In den letzten Wochen haben zahlreiche Menschen das Internet für sich auf eine neue Art kennengelernt: Sie senden. Konzerte, Lesungen, Fitnessübungen oder Schulunterricht werden vielfach gestreamt oder als aufgenommenes Video ins Netz gestellt. Als jemand, der sich schon lange in dieser Ecke des Internets herumtreibt, freut mich dieser neue Input erst einmal total.

Darum mal einfach an die zahlreichen Leute, die sich zum ersten Mal zu Hause vor eine Kamera gestellt haben: Herzlich Willkommen! Schön, dass ihr hier seid, denn von euch können wir alle noch viel lernen und solche Aktionen tragen in solchen Krisenzeiten auch zu einem Gefühl von Halt und Normalität bei. Ihr, die ihr sonst eher live auf Bühnen, vor Schulklassen oder Yoga-Gruppen steht, seid immer noch da und immer noch gut in dem, was ihr tut. Das ist wunderschön zu wissen.

Ich frage mich aber auch, nicht zuletzt aus Sympathie und Respekt für die Leute, die ich da jetzt Neuland betreten sehe, was aus diesen Bemühungen wird, wenn der Zauber des Anfangs und des Happenings schwindet. Ist zum Beispiel ein Klavierkonzert bei Twitch wirklich auch nach Wochen oder Monaten noch erste Wahl und die Bereitschaft, parallel in einen Spendentopf einzuzahlen, nach dieser Zeit noch unvermindert hoch? Oder greifen Konsumentinnen und Konsumenten irgendwann doch lieber auf die professionelle Aufnahme zurück als auf den datenreduzierten Stream eines Handymikrofons?

Aktuell machen die Corona-Kulturpioniere vor allem das, was sie sonst auch live tun würden, und halten da eine Kamera drauf. Damit macht man automatisch Abstriche gegenüber "dem Original", denn Live-Situationen haben für Kulturveranstaltungen viele Vorteile, Sound, Atmosphäre, Happening, und so weiter. Und auch im Schulunterricht-Stream kann man die Schüler nicht dazu anleiten, ein kleines Experiment mit einem Bunsenbrenner zu machen.

Gerade das Beispiel Schulunterricht, so er denn datenschutzrechtlich und organisatorisch überhaupt stattfinden kann, führt aber natürlich auch zu den vielen Vorteilen der digitalen Präsentation: Das Problem "Frau Müller, bitte die Tafel noch nicht wegwischen, ich hab das noch nicht abgeschrieben" ist gelöst, da die Verschriftlichungen der Lehrperson digital nicht gelöscht werden müssen. Der Platz von "digitalen Whiteboards" ist schließlich nicht limitiert und alles kann automatisch gespeichert und auch Wochen später noch abrufbar sein. Grundsätzlich bietet dieses Feature auch die Möglichkeit, dass Schülerinnen nicht mehr alles mitschreiben müssen, wenn es dabei weniger um einen Lerneffekt und mehr um die Informationserhaltung geht. Schülerinnen könnten sich dann eher auf den Unterricht konzentrieren. Fragen können online auch leichter anonym gestellt werden, falls es Schülern unangenehm vorkommt, einen bestimmten Stoff immer noch nicht verstanden zu haben. 

Genauso kann Feedback für die Lehrperson anonym abgegeben werden, sodass diese eine ehrliche Rückmeldung nach jeder Stunde erhält – ein simples Ampelsystem reicht dafür bereits aus. Es gibt außerdem bereits die Möglichkeit, in Echtzeit einen Stream mit Untertiteln zu versehen, die zwar nicht immer 100 Prozent korrekt sind aber die meisten ZEIT-ONLINE-Leser in ihrer Qualität wahrscheinlich überraschen werden. Die Einbindung dieses Features würde zum einen bedeuten, dass hörgeschädigte Personen dem Unterricht besser folgen können und zum anderen hätte man automatisch eine grundsätzliche Mitschrift des Unterrichtes. "Was hat Frau Müller dazu nochmal gestern gesagt?" Das ist jetzt easy in zehn Sekunden geklärt: Einfach Strg+F drücken, Stichwort eingeben und nachlesen – auch eine super Hilfestellung bei krankheitsbedingter Abwesenheit. Außerdem könnten ganze Unterrichtsstunden oder -reihen aufgezeichnet werden, sofern sich alle sicht- oder hörbaren Beteiligten (beziehungsweise deren Erziehungsberechtigte) dazu bereit erklären. 

Ein weiterer Vorteil von solchen Aufnahmen, sofern es denn rechtlich möglich ist, zumindest Teile davon einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen: Lehrerinnen können sich endlich mal effektiv gegenseitig was abgucken. Wenn ich als Lehrer dabei struggle, Dreisatz so rüberzubringen, dass meine Schüler es verstehen, habe ich zukünftig idealerweise mehr Möglichkeiten, Anderen genau dabei zuzusehen, anstatt ein Buch zu lesen oder mich ans Referendariat oder die letzte Fortbildung zu erinnern. Am besten sortiert man dazu auf zentralen Plattformen nach positivem Feedback von Schülerinnen und Schülern, aber – optional wählbar – auch von anderen Lehrerinnen. Ich bin mit solchen Gedanken längst nicht allein. Vor bereits sieben Jahren hat Bill Gates genau solche Verbesserungen vorgeschlagen.

Nun hat Schulunterricht einen großen Vorteil gegenüber anderen digitalisierten Live-Formaten: Niemand muss von seiner Vermarktung leben. Und deshalb kann es auch erst einmal egal sein, wenn er in seiner Präsentation gegenüber anderen Formen digitaler Wissensvermittlung trotz allem abkackt. Denn auch das stimmt ja – auf YouTube zum Beispiel gibt es einfach schon unfassbar gute Wissenskanäle mit Inhalten über Physik, Mathe, Informatik, Psychologie, Medizin, Linguistik, Chemie, Geschichte, Biologie, Astrophysik oder logische Argumentation. Und es gibt daneben noch viele Kanäle, die diversen Themen und Fragen nachgehen, zum Beispiel wie man Papst wird, welche Farbe Spiegel haben, oder was das Geburtstagsparadoxon oder positiver Nihilismus sind. Die Videos sind meist von Fachleuten aufgearbeitet, sauber belegt und werden hunderttausend- oder sogar millionenfach geklickt. 

Es ist also selbst bei Bildungsinhalten schwierig, mit diesen Profis mitzuhalten, die über viele Jahre die Präsentation dieser Themen perfektioniert haben. Umso schwieriger wird es für all jene, die in wirtschaftlich stärker umkämpften Feldern mit spontanen Live-Formaten gegen professionelle Produktionen ankommen müssen. Was macht der Schriftsteller, der nicht nur sein Hörbuch verkaufen will, sondern zusätzlich auch Einnahmen aus einer Lesung generieren möchte? Was machen die Musiker, die weiter Konzerte spielen möchten?