Diese Kolumne, um das gleich zu Anfang klarzustellen, wird sich keinen Deut Mühe geben, sich auch nur im Ansatz feinfühlig weder hinter die deutschen Bauern zu stellen noch hinter ihre Politik. Das zuständige Haus hieß mal "Bundesministerium für Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft", dann wieder "Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz" und heißt nun "Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft". Bauernministerium oder einfach Gummistiefellobby wären etwas präziser und treffender. Abgesehen davon, dass das, was deutsche Bauern auf den Feldern und Äckern betreiben, mit Landwirtschaft im klassischen Sinne gar nichts mehr zu tun hat. Es handelt sich um eine stinknormale Industrie, die technisch mit jedem anderen Industriezweig vergleichbar ist.

Wissen alle, wie Kuhställe mittlerweile aussehen? Kühe werden nicht wie Lebewesen behandelt, sondern wie Güter, mit Robotern gemolken, von Maschinen gefüttert. Ach so, ganz vergessen zu erwähnen, es geht heute um Julia Klöckner. Seit einigen Tagen macht sie sich stark für fairen Wettbewerb, der nicht "auf dem Rücken der Landwirtschaft ausgetragen werden" dürfe. Außerdem seien "dauerhafte Tiefstpreise ein fatales Signal für die Wertschätzung von Lebensmitteln".

Das waren ihre Worte, bevor sie sich mit Vertretern der Megadiscounter Aldi, Lidl, Rewe und Edeka traf und ihre Bitte vortrug, den Bauern doch bitte bessere Preise zu zahlen. Das klingt super nobel, ist es aber nicht. 

Man darf sich die Preisentwicklung nicht so vorstellen, dass Bauer Hauke und Bauer Hinnerk ihre Milch- und Fleischpreise jeweils mit den Discountern oder Molkereien oder den Fleisch verarbeitenden Betrieben individuell oder in kleinen Kooperativen verhandeln, weshalb es jetzt des Schutzes der Ministerin bedürfe. Es ist vielmehr so, dass sich in dieser Preisverhandlung – das Wort "Wertschätzung" darf man ruhig durch das Wort "Geld" austauschen, denn es geht nur um Geld – Multiriesen einander gegenüberstehen. Oder wie es im Tagesspiegel sehr treffend hieß: "Goliath gegen Goliath."

Beispiellose Preiskämpfe

Es gibt keinen Weltmarkt, der deutsche Bauern in die Knie zwingt, sondern es handelt sich um ein System, in dem Bauern mitmachen und die eigene Misere mitverantworten. Die Agrarindustrie ist ein Geschäft, das über Masse läuft und sich über Lohndumping finanziert. Außerdem ist es ein Business, egal, ob dabei mit Milch, Fleisch oder Getreide gehandelt wird, das so funktioniert: je mehr, je größer, desto mehr Agrar-Subventionen. Die Subventionen waren nie abhängig davon, wie freundlich man zu Tieren und zur Umwelt war, sondern sie bemessen sich an der Größe der Äcker, der Maschinen, der Betriebe und so weiter. 

So eine Dynamik führt langfristig natürlich zu einem Kollaps. Der sinkende Milchpreis hat nichts damit zu tun, dass Lidl oder Lidlkäufer ihre Milch nicht wertschätzen, sondern dass zu viel Milch auf dem Markt ist. In einem gesunden Markt würde nur so viel Milch produziert, wie die Menschen in der Umgebung des Bauern an Käse, Joghurt und Milch benötigen. Überproduktion führt zu einem beispiellosen Preiskampf (mit der Nebenwirkung, dass überschüssige Lebensmittel vernichtet werden). Nach Jahrzehnten des Kapitalismus sollte man es eigentlich langsam kapiert haben.

Das Zuviel beeinflusst nicht nur den Preis vor Ort, sondern hat auch Auswirkungen auf den Milchpreis woanders, im Ausland, wo es keine staatlichen und europäischen Geldtöpfe gibt. Wenn sogar der Sprecher des Bundesverbandes deutscher Milchviehhalter Hans Foldenauer vor seinen eigenen Mitgliedern warnt ("Man muss die globalen Märkte vor uns schützen"), wird das Ausmaß der desaströsen Situation auf beeindruckende Weise illustriert. Das alles hat mit dem Konsumenten erst mal gar nichts zu tun.

Die Exportorientierung großer Multis und die Produktionsbedingungen der Bauern gingen immer Hand in Hand. Wer sich für Namen interessiert, braucht übrigens einfach nur seinen Frischkäse, die Schmelzkäsezubereitung, die Kochsahne aus der bunten Plastikflasche und so weiter umzudrehen und schauen, wer als Hersteller genannt wird. Ministerium, Produzentenverbände und Discounter funktionieren dabei wie ein Tisch, dem ein Bein fehlt, der schief zwar, aber gerade so noch stehen kann. Würde sich auch nur eines der verbleibenden Tischbeine etwas bewegen, fiele das ganze Konstrukt auseinander. Wie immer im Kapitalismus, der sich nie am Bedarf, sondern immer nur am Wachstum orientiert, machen dabei einige wenige die ganz große Kohle, die große Masse in der Mitte kommt irgendwie zurecht und einige wenige ruiniert es und sie geben auf. Jedes Jahr geben Betriebe, vor allem in der Milchbranche, auf. Man erinnert sich vielleicht an den Satz der Kapitalismuskritiker, dass Wachstum nicht unendlich möglich ist. In diesem Markt geht sicherlich noch einiges, aber irgendwann wird der Kollaps kommen.