Der verlassene Campus – Seite 1

Diese Woche steht in meiner Vorlesung Georg Simmel auf dem Plan, Die Großstädte und das Geistesleben aus dem Jahr 1903. Die Vorlesung sollte in einem hässlichen, fensterlosen Auditorium stattfinden, das direkt über dem Untergeschoss liegt, in dem 1971 das berüchtigte Stanford-Prison-Experiment durchgeführt wurde: Bei dem trafen 21 Studierende in einer Art Rollenspiel als Häftlinge und Gefängniswärter aufeinander; das Experiment musste nach wenigen Tagen abgebrochen werden, als es außer Kontrolle geriet. Meine Vorlesung zur Großstadt und zum Geistesleben wird nun (wenn überhaupt, inschallah) über die Server von Palo Alto abgewickelt.

Im kalifornischen Stanford kann man in dieser Woche beobachten, was passiert, wenn sich eine zugegebenermaßen kleine, sozusagen halbnomadische Großstadt, das akademische Herz des Silicon Valley, plötzlich auflöst. Und wenn ihr Geistesleben gezwungenermaßen in die virtuelle Welt ausweichen muss: Die Uni hat am vergangenen Freitag sämtliche Lehrveranstaltungen für dieses Trimester (das noch zwei Wochen läuft) ins Internet verlegt, weil es einen Coronavirus-Fall in der Belegschaft gibt. Es gilt jetzt bereits als wahrscheinlich, dass auch der Beginn des nächsten Semesters mit Onlinekursen anfangen wird.

Der Campus selbst wirkt am Montag (den ich eigentlich hätte im Homeoffice verbringen sollen) wie an einem verschlafenen Nachmittag während der Sommerpause: wenig los. Ein gewohntes Bild sind die Jets am Himmel auf ihrem Weg zum Flughafen von San Francisco. Auch Tourgruppen laufen weiter umher, in den Büros indes herrscht die übliche Geschäftigkeit. Der Betrieb der Fakultäten soll normal weitergehen. Doch die Studierenden fehlen, die sonst mit ihren Fahrrädern über den Campus rasen. Sie sind nirgendwo zu sehen.

Erst auf den zweiten Blick fallen kleine Details auf: der Dekan, der dann bis abends mit Freisprechgerät vor seinem Computer sitzen wird und irgendwelche Onlinemeetings koordiniert, die Putzkolonne, die buchstäblich zum Klinkenputzen von Gebäude zu Gebäude eilt. Und da ist die Erzählung des Kollegen, der zu wissen glaubt, dass die meisten Passagiermaschinen, die über unseren Köpfen hinweggleiten, auf Leerflügen unterwegs seien. Die Airlines, sagt der Kollege, wollten damit verhindern, dass ihnen der Flughafen die besten Landegenehmigungen entzieht. Also flögen sie auch jetzt, wo kaum jemand in den USA noch fliegen mag wegen des Coronavirus.

Lasst uns die Offlineerfahrung ins Virtuelle hinüberretten

Die Uni hat nicht viel Zeit gehabt für die Umstellung, nur ein Wochenende, und bisher funktioniert auch nicht alles. Dennoch hat die IT der Uni mit beeindruckender Geschwindigkeit mehrere Websites geschaffen, die den nicht immer technikaffinen Dozenten erklären, was sich alles online machen lässt. Teach Anywhere heißt eine dieser Seiten, auf ihr wird gezeigt, wie man welche Tools benutzt: das Slack-System der Uni, das Videokonferenzprogramm Zoom, Filesharing über Google Team Drive.

Das Ganze entbehrt natürlich nicht einer gewissen Ironie. Denn plötzlich muss sich die Universität auf die ganzen Technologien verlassen, mit der ihre Abgänger seit mehreren Jahrzehnten die Welt beglücken. Ein Heimspiel sozusagen. Aber während es bei den MOOCs ("Massive Online Only Courses") oder dem Angebot der vom Stanford-Professor Sebastian Thrun gegründeten Firma Udacity darum geht, das traditionelle Lehrmodell zu durchbrechen, muss in diesem Fall traditionelle Lehre simuliert werden – immerhin haben sich die Studierenden ja mit gewissen Grundannahmen in einen Kurs eingeschrieben und die darf man nicht komplett über den Haufen werfen. Besonders experimentell wirkt die Angelegenheit daher nicht. Man ist eher bemüht, die Offlineerfahrung so gut es geht ins Virtuelle hinüberzuretten. Das ist im sonst obsessiv innovativen Silicon Valley (das eigentlich nichts mehr als drei Minuten anschauen kann, ohne es disrupten zu wollen) schon eine etwas seltsame Erfahrung.

Die besteht vor allem darin, zu erleben, was geschieht, wenn man einer Campus-Uni den Campus nimmt. Erst dann merkt man, wie feinjustiert so eine große akademische Gemeinschaft ist, wie komplex die täglichen sozialen Interaktionen eigentlich sind und wie stark sie von Gewohnheit und Gepflogenheiten dominiert sind. Was vor wenigen Tagen noch einfach so ging, muss jetzt explizit erklärt werden.

Der Campus ist auch eine Benutzeroberfläche

Meine erste Woche als Onlinelehrer begann zwar sehr angenehm mit einem Videomeeting um halb acht morgens. Ich saß zu Hause noch in meinem Schlafanzug, zu einer Uhrzeit, um die ich normalerweise bereits seit einer Viertelstunde in der S-Bahn gesessen hätte. Doch dann traf das WFH ("Work from Home") bereits auf erste Grenzen. Ein Skype-Anruf mit einer Doktorandin: Ihr Skype funktionierte nicht, wohl weil die Doktorandin gerade die App Zoom heruntergeladen hatte, mit der sie wenige Minuten später ihren Deutschkurs geben sollte. Ein Kollege meldete sich per SMS, er hatte versucht, seine Vorlesung für Mittwoch über die Kurssoftware Canvas hochzuladen, aber dann schien sie verschwunden zu sein. Auch bei mir lief nicht alles rund und um halb zehn war mein Crashkurs in WFH bereits beendet: Ich musste noch einen Text für mein Seminar scannen und setzte mich deshalb doch in die S-Bahn Richtung Uni. 

Der Campus ist nicht nur als Ressource wichtig, als Spielfeld, sondern eben auch als Benutzeroberfläche – und gerade als die fehlt er jetzt. Denn das Problem des Von-zu-Hause-aus-Arbeitens ist ja, dass es eine gewisse Art Zuhause voraussetzt. Die eigentlich sehr schöne Abstraktion, die eine Campusuniversität wie Stanford darstellt, gerät mit in den Strudel der Corona-Krise. Nun werden an vielen US-amerikanischen Unis Lehrkräfte gebraucht, die sich mit Onlinekursen auskennen – und das sind häufig gerade jene Kolleginnen und Kollegen, die nur befristete Verträge besitzen. Sie müssen jetzt dem Rest der Fakultät erklären, wie das alles geht.

Unterschiede und Ungerechtigkeiten, von denen man im Lehralltag noch ein Stück weit abstrahieren konnte, treten auf einmal klar zutage. Man tut immer so, als würde die Technologie alles nivellieren, aber erste Erfahrungen mit dem digitalen Dekameron suggerieren eher das Gegenteil: Technologie befördert Ungleichheit. Denn während wir Professoren und Professorinnen verzweifelt versuchen, Zoom oder Skype zu installieren und unsere Privatsphäre vollständig auf die Uni ausrichten, gibt es für die Studierenden noch ganz andere Probleme. Sie sollen nach Hause gehen und vor dort aus weiterstudieren. So einfach ist das nicht, zumindest nicht für alle.   

Denn jetzt merken wir: Es gibt Studierende, die gar nicht nach Hause können oder die zu Hause kein Internet haben oder jedenfalls keines, das für einen datenintensiven Service wie Zoom nutzbar wäre, oder die gerade gar nicht das besitzen, was man klassischerweise ein Zuhause nennt, wo sie sich vor der Ausbreitung eines Virus in Sicherheit bringen und also in die weitgehende soziale Isolation begeben können: Noch scheint sich ein Großteil der Studierenden in den Wohnheimen auf dem Campus aufzuhalten, sie hängen offenbar auf ihren Zimmern fest. Zu ihren Eltern weichen bislang vor allem Studierende aus, die aus der Gegend stammen, und solche mit Vorerkrankungen, die gesundheitlich besonders gefährdet sind. Aber in zwei Wochen ist Spring Break — was dann?

Natürlich wusste man das alles rein intellektuell auch schon vorher. Im normalen Uni-Alltag stellt man sich aber Fragen wie die nach dem Zuhause der anderen nicht, weil die Instanz des Campus sie zumindest teilweise überdeckt: Auf dem Campus sind zwar nicht alle gleich, doch alle haben es geschafft, dorthin zu kommen, um zu lernen oder zu lehren. Die Krise führt einem das nun scharf vor Augen. Man fühlt mit einem Mal doch eine gewisse Ehrfurcht gegenüber dieser Einrichtung namens Campus. Der Campus macht es möglich, unvollständig und nur auf Zeit zwar, die eklatanten Unterschiede zwischen uns allen wenigstens etwas zu nivellieren.