Wir lichtscheuen Gestalten aus dem Feuilleton wollten Ihnen perspektivisch mitteilen, dass wir uns aus unseren Geschäftsbereichen Literatur, Film, Musik, Fernsehen und Kuriositäten aus dem Netz zurückziehen werden. Wir haben schon fast alle unsere Schmuckschuber in Kisten geräumt, unseren stets zuvorkommenden Sekretärinnen einen großen Dankesstrauß Petersilie vorbeigebracht, sitzen nun selbstergriffen in unserem Gestühl, das genauso bequem ist, wie es sich unsere Leser hoffentlich vorstellen, und sehen uns um. Eigentlich ist es doch nett in unserem Büro, das übrigens auch genauso aussieht, wie es sich ein Großteil unserer Leserinnen vorstellt, voller Radierungen von Dichtern mit interessanten Perücken, Fotografien von sozialkritisch sehenswerten Bushaltestellen und dem einen oder anderen edlen Tropfen im Rollcontainer, die wir alle hier auch "edle Tropfen" nennen.

Wir haben auch bereits Rundmails für unseren Ausstand geschrieben, mehrfach, die gehen ja immer so schnell unter zwischen den radikal duzenden Presseabteilungsnachfragen ("Huhu, wollte mal nachfragen, ob Du schon Gelegenheit hattest...") und den Kindergeburtsmeldungen mancher Kollegen ("Total erschöpft, aber unendlich glücklich"). Vielleicht sollten wir noch eine Erinnerung schreiben, auf den Ort hinweisen und auf das Datum, aber da sind wir uns noch nicht sicher. Vielleicht in zwei Monaten, vielleicht in zehn, vielleicht übermorgen, ach, sagen wir: Innerhalb dieses Jahres, jedenfalls save the date

Rücktritte sind ja heute nicht leicht, man will niemanden verstören, die anderen langsam vorbereiten, dass man bald oder irgendwann nicht mehr da ist. Früher, das sagen wir hier gern mit einigem Seufzen, war es wirklich anders. Zum Beispiel in der Unterkreidezeit, da lebte der Stegosaurier, der angeblich ein zweites Gehirn allein dafür gehabt haben soll, um rückwärts zu laufen. Und das ging dann immer – im motorischen Rahmen des Stegosauriers – ruckizucki. Das war eine elegante Art, sich zu verabschieden. Evolutionär hat sich inzwischen leider viel getan. Heute dauern Rückzüge einfach länger. Die CDU kündigt an, die FDP kündigt an, Jürgen Klinsmann kündigt an. Von der Absichtsmeldung bis zum Vollzug, da vergehen schon einmal Monate, dazwischen Raunen und Klagen, Nachfolgeregelung, "aus Kreisen ist zu hören", kurzum: Es zieht sich.

Wir kennen dieses Zwangsverhalten von Stehempfängen, die wir bald nicht mehr mit unserer Anwesenheit erfreuen müssen, diese Leute, die allen anderen erzählen, dass sie "wirklich gleich gehen, du, echt", damit der schöne Klaus und die reizende Brigitte noch sagen können: "Och, wirklich, ach komm, ist doch gerade nett." Und dann sind diese Rückzugsankündigungsweltmeister immer die, die der Hausmeister am Ende rausfegen muss. Wir ziehen schon einmal gleich oder bald unsere Jacke an. Vielleicht überprüfen wir das mit dem Stegosaurier auch noch mal, wollen ja zum Abschied keinen Quatsch erzählen. Andererseits kann es uns auch egal sein. Sollen sich unsere Nachfolger damit herumschlagen, was wir über den geistigen Hubraum von Urzeitreptilien berichten! Wir schreiben zur Sicherheit noch eine Rundmail, damit niemand uns vergisst und alle uns ab jetzt bereits vermissen werden. (Der Wissenschaftsredakteur hat fachliche Einwände wegen des Sauriers, den laden wir nicht ein, wenn er uns zum Abschied noch die Pointe versauen muss.)

Ach, Gehen ist schwierig. Die Jacke ziehen wir kurz wieder aus, und, Moment, Austrinken wollen wir auch noch. Eigentlich wollten wir noch einen flotten, dabei nachdenklichen, gewichtigen 10.000-Zeichen-Text an das Phänomen "Rücktritte gestern und heute" hängen. Aber erstens waren und sind wir vom Feuilleton keine Hohlraumdübel, das müssen wir hier noch einmal sagen. Und zweitens fühlen wir uns einfach gar nicht mehr zuständig. Wir sitzen hier aber noch eine Weile. Doch tun Sie fürderhin bitte so, als seien wir gar nicht da. Nehmen Sie uns beim Wort. Wir machen das ja auch.