Wie eine "Invasion von Aliens" käme ihr das vor, schrieb Cecilia in einer WhatsApp-Nachricht an eine Freundin, und suchte nach Worten, wie sie das, was da gerade vor ihrem Fenster auf der Straße in Santiago de Chile passierte, beschreiben solle: Hilflos sei sie, – "no sé como se dice" –, ihr fehlten die Worte. Und fügt noch hinzu, dass sie jetzt wohl "Abstriche an ihre Privilegien" machen und anfangen müssten, "zu teilen".

Cordelia Dvorák ist Film- und Theaterregisseurin. Sie hat lange in Lateinamerika gelebt und gearbeitet. Dort ist u.a. ihre Foto- und Videoarbeit "Visiones desde la memoria femenina" über die weibliche Erinnerung in den post-diktatorischen Ländern Südamerikas entstanden. Im Moment arbeitet sie an einem Spielfilm zu einer weiblichen Version des Odysseus-Mythos. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8".

In wenigen Worten offenbart die später geleakte Nachricht von Cecilia Morel, der chilenischen Präsidentengattin, die Abgehobenheit einer kleinen, extrem wohlhabenden, ausnahmslos weißen Oberschicht in Chile. Seit im Oktober 2019 in Chile die Preise für U-Bahn-Tickets erhöht wurden und der Verkehrsminister die ersten wütenden Demonstranten aufforderte, doch einfach früher aufzustehen, um überfüllte Stoßzeiten zu vermeiden, obwohl ein Großteil der U-Bahn-fahrenden Bevölkerung sowieso drei bis vier Stunden täglich im Verkehr verbringt, brach sich die jahrelang aufgestaute Frustration über die extremen sozialen Unterschiede in Chile Bahn.

"Hasta que la dignidád se haga costumbre!" ("Bis die Würde wieder zur Gewohnheit wird!") verkündeten die Demonstranten mit grimmiger Entschlossenheit. Denn dass fast 70 Prozent der Bevölkerung europäische Preise für Grundnahrungsmittel mit dem Einkommen eines Dritte-Welt-Landes bezahlen, dass Krankenversicherungen und Rentenabsicherung nur für wenige Privilegierte gelten und dass Studierende die hohen Gebühren der privatisierten Hochschulen inzwischen abbezahlen wie einen Hauskredit, kam im Narrativ von Präsident Sebastian Piñera über das (angebliche) Ausnahmeland Südamerikas nie vor.

Nur wer tanzt, darf durch

Wie gebannt und fast ungläubig verfolgte ich in den vergangenen Monaten die WhatsApp-Nachrichten, Fotos und Handyvideos meiner chilenischen Freunde. Ihrer aller Leben, das ihrer Kinder, ihrer Eltern, Nachbarn und Freunde hatte sich auf unbestimmte Zeit auf die Straße verlagert. Aus dem Aufschrei über die Fahrkarten-Preiserhöhung war innerhalb kürzester Zeit der Ruf nach einer umfassenden Gesundheits-, Bildungs- und Rentenreform, dem Rücktritt der Regierung und endlich einer neuen Verfassung geworden (die bisherige stammt noch aus Pinochets Zeiten).

Doch während zeitgleich in Hongkong, im Libanon, im Irak, in Venezuela, in Haiti, bald auch in Bolivien die Proteste immer gewalttätiger und verzweifelter wurden, überraschte mich in Chile die Kreativität, die generationenübergreifende Solidarität und die fast unbeirrbare Heiterkeit, mit der sich die Menschen trotz der vollkommen unverhältnismäßigen Gewalt von Polizei und Militär tagtäglich von Neuem zu den Protesten zusammenfanden: "El que baila passa" ("Nur wer tanzt, darf durch") war einer ihrer wunderbaren Slogans.

Die Hymne des Widerstands

Als Piñera im Fernsehen in totaler Panik den Ausnahmezustand verhängte und Panzer und das Militär losschickte, versammelten sich Musiker, Chöre und ganze Sinfonieorchester an geschichtsträchtigen Orten wie vor dem Regierungspalast La Moneda oder der Plaza Italia in Santiago und sangen, Tag für Tag zum Auftakt der Sperrstunde, friedlich und feierlich wie ein unerschütterliches Mantra: "El derecho de vivir en paz" ("Das Recht, in Frieden zu leben").

Es ist ein Lied von Víctor Jara, einem der großen Helden des chilenischen Widerstands, der unter Pinochets Diktatur gewaltsam zu Tode kam. Fast 50 Jahre später wird es zur Hymne eines neuen Chiles.

Auf einem Handyvideo, das kurz in den sozialen Netzwerken kursierte, tanzt ein vielleicht fünfjähriges Mädchen vollkommen selbstverständlich allein auf der Straße, aus der Ferne weht die Melodie von Jaras Lied herüber. Mit schlafwandlerischer Sicherheit wiederholt es die von den Demonstranten einstudierten Gesten, glücklich lächelnd. Als es am Ende entschlossen seine kleine Faust mit dem Ausruf: "El pueblo. Unído. Jamás será vencído." ("Das vereinte Volk wird niemals besiegt") in die Luft streckt, wird mir klar, dass sich in Chile tatsächlich eine neue Generation ihren Weg bahnt.  

Inmitten dieser aufgeladenen Ereignisse verbreitete sich eine Performance des chilenischen Künstlerinnen-Kollektivs Las Tesis in Windeseile. Un violador en tu caminoEin Vergewaltiger auf deinem Weg wurde von einer wachsenden Gruppe junger Frauen aufgegriffen und bis in die tiefste Provinz Chiles getragen. Dass die Aktion innerhalb kürzester Zeit auch jenseits der Anden von Frauen in Frankreich, den USA, Spanien, Deutschland und Mexiko begeistert nachgeahmt wurde, hat selbst Las Tesis überrascht. "Es ist für uns ganz unbegreiflich, was da plötzlich passiert ist. Unser Netzwerk ist explodiert", schreiben sie mir.