ich war erst 13 Jahre alt, als ich von der iranischen Revolutionsgarde festgenommen wurde. Es war noch Frühling. Kurz vor Kriegsende. Kurz vor Schuljahresende. Wir schrieben gerade unsere dritte und somit letzte Runde der Prüfungen. Es war Mittag. Ein trostlos warmer Tag in Teheran. Ich erinnere mich daran, dass die Geschäfte geöffnet waren, aber trotzdem am Jomhuri Platz vergleichsweise wenige Menschen unterwegs waren. An diesem Tag war ich nicht der einzige Mensch, der an diesem Platz als verdächtig festgenommen und in einen Minibus gezerrt wurde.

Ayeda Alavie ist eine iranische Autorin, Lyrikerin und Übersetzerin, die seit 2000 in Deutschland lebt. Im Iran hat sie zahlreiche literarische Texte für Kinder und Jugendliche verfasst und illustriert. Seit 2017 übersetzt und schreibt sie für den Hagebutte Verlag, der zeitgenössische deutsch- und persischsprachige Literatur verlegt. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8".

Es standen mehrere Minibusse bereit. Voller Verdächtiger – aus Sicht der Revolutionsgarde. Es waren nicht nur Minibusse, sondern auch große Geländewagen, die im Iran Patrol genannt wurden. Damals hatte vor allem die Revolutionsgarde solche Patrols. Die großen Autos waren weiß. Mit sumpfgrünen Streifen und Aufschriften. Ich saß eher vorne. Der Minibus fuhr los, sobald er voll war. Irgendwann, als ich merkte, dass wir uns sehr weit vom Zentrum entfernten, stand ich auf und ging zu einer jungen Frau, die hinter dem Fahrer stand. Als ich mich kurz umdrehte, konnte ich einige Menschen sehen. Es waren Männer und Frauen unterschiedlichen Alters. Ich kann mich immer noch an manche Gesichter erinnern. 

Niemand redete mit dem anderen. Sie kamen mir für einen Moment wie Traumwandler vor. Niemand blinzelte. Niemand bewegte den Kopf. Alle saßen ganz gerade. Ähnlich, wie wenn man in der Schulbank saß und aufmerksam der Lehrerin zuhörte, während sie die Prüfungsergebnisse vorlas. Ich konnte nicht weiter sitzen. Die ganze Zeit dachte ich an meine Großmutter und daran, dass sie sich Sorgen machen würde. Ich war ohnehin zu spät dran und hätte schon vor einer Stunde zu Hause sein sollen. Damals gab es keine Handys. Ich musste irgendwo eine Telefonzelle finden, um sie anzurufen.

Als ich bei der jungen Frau ankam, schaute ich ihr in die Augen und fragte so etwas wie: "Was habe ich falsch gemacht? Warum nehmen Sie mich mit? Wohin fahren Sie uns?" Sie gab mir keine Antwort. Ich fühlte, wie sich etwas in meinem Magen bewegte, wie eine riesige, schwere Flüssigkeit. Ein öliges, schmieriges Etwas. Ich dachte, die Frau durfte mir vielleicht keine Antwort geben. Trotzdem sprach ich weiter: "Ich habe übermorgen eine Prüfung. Ich muss nach Hause und mich vorbereiten. Bitte lassen Sie mich gehen. Ich habe nichts getan. Ich bin eine Schülerin. Ich weiß nicht, was ich getan habe. Ich war unterwegs nach Hause, als Sie mich festgenommen haben. Meine Großmutter macht sich Sorgen. Meine Großmutter wartet zu Hause auf mich."

Erst als ich Großmutter erwähnte, schaute mir die junge Frau aus ihrem Tschador in die Augen. Ihre Augen waren ungeschminkt. Sie hatte einen leeren Blick. Abwesend. Auch wie eine Traumwandlerin. Ich hatte an dem Tag meine Schuluniform an. Sie war sehr lang und weit. Auch meine Hose war so lang und weit, dass sie die Hälfte meiner schwarzen, schmucklosen, staubigen Schuhe bedeckte. Und mit meinem Schulkopftuch war ich, neben der Revolutionsgardenfrau, beinahe die einzige Frau in diesem Minibus, die ein langes weites Kopftuch trug. Mein Schulkopftuch reichte bis zur Taille und bedeckte meine Stirn bis zu den Augenbrauen.

Nachdem die Frau mich von Kopf bis Fuß gemustert hatte, wollte sie den Inhalt meiner Tasche sehen. Da ich an diesem Tag nur eine Prüfung gehabt hatte, war meine Tasche fast leer. Außer einem Plastikbecher hatte ich nur zwei Kugelschreiber und ein Schulbuch dabei. Zum Glück wurden unsere Taschen auch in der Schule durchsucht. Deshalb war ich daran gewöhnt, nichts Verbotenes in meiner Tasche zu tragen. Sonst hätte ich vielleicht so etwas Verhängnisvolles wie mein Tagebuch dabeigehabt. All die Jahre wurden, bevor wir in den Schulhof gingen, unsere Schultaschen, Mäntel und Hosentaschen durchsucht.  

Nicht mal eine Schere durften wir dabeihaben. Nicht mal einen Spiegel. Geschweige denn irgendwelche verbotenen Gegenstände wie Bilder von deutschen Fußballspielern, Bilder von indischen Schauspielern, Schminksachen, Video- oder Audiokassetten jeglicher Art, verbotene Bücher – schon gar nicht Liebesromane oder Bücher mit politischem oder gesellschaftskritischem Inhalt. Keine problematischen Gedichtbände wie die von Forugh Farrochzad oder Mirzadeh Eschghi. Wenn Gedichte, dann nur klassische.

Der Koran und die heiligen Texte waren der einzige Lesestoff, der immer willkommen war. Das einzige Buch, das ich am Tag dieser Festnahme dabeihatte, war mein Arabischbuch. Manchmal denke ich, dass wahrscheinlich dieses Schulbuch der Hauptgrund war, weshalb die Frau dem Fahrer sagte, er solle anhalten. Vielleicht haben sie die arabischen Worte an den heiligen arabischsprachigen Koran und seinen arabischsprachigen Gott erinnert und sie sah darum in mir keine Gefahr mehr für die arabischsprachige Religion, an die sie und ihre Verbündeten glauben wollten.

Kein Nagellack, keine Handcreme, auch nicht lachen

Als der Minibus an der Seite der Autobahn anhielt, zitterten meine Knie. Die zwei Stufen an der Bustür kamen mir wie zwei riesige Felsen vor, die ich ganz vorsichtig herunterstieg. Für einen kurzen Moment dachte ich: Was, wenn sie nun sagen würde, dass ich wieder zurückmüsse? Was, wenn sie sagen würde, dass sie sich geirrt hatte und ich doch mitgenommen werde müsse?

Was, wenn sie in meiner Bewegung, wie ich zitternd die Treppen herunterstieg, etwas Verdächtiges oder sogar Unislamisches sehen würde und mich wieder ins Auto zerren würde? Denn ich suchte immer noch nach einem Grund, weshalb sie mich mitgenommen hatten. Wegen meines Aussehens? Wegen des Gehens oder Stehens am Jomhuri Platz? Wegen der dunkelblauen Farbe meiner Schuluniform? Das kann nicht sein, dachte ich die ganze Zeit. Andere Gründe für meine Festnahme konnte ich nicht finden. Ich war weder geschminkt, noch war ich mit einem Jungen zusammen gewesen. Meine Fingernägel waren ordentlich kurz geschnitten. Kein Nagellack, auch kein farbloser. Nicht mal Handcreme. Ich hatte am Jomhuri Platz nicht gelacht. Nicht mal geschmunzelt. Ich war allein unterwegs. Ganz normal wie immer. 

Die Tür des Minibusses konnte ich nicht richtig zuschlagen, da meine Arme wie eingeschlafen waren. Die Frau öffnete die halbgeschlossene Tür wieder, schlug sie zu und der Minibus fuhr weiter. Der Minibus hatte zwei Farben: Orange und Milchgelb.   

Sein milchgelber Teil war sehr staubig, als ob er seit Jahren nicht gewaschen worden wäre. Auch sein Schild war zur Hälfte von Staub und trockenem Schlamm bedeckt. Der Buchstabe "T" für Teheran war noch zu lesen. Erst dann, nachdem der Minibus nicht mehr zu sehen war, wurde mir bewusst, dass man mir gerade erlaubt hatte, aus einem Minibus auszusteigen, der direkt zur Hölle unterwegs war.

Ohne mich beherrschen oder einen Schritt weiter bewegen zu können, begann ich an dieser Autobahn, die mir völlig fremd war, zu weinen. Zum allerersten Mal habe ich mich an diesem Tag, an dieser stark befahrenen Autobahn, in meinem Geburtsort Teheran, fremd gefühlt. Fremd und verloren. Das Gefühl, grundlos von den eigenen Mitmenschen entführt und dann an irgendeiner Autobahn ausgesetzt zu werden, erschütterte mein Vertrauen.

Ich frage mich oft, was mit den anderen Insassen dieses orange-milchigen Minibusses passiert ist. Wohin sie gebracht worden sind. Wer sie waren. Hatten sie sich an dem Tag am Jomhuri Platz getroffen oder waren sie wie ich zufällig dagewesen? Kannten sie sich untereinander? Sind sie noch am Leben?

Die Mütter von Khavaran

Kurze Zeit danach wurden mindestens 4.000 Iraner ohne rechtlichen Beistand in den Gefängnissen erhängt oder erschossen. Laut Augenzeugen hatte jeder Gefangene weniger als fünf Minuten Zeit, um vor der Hinrichtung zu sagen, ob er seine Schuld bereut und ob er an den Islam glaubt. Es wird erzählt, dass die Regimemänner überfordert waren mit der Menge an Leichen, die sie nachtsüber in Lkw zu den Massengräbern fuhren. Die meisten Gräber waren im Khavaran Friedhof, einem abgelegenen Ort südlich von Teheran. Es gibt Bilder, die zeigen, wie Hände, Füße und Kleidungsstücke der vom Regime ermordeten Menschen aus der Erde schauen. 

Die Mütter der im Jahr 1988 ermordeten politischen Gefangenen werden Mütter von Khavaran genannt, in Erinnerung an die Massengräber im Khavaran Friedhof. Viele von ihnen versuchen immer noch, die Regierung für die Morde an ihren Kindern und Angehörigen zur Rechenschaft zu ziehen. Doch das Regime will nichts davon wissen, nicht mal sehen. Schon oft wurde die Erde dieses Friedhofs planiert. Die Friedhofsbesucher werden immer wieder von Sicherheitskräften und Polizisten in Zivil gestört.

Obwohl die Trauernden nur auf dem Boden sitzen, ohne zu wissen, wo genau ihre Kinder begraben sind. In einem Friedhof ohne Grabsteine. Die Trauernden legen Blumen auf die Erde, doch die Blumen werden später wieder von Regimemännern entfernt. Dennoch geben die Mütter von Khavaran nicht auf, sie fragen weiter und halten die Erinnerung wach: die Erinnerung an den Tod ihrer Kinder und aller unschuldig ermordeten Kinder Irans. 

Das Mindeste an Menschlichkeit und Gerechtigkeit

Als im November 2019 Tausende Iraner aus Protest gegen die schlagartige Benzinpreiserhöhung auf die Straße gingen, wurden 1.500 von ihnen von den Sicherheitskräften und der Revolutionsgarde auf offener Straße erschossen und über 5.000 Demonstranten sollen den Nachrichten zufolge festgenommen worden sein. Ähnlich wie die Mütter von Khavaran wissen viele Eltern immer noch nicht, aus welchem Grund ihre Kinder getötet wurden und wo die Leichname ihrer Kinder sind.

Ich frage mich oft, warum den Familien, die ihre Kinder und Angehörigen verloren haben, nicht erlaubt wird, normal zu trauern. Warum wird sogar mit den leblosen Körpern der Regimegegner ungerecht umgegangen? Es wäre das Mindeste an Menschlichkeit und Gerechtigkeit, den Hinterbliebenen eine Möglichkeit zu geben, sich von ihren Kindern und geliebten Menschen zu verabschieden.

Nachdem am 3. Januar 2020 Kassem Soleimani, der Kommandeur der Kuds-Einheit, einer Unterabteilung der iranischen Revolutionsgarde, durch eine Drohne des US-Militärs getötet wurde, trauerten im Iran Tausende um ihn. Während momentan vielen Menschen im Iran nicht erlaubt wird, auch nur ganz still um ihre vom Regime getöteten Nahestehenden zu trauern, wurde um Soleimani so laut und umfangreich getrauert, als würde man um einen heiligen Imam trauern.

Dementsprechend verhielten sich die Menschenmassen bei den Trauerzügen in Maschhhad, Ahvaz und Teheran: Sie umkreisten das Auto mit seinem Sarg so ähnlich, wie die Menschen um das Gotteshaus Kaaba in Mekka kreisen. Mir war es zuerst ein Rätsel, was ständig aus der Menschenmenge auf den Sarg geworfen wurde. Und warum wiederum aus dem fahrenden Auto etwas in die Menschenmenge zurückgeworfen wurde. Da die Bilder nicht deutlich genug waren, dachte ich, dass die Männer, die hinter dem Auto liefen, Werbematerial wie Stirnbänder oder Tücher mit dem Konterfei von Kassem Soleimani verteilten. Erst später wurde mir klar, dass es zusammengeknüllte Tücher waren, die wie Bälle hin und her geworfen wurden, und durch die Berührung mit dem Sarg geheiligt werden sollten.

Ich frage mich, warum Kassem Soleimani wie ein Heiliger gefeiert wird. Denn die einzigen Orte, wo solch eine "Tuchheiligung" praktiziert wird, sind Mausoleen, wie das des achten Imams, Imam Reza, in Maschhad. Es gibt Iraner, die an Imam Rezas Heilkräfte glauben, weil dort scheinbar immer wieder Kranke geheilt worden sind. Es gibt andere Mausoleen, wo vielleicht auch jemandem geholfen wurde. Aber Kassem Soleimani ist weder Imam, noch hat er jemanden geheilt.

Ehrliche und unehrliche Tränen

Die Trauer um Kassem Soleimani fand nicht nur auf den Straßen statt. Auch in den Schulen wurde getrauert, wie in einem Video von einer Trauerzeremonie in einer Jungenschule zu sehen ist. Dabei versucht ein Maddah durch seine traurige Rede die Schulkinder zum Weinen zu bringen. Ein Maddah ist ein Sänger, der zu Trauerfeiern religiöse Lieder, Koranverse und schwermütige Worte vorträgt und dafür Geld und Essen bekommt. Das tut er weinend, oder jedenfalls mit lauter, weinerlicher Stimme.

Erst als ich dieses kurze Video sah, konnte ich verstehen, auf welche Weise scheinbar versucht wird, Kassem Soleimani in eine Art heiligen Nationalhelden zu verwandeln. Der Maddah sagt: "Ich schwöre bei Gott, es fühlt sich so an, als ob wir unseren Vater, unseren Bruder, unseren Liebsten verloren hätten ..." Dabei weint er selbst. Zu Beginn sagt er: "Oh, Kinder, ich opfere mich für eure unehrlichen Tränen." Er wollte wohl das Wort "ehrlich" benutzen, aber er verspricht sich – und kommt damit vielleicht der Wahrheit näher, als er denkt.

Während der schwarz gekleidete Maddah besonders laut ins Mikrofon singt, steht ein Lehrer neben ihm und beobachtet die kleinen Jungen, die in der Morgenkälte auf dem Schulhof in Reih und Glied stehen. Die Schüler in der ersten Reihe bedecken ihre Gesichter mit den Händen. Ihre Schultern zittern, als ob sie weinten. Ob sie aber wirklich weinen, ist unklar. Ein Junge, der weiter hinten steht, versteckt sein Gesicht nicht. Er lächelt.

Manchmal denke ich, dass nur das Lachen mich gerettet hat

Als ich das Video sah, konnte ich diese Kinder gut verstehen, vor allem das lächelnde. Die Szene erinnert mich an ähnliche Weinversammlungen, die ich in meiner Schulzeit fast jeden Tag erlebte. Angeleitet durch die klagende Maddah-Stimme sollte man in eine Art Weltuntergangsstimmung versetzt werden. Der Sänger erzählte aber nicht etwas, was einen zum Nachdenken oder Weinen gebracht hätte. Die Gesänge waren meistens Wiederholungen von Worten und Versen, die man seit Jahren kannte und überall gehört hatte, oder von arabischen Versen, deren Bedeutungen wir meistens nicht verstanden. 

Das, was mich an solchen Maddah-Gesängen eher zum Lachen brachte als zum Weinen, war die Absurdität der Situation: das aufgesetzte Wehklagen, der unverständliche Inhalt, der Zwang des kollektiven Weinens. Zudem führten die Rückkopplungen des Mikrofons oder das Scheppern des Megafons dazu, dass man selbst die paar persischen Wortfetzen, die man rein sprachlich hätte verstehen können, auch nicht mitbekam. Es half auch nicht unbedingt, dass der Maddah eher brüllte als sang. Er brüllte so lange, bis er heiser war. Und je kratziger seine Stimme wurde, desto lauter brüllte er.

Man hörte irgendwann nur noch zusammenhanglose arabische und persische Wortfetzen und hoffte im Herzen, dass er endlich Ruhe geben würde. Ich kann mich erinnern, dass eher die älteren Menschen weinten. Wahrscheinlich hätten sie aber auch ohne den Maddah geweint. Es gab immer genug Gründe, um zu weinen. Soweit ich mich erinnern kann, war beinahe jeder Tag ein Trauertag. Es wurde reichlich geweint. Auch in der Schule. Ähnlich wie im Video der Trauerzeremonie für Kassem Soleimani.

Unsere Lehrerinnen bedeckten oft ihre Augen mit ihren Kopftüchern, sodass nur noch ihre Augenbrauen zu sehen waren, während ihre Schultern zitterten. Jedoch waren ihre Augen am Ende der Zeremonie selten rot oder nass vor Tränen. Damals dachte ich, dass wahrscheinlich ihre Tränen von den Kopftüchern aufgesaugt worden waren. Meine Mitschülerinnen und ich selbst mussten uns immer wieder während des Gesangs hinter unseren langen Kopftüchern verstecken, damit keiner unsere Lachanfälle mitbekam.

"Hussein-Hussein-Dim-la-la-la!"

Manchmal denke ich, dass nur das Lachen mich und viele andere Iraner meiner Generation gerettet hat und dazu führte, dass wir in dieser Zeit nicht verrückt wurden. Jeden Tag hörte man neue Witze. Witze, deren unbekannte Erzähler vielschichtig und mehrdeutig die ethnischen, wirtschaftlichen, religiösen und politischen Probleme innerhalb von ein paar Zeilen auf den Punkt und uns zum Lachen brachten. Sogar kleine Kinder erzählten die Witze, die sie von den Erwachsenen hörten und auf ihre Art verstanden.

Interessanterweise ging es im allerersten Witz, den ich als Kind von den Nachbarskindern gehört hatte und jahrelang erzählte, um einen Maddah: Eines Tages wurde ein Maddah zu einer Trauerfeier und gleichzeitig zu einer Hochzeit eingeladen. Da er in beiden Häusern alles essen und trinken durfte, was er sich wünschte, entschied er sich, beide Einladungen wahrzunehmen. Zum Glück fand die Trauerfeier im Haus gegenüber dem Haus mit der Hochzeitsfeier statt. Deshalb stellte sich der Maddah mitten in die Gasse und neigte sich mal zum einen und mal zum andern Haus. In die eine Richtung gewendet schlug er sich auf die Brust und sang: "Hussein Hussein", also einen Trauergesang in Erinnerung an Imam Hussein. Danach sang er fröhlich in die andere Richtung, während er im Takt eines Hochzeitsliedes schnippte: "Dim-la-la-la". Nach einer Weile wankte er nur noch wie ein Pendel hin und her, und sang immer wieder: "Hussein-Hussein-Dim-la-la-la! Hussein-Hussein-Dim-la-la-la!".

Beim Vortrag des Witzes bewegte ich mich selbst hin und her, schlug mir auf die Brust und schnippte abwechselnd, und schauspielerte mal fröhlich und dann plötzlich traurig. Das brachte alle zum Lachen, mich selbst am meisten: "Hussein-Hussein-Dim-la-la-la!"

Fasten war obligatorisch, ähnlich wie Beten

Aber nicht mal Lachen war wirklich erlaubt, in einer Zeit voller Trauertage. In einer Zeit, in der alles, was zu einem normalen Leben gehörte, verboten war: Musik hören, musizieren, tanzen gehen, draußen und sogar zu Hause feiern, sich eine Stunde in die Sonne legen, sich verlieben, sich schminken, sich etwas Schönes anziehen, sich als Mensch, als Mädchen oder als Junge fühlen, eigene Gefühle zeigen oder laut lachen in der Öffentlichkeit – all das war verboten.

Weinen war erlaubt und sogar, wie gesagt, erwünscht. Sterben für den Islam und für die Revolution war sehr gefragt und wurde für den Märtyrer mit dem Paradies und für die Hinterbliebenen mit Uniplätzen und sicheren Arbeitsplätzen belohnt. Aktiv an der Trauer um Imam Hussein teilzunehmen und sich selbst mit einer Peitsche blutig zu schlagen, war und ist immer noch hoch angesehen. Fasten war obligatorisch, ähnlich wie Beten. Verbotenerweise während des Ramadans zu essen, zu trinken oder zu rauchen wurde mit Gefängnis und Auspeitschen bestraft. Sport für Frauen – vor allem im öffentlichen Raum – war verboten. 

Telefonieren mit den Freunden war aber erlaubt, wenn auch teuer, weswegen es wesentlich für mein Leben und meine Generation wurde. Reisen ins Ausland war für normalsterbliche Menschen fast unmöglich, und sogar innerhalb des Irans nicht einfach. Vor allem während des Krieges. Satellitenschüsseln waren verboten und dementsprechend gab es auch keine ausländischen Fernsehsendungen. Nur einmal, am kaspischen Meer – meine Cousinen und ich versuchten verzweifelt, kurz vor dem Kinderprogramm im Fernsehen die analoge Antenne in die richtige Position zu bringen – da empfingen wir plötzlich ein zitterndes, rauschendes, nach oben wanderndes Bild einer russischsprachigen Sendung aus dem Nachbarland. Wir starrten so überrascht auf den Bildschirm, als ob wir gerade die Außerirdischen von einem anderen Stern empfangen hätten.

Der Bevölkerung in den Mund gelegt

Viele aktuelle Videos, die nach der Ermordung Kassem Soleimanis in den sozialen Medien zu sehen sind, zeigen ein Bild des Regimes, das dem Zustand vor fast 30 Jahren gleicht: vor allem im Verhältnis zu den USA und Israel. Die Flaggen der USA und Israels werden immer noch verbrannt und auf den Boden gezeichnet, damit man auf sie tritt – wie in den ersten Jahren nach der Revolution. Als ob die Zeit in meiner Heimat stehen geblieben wäre. Trotz des Internets. Trotz vieler Neuerungen. Trotz der relativen Freiheit, was beispielsweise die Kleidung anbetrifft. Immer noch wird gebrüllt: "Die Parole unseres Volkes sei: Tod Amerika, Tod Israel." Dabei ist unklar, welches "Volk" genau gemeint ist?

Die Todesrufe sind und waren immer die Stimme eines winzigen Teils der iranischen Bevölkerung, und nicht die Stimme der 80 Millionen Iraner. Die Todesparolen wurden vom Regime ausgedacht und der Bevölkerung in den Mund gelegt. 

Der Minibus der Revolutionsgarde, der mich vor 32 Jahren auf dem Weg nach Hause entführt und danach ausgesetzt hat, fährt immer noch. Er ist flexibler geworden. Ändert seine Form und Farbe. Aber er ist immer noch voll. Wie vor 32 Jahren hat die iranische Revolutionsgarde innerhalb der letzten Monate gezeigt, dass sie eben – wie ihr Name schon besagt – zum Schutz der damaligen Revolution und deren Ideologie agiert. Und nicht zum Schutz der Menschen.