Bernhard Pörksen ist Medienwissenschaftler an der Universität Tübingen. In diesem Essay greift er auf Überlegungen zur Krisenkommunikation zurück, die er und der Kommunikationspsychologe Friedemann Schulz von Thun in ihrem Buch "Die Kunst des Miteinander-Redens. Über den Dialog in Gesellschaft und Politik" ausgearbeitet haben. Es ist soeben im Carl Hanser Verlag erschienen. © Peter-Andreas Hassiepen

Philosophen lieben Gedankenexperimente. Sie kneifen die Augen zusammen und fragen sich: Ist der Tisch noch da, wenn ich ihn nicht sehe? Oder: Macht der Baum, der im Wald umfällt, ein Geräusch, wenn niemand vor Ort ist, der dies hört? Und sie wollen wissen: Wie ist es eigentlich, eine Fledermaus zu sein? Können Menschen sich so intensiv in das Erleben einer Fledermaus einfühlen, dass sie das Fledermaus-Gefühl empfinden? In diesem Sinne kann man in der aktuellen Stimmungslage fragen: Was wäre unsere Wirklichkeit ohne das Internet? Und was würden wir über das Coronavirus ohne Live-Ticker, Echtzeitberichte und Breaking-News-Schlagzeilen denken, in welcher Gefühlswelt würden wir ohne die mikroskopische Registratur von dramatischen Wendungen und Zäsuren und ihrer maximalen Vergrößerung auf der Weltbühne des Netzes existieren? Was wäre, wenn wir, wie zu Zeiten der Spanischen Grippe im Jahre 1918/1919, die bis zu 50 Millionen Menschen dahingerafft hat, aufgrund der geltenden Zensur, den Verzögerungseffekten der Printwelt und der damals herrschenden Papierknappheit nichts Genaues wüssten von den Sterbenden in unserer Stadt oder dem tausendsten Infizierten im eigenen Land? Wären wir die, die wir heute sind?

Gewiss nicht. Am 3. Januar 1919 fand sich in den Münchner Neuesten Nachrichten die folgende Notiz: "Es ist seltsam, wie gelassen die Welt die furchtbare Influenza-Epidemie, die sie während der letzten Monate heimgesucht, hingenommen hat, und wie wenig Aufsehen auch die schlimmsten Sensationsblätter von ihr gemacht haben." Von diesem Gefühl der Gelassenheit ist heute, gut hundert Jahre später und im Moment einer neuartigen Pandemie, nichts zu spüren. Im Gegenteil. Das Stimmungsschicksal vernetzter Gesellschaften, die den dosierten Umgang mit ihren Affekten noch nicht beherrschen, ist die Verstörung, die sich bis zur Panik steigern kann. Man hat den Eindruck, sich auf schwankendem Grund zu bewegen, mal vorsichtig, mal bedächtig, hin- und hergerissen zwischen Verzweiflung und Wut über geplatzte Pläne und entgangene Gelegenheiten, Sorge und Normalitätssehnsucht, gleichsam stets auf dem Sprung. Und im Hintergrund lauert eine leicht entzündliche Angst, die einen vielleicht schon beim Hustenanfall des Sitznachbarn in der U-Bahn wieder ergreift.

Noch einmal: Was wäre unsere Wirklichkeit ohne das Netz? Eine mögliche Antwort: Wir würden sehr viel weniger sehen ohne dieses Medium der radikalen Differenzerfahrung. Es gäbe keine kleinen, lustigen TikTok-Videos, in denen Menschen ihr Erschrecken vor dem Virus wegtanzen, keine großartigen Ad-hoc-Podcasts von Virologen, keine permanent aktualisierten Statistiken, keine interaktiven Karten und Kurven, die vom Fortschreiten der Pandemie künden. Man würde von den Experten, den Journalisten, den Verschwörungstheoretikern und Desinformationsspezialisten, den Spaß- und den Panikmachern, den Wundermittelanbietern und der verzweifelten Suche des US-Präsidenten nach einem neuen Spin ("ein ausländischer Virus") einfach sehr viel weniger mitbekommen.

Wir sind, auf eine Formel gebracht, in eine Atmosphäre der totalen Gleichzeitigkeit eingetreten, leiden an einer Überdosis Weltgeschehen. Alles und alle sind jetzt gleichzeitig da, sichtbar im Weltinnenraum der Kommunikation, erlebbar auf ein und demselben Kanal, vielleicht nur einen Klick voneinander entfernt. Hass gegen Asiaten. Und Kampf gegen diesen Hass. Totale Fiktion. Und nüchterne Faktizität. Grelle Interpretationen. Das befreiende Lachen. Und die Beschwörung eines apokalyptischen Infernos. Wir erleben das Ende der Idylle in einem einzigen Rausch geteilter Information, dem sich niemand entziehen kann, weil "die kollektiven Nervenleitungen unseres Planeten eine einzige blubbernde, diffuse, quasi-fühlende, rund um die Uhr aktive Meta-Community bilden", wie der Schriftsteller Douglas Coupland einmal schrieb. Das Ineinanderfließen des privaten und des öffentlichen Bewusstseins – Signatur des digitalen Zeitalters – wird gerade in diesen Tagen und Wochen zur alltäglichen Erfahrung. Und das bedeutet Stress, weil der Filterclash, die Sofort-Konfrontation mit immer anderen Ansichten und das Aufeinanderprallen von Parallelöffentlichkeiten, unvermeidlich geworden ist.

Rückzug in den geistigen Garten?

In einer solchen Situation beginnt – in der Regel vornehmlich im Milieu der Privilegierten – die Sehnsucht nach informationeller Abschottung zu wachsen. Und wäre es nicht zu schön, alles wäre nur ein besinnungsloser Hype, den man durch ein bisschen Medienkritik und Netzpessimismus entschärfen könnte? Der Journalist Gabor Steingart – Seismograph eines zum Mainstream gewordenen Anti-Mainstream und eines berechenbaren Nonkonformismus – hat die These vertreten, man habe es im Falle der Corona-Angst womöglich mit der größten "Massenhysterie der Moderne" zu tun. Es ist kein Zufall, dass er als eine Art Beleg ein paar Sätze aus einem Essay des Schriftstellers Botho Strauß aus dem Jahre 2013 zitiert, die von den blöden sozialen Medien handeln. Was jedoch in Steingarts Autoritätenzitat nicht vorkommt, aber von Strauß intendiert ist, besitzt tatsächlich eine zeitdiagnostische Brisanz. Hier wird eine Sehnsucht nach der Rückkehr in eine Idylle formuliert, die es, wie eben jetzt erfahrbar wird, unter den aktuellen Medienbedingungen gar nicht mehr geben kann.

Der Schriftsteller verherrlicht in dem zitierten Essay den "Unverbundenen", der sich in "neue unzugängliche Gärten flüchtet". Er ruft den "Ungerührten" (vulgo: den Gleichgültigen) zum Vorbild und zur Zukunftsgestalt aus, weil er es vermag, "ohne eine Regung von Zukunftsunruhe, ohne Angst zu leben". Wäre das nicht schön, so möchte man weiter fragen, wenn man jetzt einfach den Stecker zieht und sagt: Ich bin dann mal offline. – Aber ist das Virus dann auch weg? Wird, wenn man sich dem Impulsgewitter der Medien entzieht, etwa nicht mehr gestorben und gelitten? Ist der Kampf zwischen den Mächten der Aufklärung und Gegenaufklärung, der gegenwärtig so drastisch und dramatisch ausgefochten wird, dass selbst die Plattform-Unternehmen klar Partei ergreifen und sich auf die Seiten wissenschaftlicher Expertise schlagen, dann vorbei? Nützt es irgendwem (außer vielleicht der eigenen Person), wenn man jetzt wegschaut? Natürlich nicht. Das heißt: Die Spießer eines heilig gesprochenen Seelenfriedens, die den Schrecken als Störung im eigenen Behaglichkeitskosmos begreifen, weichen mit ihren Ego-Rezepten den entscheidenden Fragen aus, die da heißen: Was ist wirklich wichtig? Wie lässt sich sinnvolle Vorsicht von lähmender Angst unterscheiden? Und wie können wir, Gefühlswesen, die wir nun einmal sind, kommunikative Register für den Umgang mit bedrohlicher Ungewissheit entwickeln?