Die Strukturen, mittels derer rechtsradikale Onlinenetzwerke etablierte Parteien unterstützen, liegen weitestgehend im Dunkeln. Aufgrund der mittlerweile zum Standard des rechten Milieus gehörenden Strategie der Plausible Deniability (glaubhafte Bestreitbarkeit), ist es kaum möglich, nachzuweisen, wie rechtsextreme Verschwörungstheoretiker Parteien wie die AfD, Ukip und Politiker wie Donald Trump unmittelbar unterstützen und beeinflussen.

Doch zwischen politischem Mainstream und dem, was früher Randgebiet war, hat sich ein rhetorisches und aktivistisches Kontinuum entwickelt, das sich in Deutschland vom Bundestag bis in die dunkelsten Nischen der Onlinesubkulturen erstreckt. So werden auf rechtsextremen Imageboards und Telegram-Kanälen inoffizielle Onlinekampagnen-Materialien für die AfD vorbereitet und virtuelle Attacken auf deren Gegner koordiniert, während AfD-Abgeordnete auf Twitter mit Anhängern der QAnon-Verschwörungstheorie interagieren.

Der Urheber der QAnon-Verschwörungstheorie, "Q", nutzte im Oktober 2017 das anonyme Imageboard 4chan als virtuelle Bühne, auf der er sich als hochrangiger Regierungsbeamter mit exklusiven Informationen über Trumps internen Krieg gegen den "Deep State" inszenierte. Das Militär hätte Trump auserkoren, um einen von Geheimdiensten geführten internationalen Pädophilenring zu zerschlagen, hieß es in Qs kryptischen Botschaften. Da hinter Q jeder stecken könnte, der einen Internetzugang hat, gibt es bis heute keinen Grund anzunehmen, dass es sich tatsächlich um ein Mitglied der Trump-Regierung handelt und nicht etwa um einen besonders erfolgreichen Troll. Es gibt aber auch keinen Grund, es nicht anzunehmen. So funktionieren Verschwörungstheorien: Sie setzen vermeintliche Plausibilitäten gegen Evidenz und unterminieren, indem sie Menschen von sich glauben machen, den Glauben an die Welt und damit letztlich die kohärente Öffentlichkeit.

Und sie schaffen Knotenpunkte für allerlei sonstigen Irrsinn: Unabhängig davon, ob der Urheber der Theorie es ernst meinte oder leichtgläubige Trump-Anhänger vorführen wollte, hat QAnon in den vergangenen zwei Jahren ein Eigenleben entwickelt, das reale Gewalttaten inspiriert hat. Einer der vielleicht absurdesten Fälle ereignete sich im März 2019, als Anthony Comello ein Mitglied einer bekannten italoamerikanischen Mafiafamilie erschoss. Nicht etwa, weil er in einen Mafiakrieg involviert war, sondern weil er glaubte, sein Opfer, Frank Cali, sei ein Deep-State-Agent und Präsident Trump höchstpersönlich hätte ihm die Erlaubnis erteilt, ihn zu verhaften.

Theorien über pädophile Eliten geistern in verschiedenen Formen schon lange durch verschwörungstheoretische Netzwerke, wie unter anderem Qanons Vorläufer, die Pizzagate-Theorie, zeigt. Ihre Anhänger glauben, dass die Clintons heimlich Kinder im Keller eines Pizzalokals gehandelt hätten. Im Dezember 2016 stürmte ein bewaffneter Anhänger dieser Verschwörungstheorie das Pizzarestaurant Comet Ping Pong in Washington, D. C. Es fielen Schüsse, verletzt wurde niemand.

Nach dem Attentat in Hanau wiesen US-Medien auf die ideologische Nähe des Täters zu amerikanischen Onlineverschwörungstheorien hin – insbesondere zur QAnon-Bewegung. Und auch die Nutzer rechtsradikaler Telegram-Kanäle selbst wurden auf die Ähnlichkeiten aufmerksam: "Dude he crafted this message perfectly for Infowars tier Qanons", heißt es dort an einer Stelle. Wie für uns gemacht also.

Das zentrale Motiv, das die Verschwörungsfantasien des Hanau-Attentäters mit QAnon und Pizzagate verbindet, ist seine Obsession mit Kindesmisshandlung, die von staatlichen Akteuren toleriert oder gar organisiert wird. In seiner "Ansprache an alle Amerikaner" behauptet der Attentäter auf Englisch, dass die USA von einer unsichtbaren Geheimgesellschaft, ähnlich dem Deep State, kontrolliert würden. Die Mitglieder dieser Geheimgesellschaft seien Teufelsanbeter, die kleine Kinder misshandeln. Wie Qanon-Anhänger, sieht der Hanau-Attentäter in Trump kein Mitglied, sondern einen Kämpfer gegen diese Geheimgesellschaft, wobei er ihn aber nicht als vom Militär auserwählten Helden, sondern als Werkzeug von Trumps eigenen Überlegenheitsfantasien porträtiert.