Montagmorgen. Eigentlich säße ich jetzt im Zug Richtung Kassel. Würde am Nachmittag abgeholt von der netten Frau in der Stadtbücherei der nahen Kleinstadt, die mit mir heute Abend das Gespräch zu meinem letzten Buch geführt hätte. Vor dem Wochenende hieß es: noch keine Corona-Fälle in Kassel, noch keine Absage kleinerer Veranstaltungen. Ich selbst war entspannt genug gewesen zu witzeln, dass ich nicht wirklich mehr als 1.000 Gäste erwarte. Welch Übermut! Schwieriger die Kurse, die ich nächste Woche in der Schweiz geben will: Da darf ich nicht mehr über die Grenze.

Die kleinen Betriebe, wir selbstständigen Kulturschaffenden – wo werden wir nachher stehen?

Als große Liebhaberin der kleinen Berliner Kinos war ich – ahnungsvoll? – in den vergangenen Tagen  besonders häufig im Moviemento, im Sputnik, in den Lichtspielen gewesen. Drei Kinogäste insgesamt teilten sich letzte Woche den Saal bei Little Women. Sieben waren es im großen Saal des Kant-Kinos bei Intrige. An der Kasse wurde mir erzählt, dass die Kinos längst der Stadt vorgeschlagen hätten, die Höchstbesetzung anders zu bemessen, sodass immer ein Platz zwischen den Besuchern frei bliebe. Gute Idee, fand ich, konstruktiver Vorschlag! Noch am Samstagabend nach Ende der Vorstellungen mussten die Kinos dichtmachen. Mich treibt die bange Frage um, ob alle dieser Kinos wieder öffnen werden, wenn es vorbei ist. Welche werden auf der Strecke geblieben sein?

Bernadette Conrad ist freiberufliche Journalistin und Autorin mit den Schwerpunkten Literaturkritik, Porträt und Reisereportage; tätig für das Schweizer Radio SRF2, DIE ZEIT u. a. Zuletzt erschienen von ihr "Die kleinste Familie der Welt. Vom spannenden Leben allein mit Kind" (btb 2016) und zusammen mit Usama Al-Shahmani "Die Fremde – ein seltsamer Lehrmeister" (Limmatverlag 2016). © Ekko von Schwichow

Was gehört in diesen Wochen der unheimlichen – wahrhaft unheimlichen – Beschleunigung zu einer realen Situation in Sachen Coronavirus und was zu einem Panikvirus, mit dem sich nicht anzustecken schwere Arbeit ist?

"Bei vier von fünf Erkrankten ist der Verlauf milde": Dem zum Trotz gibt es keinen Abstand mehr zum Thema, es ist allgegenwärtig, hat uns im Griff, verschluckt uns. Der Liveticker berichtet stündlich – immer laufen neue Infektions- und Todeszahlen parallel mit der Info über die neuesten Einschränkungen. Kein Wunder, dass auch junge Eltern beim kleinsten Husten der Kinder Telefonleitungen und Test-Anlaufstellen überbeanspruchen.

Bei mir melden sich leise Fragen: Wieso wird nicht berichtet, wie viele der neu Erkrankten überhaupt hospitalisiert werden müssen – oder einfach wegen "mildem Verlauf" nach Hause zurück und in die Quarantäne geschickt werden? Wieso ist nie von den wieder Genesenen die Rede? Es gibt unter Ärzten auch Stimmen, die die Todeszahlen unter alten Menschen als absolut mit einem normalen Grippejahr vergleichbar ansehen. Was stimmt wirklich?

Wir fragen nicht, wir horten Klopapier. Okay, ich weiß, das Thema "kein Klopapier in den Regalen" ist schon "gähn", ist Schnee von gestern. Aber tatsächlich habe ich heute wieder keines bekommen.  Zum Hamstern hat übrigens noch kein Politiker aufgefordert, im Gegenteil, hier wird ausdrücklich entwarnt; kein Zweifel wird daran gelassen, dass Supermärkte offen bleiben, Warenverkehr ungehindert fließen wird. Aber vielleicht sind wir nicht nur brave Erfüller, sondern sogar kleinmütige Übererfüller, die in letzter Instanz nur ihrem eigenen Misstrauen glauben – wir, die wir doch gar nie einen Krieg miterleben und Hunger leiden mussten.  

Eine Freundin von mir erzählte, sie sei mit einem Freund auf einer Reise gewesen und der Freund habe sorgfältig darauf geachtet, immer hinter ihr zu gehen, sodass ausnahmslos sie die Türen öffnen und Türklinken anfassen musste. Irgendwie hätte das schon etwas in ihrer Haltung zu dem Freund verändert, meinte sie. Was wird erst sein bei einer Epidemie mit höherer Mortalität? Was, wenn das Trinkwasser mal knapp werden wird? Könnte es nicht sein, dass nicht nur den Entscheiderinnen und Entscheidern (die man um ihre Arbeit nicht beneidet), sondern auch uns selbst im Rausch der Panik das Augenmaß verloren geht?

"Hallo …", rief eine Freundin, als wir vor ein paar Tagen unseren Sportkurs noch besuchen konnten, und noch bevor ich antworten konnte, herrschte sie mich, als ich mich näherte, an: "Fünf Meter Abstand." Wer macht sich Gedanken um die ungeheuren sozialen Begleiterscheinungen – von den Folgekosten erst mal zu schweigen – dieser scheinbar so unvermeidlichen Maßnahmen?

Eine andere Freundin, die im Hospizbereich arbeitet, berichtet, dass weder die haupt- noch die ehrenamtlichen Mitarbeiter nun die Alten und Kranken und Sterbenden in Heimen und Krankenhaus mehr besuchen dürfen. Auch lange vor Corona war der Care-Bereich von Pflege und medizinischer Versorgung ein über die Maßen belasteter Bereich. Nun könnte es passieren, dass alte Menschen in sozialer Isolation zu Tode geschont – und Mitarbeiter/innen der Pflege vollends ins Burn-out getrieben werden.

Unabhängig von dem, was medizinisch gilt und notwendig ist, erleben wir gerade einen mächtigen Mainstream, der uns suggeriert, alle anderen Themen der Welt seien zweitrangig geworden. Hätte irgendetwas die so wichtige Bewegung der Fridays for Future so gründlich zum Stoppen bringen können wie Corona?

Nein, keine Sorge, hier folgt jetzt keine Verschwörungstheorie.

Sehe mich selbst hin- und herschwanken in den letzten Wochen, als ich – traurig, widerwillig, schließlich einsichtig – mein Zugticket zurückgegeben habe, mit dem ich Ende März meine Tochter in Sizilien besuchen wollte, die dort ihr FSJ macht. Drei Stunden Aufenthalt in Mailand erschienen schon vor einer Weile nicht mehr als eine wirklich gute Idee.