Wenn die Mailänder Scala Anfang Dezember ihre Opernsaison einläutet, klimpern die Damen im Logenrund mit den prunkvollsten Juwelen des Landes. Je heller das Wetterleuchten ihres Geschmeides, umso höher der Status des Ehemanns. Ach, nicht einmal im Belpaese dient Schönheit einem reinen Selbstzweck. Fast zeitgleich zur jüngsten Premiere der Scala – Anna Netrebko sang sich als Tosca in den emotionalen Ausnahmezustand – wurde im Palazzo Reale am nahe gelegenen Domplatz die Schmuckausstellung "Van Cleef & Arpels. Time, Nature, Love" eröffnet. Vermutlich hätte der Pariser Traditionsjuwelier gegen einige italienische Opernfreunde als Neukunden nichts einzuwenden. Wie zur Begrüßung imitiert daher das Collier "Opéra", ein Eyecatcher in der ersten Vitrine, mit einem Mikromosaik aus Rubinen und gelben Diamanten die Bewegung eines Bühnenvorhangs. Daneben werden goldene Zigarettenetuis mit Pariser Straßenszenen aus den Vierzigerjahren sowie ein Feuerzeug in Form der Siegessäule von der Place Vendôme­ präsentiert. So lokalpatriotisch ­feiert VC&A die eigene Markenidentität.

Das technisch raffinierte "Zip"-Collier schuf Van Cleef & Arpels 1951 nach einer Idee der Herzogin von Windsor. © Patrick Gries/​Van Cleef & Arpels

Paris als Auftaktthema – ausgerechnet im stolzen Mailand, dieser nicht minder von der Leidenschaft für Schönheit und Eleganz getriebenen Stadt. Das ist schon ziemlich verwegen. Unmissverständlich erinnert die Kuratorin der Ausstellung Alba Cappellieri daran, wo im frühen 20. Jahrhundert der Nabel der Welt lag – und die Unternehmensgeschichte von VC&A begann. 1895 heiratete Alfred van Cleef, der Sohn eines Edelsteinschleifers, Estelle Arpels, die Tochter eines Steinhändlers, und eröffnete 1906 gemeinsam mit seinem Schwager Charles an der ­Place Vendôme ein Ladengeschäft samt Atelier. Noch heute befindet sich die Herzkammer des Unternehmens an diesem Ort.

Das Haus habe ein starkes Sendungsbewusstsein, sagt Lise Macdonald, die Leiterin der patrimonial collection am Abend der Vernissage. "Schmuck ist eine Kunstform, und wir nehmen unseren Auftrag sehr ernst, die von Jacques Arpels in den Siebzigerjahren ins Leben gerufene Unternehmenssammlung zu bewahren, auszubauen und zu vermitteln." Auf 1600 Kreationen ist dieses Erbe seitdem angewachsen. 400 Exponate, die VC&A in den vergangenen hundert Jahren geschaffen hat, überwiegend kostbare Einzelanfertigungen der Haute Joaillerie, darunter auch einige internationale Leihgaben und eine Vielzahl an Entwurfszeichnungen, werden nun im historischen Fürstenapartment des Palazzo Reale in ein neues Licht gerückt.

Den zweiten Raum gestaltete Alba Cappellieri, Direktorin des Schmuckmuseums in Vicenza und Designprofessorin am Politec­nico di Milano, zum Thema "Exotismus". Lassen wir diesen interkulturell etwas verfänglichen Begriff einmal so stehen. Das Publikum durchstreift die Kontinente und flaniert zwischen hohen Vitrinentürmen, bestückt mit afrikanisch beeinflussten Bijoux aus Holz, Elefantenhaar und Horn, ­präkolumbisch angehauchten Artefakten, ­indischen Stickereien nachempfundenen Preziosen, einer Lapislazuli-Aschenschale, auf der eine Buddha-Figur aus Lavendeljade thront. Hier wird deutlich, dass VC&A kulturelle und geografische Einflüsse seit jeher zwar aufsaugt, doch über reine Adaptionsleistungen weit hinausgeht.

Dieser Artikel stammt aus Weltkunst Heft Nr. 167/2020

Noch bevor die edlen Mineralien ihre hypnotische Anziehungskraft voll entfalten, hat bereits das Fürstenapartment die Aufmerksamkeit gekapert: Berauschend schön verwandelt die Szenografie von Johanna Grawunder die vierzehn Prunkräume in eine fremde Welt aus Licht und Reflexion. Intarsienböden, goldgefasste Boiserien, Tapisserien und seidenbespannte Wände machen die spätklassizistische Raumflucht aus. Die kalifornische Architektin und Künstlerin begegnet dem überwältigenden Interieur mit psychedelischem Minimalismus. Türen und Wände beleuchtet sie so suggestiv, als breite sich Äther in den poppigsten Farben aus.

Architektonisch-strenge Vitrinen aus Glas und Stahl scheinen auf rosaroten, himmelblauen oder neongrünen Lichtpolstern zu schweben. Mit ihren teilverspiegelten Oberflächen, die in einer Art von Trugbild die Damasttapeten und Gobelins der Räume reflektieren, tragen sie zu einer Körperlosigkeit bei, die den Fokus geschickt auf die Juwelen lenkt. Sie sind es, die in diesem abgedimmten Environment am hellsten strahlen. Die Szenografie sei ihr leichtgefallen, erzählt Grawunder. Sie habe sich vorgestellt, die Preziosen seien kleine Kunden mit sehr individuellen Bedürfnissen nach Licht und Halt. "Ich habe eine Stadt aus verschiedensten Behausungen für sie gebaut."

Geschult hat Grawunder ihr gestalterisches Talent während der langjährigen Partnerschaft im Büro von Ettore Sottsass, einem Säulenheiligen des italienischen Designs. Wer mit dessen geometrisch-schrillen Memphis-Objekten vertraut ist, wird in dieser Ausstellung einigermaßen verblüfft feststellen, dass bonbonfarben emaillierte Puderdosen und Vanity Cases aus den Zwanzigerjahren oder bauklötzchenförmige Verzierungen aus Rosenquarz und Onyx an einem Handspiegel von 1930 die postmoderne Ästhetik, die Sottsass verkörpert, vorwegnehmen.