Wer nicht mehr bereit ist, im demokratischen Spektrum zu differenzieren, wer dabei auch seine eigene Vergangenheit als DDR-Systempartei oder die individuelle Stasi-Vergangenheit der eigenen teils immer noch aktiven Abgeordneten ignoriert, befindet sich auf einer ganz schiefen Ebene. Das aber tut die CDU de facto, unabhängig davon, dass sich viele Mitglieder und auch Entscheidungsträgerinnen in der letzten Woche sehr korrekt geäußert haben. Sie schließt in öffentlichen Statements exakt gleichermaßen aus, irgendeinen Kandidaten der AfD oder Linke zu wählen. Den einen werfen CDU-Politikerinnen zu Recht vor, ein undemokratischer, destruktiver Haufen zu sein von im besten Fall Rechtspopulisten und in zu vielen Fällen Rechtsradikalen, die eindeutig gegen Aufklärung, gegen inhaltsbasierten Diskurs, für Verrohung und das Aushebeln demokratischer Prozesse stehen.

Bei den anderen hängen sie nicht zuletzt daran fest, dass Ramelow – wie übrigens auch Manuela Schwesig von der SPDein bestimmtes Wort in einem bestimmten Sinne nicht sagt, obwohl seine Haltung gegenüber der DDR nicht klarer sein könnte. Das ist really die Gegenüberstellung? Man muss ja gar nicht mit den Linken politisch übereinstimmen und kann deren Standpunkten gern widersprechen. Aber die Linke nicht als entfernten Verbündeten im Kampf um demokratische Werte, sondern als der AfD gleichwertig inakzeptablen Arbeitskollegen anzusehen, ist das argumentationsloseste Dogma, das mir seit Langem untergekommen ist. Und es basiert wieder auf simplen Feindbildern und nicht auf inhaltlicher Auseinandersetzung.

Ich könnte nun sagen: Mir egal, ich mag euch ohnehin nicht so. Aber ich merke gerade: Ich brauche euch – vor allem, wenn mit der FDP aus verschiedenen Gründen so gar nicht mehr zu rechnen ist. Die Sache in Thüringen ist schließlich nicht entstanden, weil AfDler einen genialen politischen Coup gerissen haben, sondern weil die CDU völlig sinnlos und zickig Ramelow nicht wählen oder durch Enthaltung ermöglichen wollte. Die AfD hier als entscheidenden Player zu sehen, ist in etwa so, als würde in einer Kneipe der eine Freund den anderen völlig unnötig anzicken und ein paar Meter weiter sitzt ein besoffener Typ, der sein eigenes Leben nicht geregelt bekommt, aber nachträglich reinruft, er hätte wahnsinnig raffiniert Zwietracht gesät. Nein, der Saufkopp ist kein Mastermind, der zickige Freund hat den kindischen Stress gemacht – vielleicht auch, weil er dachte, er kriegt sonst von dem Saufkopp und seinen Freunden aufs Maul. Das wäre dann nicht nur kindisch, sondern auch noch feige. Leider.

Bodo Ramelow macht anscheinend seit fünf Jahren einen ordentlichen Job und hat in der Bevölkerung bei den Wählern *aller* demokratischen Parteien (auch der CDU) einen riesigen Zuspruch. Zugleich hat die AfD durch die Situation in Thüringen in Umfragen nicht oder kaum zugelegt, stattdessen Linke, SPD und Grüne, also die demokratischen Parteien, die keine Machtspiele oder Zickereien abgezogen haben. Wenn aber nicht einmal das zu der Einsicht führt, in der Bewertung von AfD und Linken gerade kolossal falschzuliegen, wenn Phrasen wie "Wir können XY Prozent der Wähler nicht einfach vor den Kopf stoßen" weiter nur für das AfD-Milieu gelten sollen, was sollte das dann anderes sein als ein Zeichen dafür, dass man nicht nur Vokabeln wie "Meinungsdiktatur" teilt, sondern auch die Einstellung dahinter? 

Liebe CDU, du bist besser als das. Viele deiner Mitglieder zumindest. Aber damit daraus etwas Gutes wird, musst du als Ganzes verstehen, dass wir Verbündete sind im Kampf gegen undemokratische Parteien, Entmenschlichung und Entgleisung. Du musst aufhören, dir längst veraltete Kommunistenfeindbilder einzureden, wenn ein realer und größerer Feind sichtbar vor dir steht. Du musst wieder den inhaltlichen Diskurs in den Vordergrund stellen statt simpelste Angstnarrative und Pseudoargumente. Du musst jetzt zeigen, dass du mehr Empathie in dir trägst und für die Demokratie stehst. Ich kann dir nicht versprechen, dass dir das immer und überall mehr Stimmen bringt. Aber es wäre einfach anständig. Ich hätte Bock drauf. Peace.