Unter uns und supervorsichtig formuliert: Hannelore (35, Übersetzerin, verheiratet, zwei Kinder, vier und acht Jahre alt) war in letzter Zeit ein wenig angepisst, und das hatte mit ihrem Mann Wolfgang (40, Jurist) und Deutschland zu tun und natürlich auch ganz wesentlich damit, dass auf diese Gesamtkonstellation ein bisschen Corona draufgehustet wurde. Hannelore heißt nicht Hannelore und Wolfgang heißt nicht Wolfgang, und die beiden, Hannelore und Wolfgang, waren auch schon vor der Krise eine modernere Hannelore-und-Wolfgang-Variante (sie arbeitet so lange, wie Kita und Schule offen sind, und er geht am Wochenende mit den Kindern auf den Spielplatz), aber seit dem Lockdown war an ihnen gar nichts mehr modern. Wir werden ihnen jetzt also ein wenig dabei zusehen, wie sie bisher das Corona-Baby geschaukelt haben – und zwar nicht ganz zufällig ihnen.
Die Richtigkeit der Entscheidung von Bund und Ländern, wie mit Schulen und Kitas zu verfahren sei, kann natürlich im Grunde kein Mensch beurteilen. So oder so basierte diese Entscheidung aber auf einer ganz und gar nicht zufälligen, sondern systematisch begünstigten Annahme, nämlich der, dass es in der Regel eine Hannelore gibt, auf die man sich verlassen kann. Eine Hannelore also, die zurücktreten und die Kinderbetreuung übernehmen kann (etwa drei Viertel aller erwerbstätigen Mütter von kleinen Kindern arbeiten in Teilzeit), während der dazugehörige Wolfgang Cash ranholt (bei etwa der Hälfte der Paare mit kleinen Kindern geht der Mann Vollzeit arbeiten, während die Frau zu Hause bleibt).
Annahmen formen die Wirklichkeit
Weil das so ist, weil die Annahmen, die Menschen über die sogenannte Wirklichkeit haben, diese Wirklichkeit formen und umgekehrt, saßen in der Expertengruppe, die die Bundesregierung in ihrer Corona-Politik beriet, 24 Männer und nur zwei Frauen (Durchschnittsalter 60 Jahre), die sich nichts anderes vorgestellt haben als das Hannelore-Wolfgang-Modell. Sie haben sich nicht vorgestellt, was ihre Annahmen für eine Hannelore im Einzelnen bedeuten und haben sich selbstverständlich nicht im entferntesten vorgestellt, dass Frauen auch ganz ohne einen Wolfgang denkbar sind (oder was ein Kind tagsüber so macht, dass es Kinder gibt, für die Zuhausesein ungesund ist).
Aber zurück zur Standardvariante, zurück zu Hannelore und Wolfgang, zwischen denen es auch schon mal besser lief. Das heißt: Auch wenn Wolfgang eigentlich immer ein angenehmer und gut erzogener Typ war, brüllte er nun ein- bis zweimal täglich durch das Homeoffice erst die Kinder und dann Hannelore an, weil sie ihm gesagt hatte, dass er aufhören solle zu brüllen. Die Wände waren dünn, seine Nerven waren dünner, die Kinder lehnten lineare Vorgänge völlig ab und schütteten ihr Chaos auf seine professionellen Linien drauf, was ihn wahnsinnig machte, denn er musste arbeiten und es konnte gerade wirklich niemand sagen, ob und wie lange seine Firma das alles noch mitmachen würde. Wenn Wolfgang brüllte, wurde er erst rot und dann weiß und dann fühlte er sich schlecht und räumte die Spülmaschine aus. Experten würden dazu wohl sagen, dass Wolfgang, seiner ihm zugedachten Rolle entsprechend, versuchte, die Existenzgrundlage der Familie zu sichern; sie würden sagen, dass er seine Ohnmacht brüllend auf sein Umfeld umverteilte, weil er sich ein bisschen stabilisieren musste. Hannelore wusste das, aber es ging ihr trotzdem auf die Nerven, genauso wie der Kleinfamilienknast, in dem sie Morgen für Morgen aufwachte und auf unbestimmte Zeit aufwachen würde, und sie fragte sich, wer sich dieses Scheißkonzept wohl ausgedacht hatte (Jesus? Kant? Söder? Kekulé?), für das sie sich gemeinsam mit Wolfgang entschieden hatte (ja, warum nur?). Sie wusste, dass es Wolfgang genauso ging, sie wusste, dass auch er Ausbruchsphantasien hatte, sie konnte sie verstehen und nahm sie ihm trotzdem übel. Weil es sie kränkte, dass er, wie sie ihm unterstellte, ausbrechen und desertieren wollte, weg von ihr und den Kindern und weil sie, Hannelore, ganz ohne zu brüllen an der Front stand wie eine Eins. Außerdem nahm sie ihm übel, dass er sich, als der Lockdown begann, nicht oder nur mal kurz aus Höflichkeit für Homeschooling, Wäschewaschen, Putzen oder Kochen verantwortlich gefühlt hatte und von Anfang an klar gewesen war, dass Wolfgangs Arbeit Priorität haben würde, was, auch das wusste Hannelore, einen einfachen Grund hatte, nämlich, dass Wolfgangs Einkommen höher war und es ohne dieses Einkommen nicht ging.
Aus diesem Grund hatte Hannelore, die nur abends oder wenn die Kinder fernsahen ein bisschen arbeiten konnte, einige ihrer Aufträge gecancelt. Hannelore wusste also, dass sie Wolfgang all das nur bedingt übel nehmen konnte (Wem sollte sie es übel nehmen? Der Bundesrepublik Deutschland, dem Kapitalismus, Corona?), nahm ihm aber während ihres geteilten Knastalltags natürlich trotzdem permanent irgendetwas übel (dass er die Kühlschranktür offen stehen ließ, sein Geschirr nicht in die Spülmaschine räumte, die dreckige Wäsche auf den Boden schmiss, wie er seinem Ältesten nach erfolgreichem Homeschooling abends einverstanden über den Kopf streichelte). Und all das ging so weit, dass Hannelore Wolfgang verübelte, dass er überhaupt da war, vielleicht nicht zuletzt, weil es in ihrer 95-Quadratmeter-Wohnung sonst niemanden gab, den man für die Situation hätte verantwortlich machen können.
Unter uns und supervorsichtig formuliert: Hannelore (35, Übersetzerin, verheiratet, zwei Kinder, vier und acht Jahre alt) war in letzter Zeit ein wenig angepisst, und das hatte mit ihrem Mann Wolfgang (40, Jurist) und Deutschland zu tun und natürlich auch ganz wesentlich damit, dass auf diese Gesamtkonstellation ein bisschen Corona draufgehustet wurde. Hannelore heißt nicht Hannelore und Wolfgang heißt nicht Wolfgang, und die beiden, Hannelore und Wolfgang, waren auch schon vor der Krise eine modernere Hannelore-und-Wolfgang-Variante (sie arbeitet so lange, wie Kita und Schule offen sind, und er geht am Wochenende mit den Kindern auf den Spielplatz), aber seit dem Lockdown war an ihnen gar nichts mehr modern. Wir werden ihnen jetzt also ein wenig dabei zusehen, wie sie bisher das Corona-Baby geschaukelt haben – und zwar nicht ganz zufällig ihnen.