Man stolpert ja dieser Tage ständig über diesen Blumenstrauß, den die Thüringer Landeschefin der Linken, Susanne Hennig-Wellsow, dem FDP-Politiker Thomas Kemmerich am Mittwoch im Erfurter Landtag vor die Füße warf. Kurz zuvor hatte Kemmerich sich mit den entscheidenden Stimmen der Höcke-AfD zum Ministerpräsidenten wählen lassen. Der Strauß ist seitdem Thema in Facebook-Diskussionen süddeutscher Kleinstadtbewohner, bei Lesungen von Uwe Tellkamp in Sachsen, selbst in der Schlange beim Bäcker in der Berliner Reihenhausperipherie. Überall dieser nicht ordnungsgemäß überreichte Blumenstrauß, als "geht gar nicht", als "kindisch", als "verlotterte Sitten".

Man könnte auch sagen: Der Blumenstrauß weist die Linke einmal mehr als das aus, was Konservative und Liberale ohnehin in ihr sehen. Sie ist zu radikal, zu wenig kompromissbereit, sie hält sich nicht an parlamentarische Gepflogenheiten. Sie ist eben kein Teil der bürgerlichen Mitte und damit für CDU und FDP kein tauglicher politischer Partner, egal wie klar ihre Abgrenzung zum SED-Unrechtsstaat und ihr Bekenntnis zur parlamentarischen Demokratie zuletzt ausgefallen sind.

Was aber ist eigentlich diese bürgerliche Mitte, außer jetzt vielleicht eine Art magischer Schutzraum vor bedenklichen Umtrieben "rechts wie links"? Während das Substantiv "Mitte" noch recht verständlich für all jene Kräfte steht, die den Status quo der Gesellschaft eher bejahen, ist das Mitte-definierende "bürgerlich" eine ziemliche Quatschkategorie. Denn wofür steht das nun eigentlich? Eine Altbauwohnung in der Stadt? Ein Haus mit Doppelgarage auf dem Land? Reclam-Regal oder Weber-Grill? Ist es bürgerlich, sich sehr genau mit der Geschichte des Bürgertums auseinandergesetzt zu haben? Oder ist bürgerlich vielmehr ein Gefühl der Sicherheit mit der Welt und mit sich selbst?

Die Antwort fällt hier recht ernüchternd aus: Bürgerlich ist alles und nichts, was Bürger tun, vielleicht noch am ehesten das, was als korrektes staatsbürgerliches Verhalten durchgeht, also weder kriminell noch terroristisch ist. Darüber hinaus wird "bürgerlich" aber im Moment zum politischen Kampfbegriff – und damit hoch problematisch. Er bezeichnet angesichts dieses Mangels an Definitionsschärfe eine oberflächliche Kategorie und führt damit fast zwangsläufig zum Habituellen, zu einer bestimmten Art des Wohlanstands in den Umgangsformen.

Bürgerliches Verhalten ist immer vermittelnd auf den jeweiligen sozialen Kontext bezogen, niemals laut und ihn durchbrechend. Es ist bürgerlich, im feinen Zwirn Hände zu schütteln. Es ist nicht bürgerlich, einen Blumenstrauß in die Gegend zu werfen – es sei denn, man befindet sich bei einer Hochzeit, einem Richtfest, einer Beerdigung oder einem anderen Ereignis, wo, ganz bürgerlich, mal mit Sachen geworfen werden darf. Damit hilft der Begriff aber nur der AfD. Björn Höckes und Thomas Kemmerichs ikonischer Handschlag kann mit ihm missverstanden werden als Ausweis von Höckes bürgerlicher Zähmbarkeit. Im krassen Gegensatz dazu steht, gemäß bürgerlicher Ressentiments gegenüber Linken und Frauen, die unbeherrschte Amazone Susanne Hennig-Wellsow. Beherrschung ist Bürgerlichen aber sehr wichtig.

Die Zeiten verlangen nach Abgrenzung

Das Mehr an Demokratie- und Menschenfeindlichkeit auf der Rechten wird somit, mindestens unbewusst, verrechenbar mit den mangelnden Umgangsformen auf der Linken. Das mündet nicht zwingend darin, dass die bürgerliche Mitte für die AfD Partei ergreift. Wohl aber führt es zu einer lächerlichen Überbetonung der Äquidistanz zu Rechtsextremen und Linken, in der das derzeitige Thüringer Demokratiedilemma gründet. Letztlich könnte man sogar sagen: Die Kategorie des Bürgerlichen ist einer der wesentlichen Gründe dafür, dass das leidige Hufeisen nicht endlich von der Wand fällt.

Man mag nun versuchen, den Begriff des Bürgerlichen, den auch die AfD nach wie vor dreist für sich reklamiert, ebenfalls zu beanspruchen, als Beschreibung aller tragenden Kräfte eines demokratischen Staates, einschließlich Linkspartei. Aber man kann sich auch fragen, ob es nicht besser wäre, ihn schlichtweg auszusortieren. Seit dem Schwinden der Klassenantagonismen von Bürgertum und Proletariat in der postindustriellen Gesellschaft ist ja ohnehin auch soziostrukturell zweifelhaft, was nun "bürgerlich" sein soll. So beschreibt der Begriff heute eher eine politische Mittelmäßigkeit als eine greifbare gesellschaftliche Gruppe. Das ist schlecht, wenn die Zeiten die radikale Abgrenzung zu einer protofaschistischen Partei verlangen – und zu denen, die sich eben nicht klar von ihr abgrenzen.