Die erste Strophe ist nun gesungen nach einigen Tagen Corona-Krise, die Appelle, Aufrufe und Absichtserklärungen der Politik sind in der Welt, auch der Kulturpolitik, die in Deutschland sehr komplex in ihren Zuständigkeiten geregelt ist auf den Ebenen Bund, Länder und Gemeinden. Ihr Tenor lautet nun: Wir werden die Kultur, die von Schließungen der Kinos, Theater, Museen und Veranstaltungsabsagen besonders hart getroffen ist, nicht crashen lassen; auch die Freiberufler haben wir im Blick; ein Schutzschirm ist für alle da.

Die Zahlen wachsen und werden deshalb fast etwas abstrakt, so wie es zuletzt bei der Banken- und Finanzkrise in den Jahren 2008 und 2009 war. Bis zu 40 Milliarden Euro sind auf Bundesebene derzeit im Gespräch, um Soloselbständige und Kleinstfirmen mit Darlehen und Zuschüssen zu unterstützen. Das wird nicht allein, aber auch Kulturschaffenden und in der Kultur tätigen Unternehmen zugute kommen. Auch einige Bundesländer haben erste Soforthilfen für Soloselbstständige aufgelegt, der für Bayern ist bereits gestartet, Hamburg, Bremen und Berlin haben Landeshilfsfonds beschlossen; die Form der Soforthilfe variiert auch da zwischen Zuschüssen und Darlehen, rasch und unbürokratisch sollen Solo-Selbstständige zwischen 2.500 und 5.000 Euro auf Antrag erhalten. Für Berlin, wo besonders viele freie Künstlerinnen, Künstler und im Kulturbetrieb Tätige leben, hat der dortige Senat 100 Millionen Euro bereitgestellt für Freiberufler und Kleinstunternehmen, Soforthilfe II heißt das Programm (das zuvor aufgesetzte Soforthilfe-I-Paket zielt auf mittelständische Unternehmen ab). Maximal 5.000 Euro sollen Einzelpersonen für einen Zeitraum von sechs Monaten erhalten. 

Für wen genau die Soforthilfen und Kredite gedacht sind, für wen es reichen wird, wie der Bund mit den Ländern, die eigentlich die Hoheit über die Kultur haben, zusammen spielen und die Gelder ergänzen wird – da blicken selbst Profis noch nicht durch. Ein kulturpolitisches Spitzentreffen von Bund, Ländern und Kommunen hat bereits am 13. März stattgefunden, und am 17. März versprach die Staatsministerin für Kultur und Medien, Monika Grütters, es werde Fördermittel geben, die Schärfung bestehender Programme, Nothilfe. Seit Tagen ist aber nichts Genaueres zu erfahren aus Grütters Ministerium, dem BKM; Anfragen von ZEIT ONLINE blieben zwei Tage lang unbeantwortet. Dann bat der Pressesprecher um Geduld. Wohl verständlich, es wird unablässig getagt, die Aufgabe ist riesig und die Kultur- und Kreativwirtschaft steckt nicht allein in dieser Krise, auch wenn sie laut BKM mit über 100 Milliarden Bruttowertschöpfung im Jahr in Deutschland mehr umsetzt als die chemische Industrie, Energieversorger oder Finanzdienstleister. Die Kultur ist, jedenfalls den Zahlen nach, systemrelevant.

Spricht man in diesen Tagen mit Vertreterinnen und Vertretern aus Kulturverbänden, Gewerkschaften und Kulturverwaltungen, ergibt sich ein zunehmend klarer werdendes Bild. Es gibt Geld. Und es geht schnell. Gemessen am Klischee allzu gründlicher deutscher Kulturbürokratie sogar überschallschnell. Das sehen ausnahmsweise alle ähnlich, die, die dringend nach Geld fragen und die, die es nun bereitstellen sollen und augenscheinlich auch wollen.

Kann es sein, dass in dieser emotionalen Zeit sogar die Kulturleute wieder stärker nach ihren Heimatregionen klingen? Am Telefon, wo auch sonst derzeit, klingt Klaus Lederer, Berliner Senator für Kultur und Europa und Linken-Politiker, klarer nach Osten als sonst. Beim Geschäftsführer der Produzentenallianz für Film und Fernsehen, Christoph Palmer, weht der Südwesten der Republik sprachlich selbst durch die überlastete Leitung. Kathrin Pechlof, Geschäftsführerin der IG Jazz Berlin, hat schon lange niemand mehr gefragt, ob sie aus München komme. Und bei Heinrich Schafmeister, Schauspieler und im Vorstand der größten Gewerkschaft seiner Zunft, dem Bundesverband Schauspiel BFFS (Bühne, Film, Fernsehen, Sprache), macht sich das Ruhrgebiet akustisch deutlich bemerkbar.

Vielleicht spürt man die Wurzeln besser, wenn der Boden wankt. Im Kulturgarten sind die Auswirkungen der Corona-Krise besonders existentiell, weil so viele nicht in Festanstellungen arbeiten. Sie sind kurzfristig Beschäftigte, Soloselbständige, Freiberufler, Kleinstunternehmerinnen – bei allen arbeitsrechtlichen Unterschieden eint sie, dass sie kein geregeltes Einkommen haben. Und die allermeisten auch kein Erspartes, um ein paar Monate, ein halbes Jahr, wer weiß wie lange durchzuhalten. "Gerade im Fernsehgeschäft", sagt Heinrich Schafmeister, "sind wir die ausgelagerte Werkbank der Sender, auch der Öffentlich-Rechtlichen."

Kein Gespräch verläuft ohne ungefragtes Lob der Gegenseite in den Verhandlungen darüber, wie man die existenziellen Sorgen von Kulturschaffenden abfedert. Schauspieler Schafmeister sagt, man würde nun ja sehen, wie wichtig die Öffentlich-Rechtlichen in der Krisenkommunikation seien. Christoph Palmer wiederum lobt Schafmeisters Gewerkschaft und auch ver.di, mit denen man über einen Tarifvertrag zur Kurzarbeit verhandle. Kathrin Pechlof fühlt die Nöte nicht nur der freien Jazzmusikerinnen und -musiker erkannt und sagt, beim Berliner Kultursenat seien die Zuständigen ständig ansprechbar.

Der dortige Kultursenator Klaus Lederer wird auf eine Weise deutlich, wie man es von gewandten Kulturpolitikern wie ihm nicht immer zu hören bekommt. Auch er betont die "Realitätszugewandtheit" aller Parteien, gerade auf Bundesebene, wo derzeit viele Entscheidungen anstehen. Er wirbt für Geduld. Auf die Standardfrage am Schluss des Gesprächs, ob man etwas Wichtiges vergessen habe, schießt es frei aus Lederer heraus: "Für die finanzielle Lücke der großen Kulturbetriebe haben wir im Moment noch keine Lösung, das muss man so sagen. Aber wir arbeiten mit Feuereifer."