Lesen Sie hier das türkische Original. Der Text ist für die deutsche Version redaktionell leicht bearbeitet worden.

Jedes Jahr fragt das Ipsos-Institut Probanden in 23 Ländern, welchen Berufen sie am meisten vertrauen. In Deutschland und der Türkei sind das Wissenschaftler und Ärzte, das Schlusslicht bilden Politiker.

Trotz dieser Ähnlichkeit sind die Folgen der Corona-Krise in beiden Gesellschaften verschieden, angefangen bei der Transparenz:

Als Anfang März die Fallzahlen in Europa rasant stiegen, schien das Virus in der Türkei noch gar nicht angekommen zu sein. Meine Antwort auf diesbezügliche Fragen lautete: "Eure Regierung versteht sich nicht aufs Verheimlichen." Der anfängliche Verzug führte in der Bevölkerung zu Indifferenz: "Uns passiert nichts." Dabei häuften sich in den sozialen Medien bereits Corona-Meldungen aus Krankenhäusern. Gegen die Verbreiter wurde ermittelt. Erst als es sich nicht länger verheimlichen ließ, gab die Regierung allmählich Zahlen bekannt.

Merkel, die ungern im Fernsehen ist, trat seit Beginn der Krise mehrmals vor die Kameras, um die Bevölkerung zu informieren, Erdoğan dagegen, der sich gern auf dem Bildschirm zeigt, schwieg in der ersten Krisenwoche. Als er dann sprach, empfahl er "Geduld und Gebet".

Dass in der Türkei in letzter Zeit statt auf laizistische Erziehung auf religiöse gesetzt wird, es mehr Moscheen als Schulen gibt und mehr Geistliche als Ärzte, hat Glauben statt Wissenschaft, Gottvertrauen statt Vorsichtsmaßnahmen und Verschwörungstheorien statt Vernunftdenken befördert. Darum blieben, während sogar der Vatikan Kirchen schloss, in der Türkei die Moscheen zunächst unangetastet, das Freitagsgebet wurde nicht verhindert, heimkehrende Pilger verteilten sich frei im Land. Als die letzte Gruppe unter Quarantäne gestellt wurde, war es zu spät.

Da die Presse quasi komplett der Regierung untersteht, breitete sich die Flüsterzeitung schneller aus als das Virus. Um den Ernst der Lage zu verdeutlichen, stellten dann Mahner Merkels Ansprache an die Nation und Claus Klebers Corona-Klartext im heute journal mit türkischen Untertiteln ins Netz.

Erwähnt sei hier auch die Eigenschaft der Deutschen, sich an Regeln zu halten, und das Geschick der Türken, diese zu umgehen. Aus Misstrauen dem restriktiven Staat gegenüber ist die Mehrheit der Türken es gewohnt, Verbote zu unterlaufen. Darum fand das Gebot, zu Hause zu bleiben, kein Gehör. In Quarantäne wuchs in Deutschland der bei sozialen Beziehungen ohnehin vorhandene Abstand, in der Türkei, wo individuelles Leben wenig verbreitet ist und junge Leute meist bei den Eltern wohnen, fruchtete die Mahnung, Nähe zu vermeiden, dagegen nicht. Man nahm die Gefahr nicht ernst, traf sich in großen Gruppen, Ängstliche stürmten die Supermärkte. Eine Gruppe versuchte in einem Mietbus aus der Quarantäne zu fliehen, sie wurde unterwegs gestoppt. Das Virus verbreitete sich im Nu. Zweifellos wird das politische Folgen haben. Mich würde nicht wundern, wenn bei der Vertrauensumfrage im nächsten Jahr in der Türkei die Antwort lautet: "Claus Kleber".

Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe