Ich muss gestehen: Ich habe ein ausgesprochenes Faible für alles Biografische. Lange Zeit dachte ich, dies wäre schlichtweg Ausdruck einer Berufskrankheit und als Autorin interessiere ich mich eben für Menschen und ihre Lebenswege. Vor ein paar Jahren aber begegnete ich in Connie Palmens Roman Ganz der Ihre folgender Erkenntnis: Es ist gar nicht ein bestimmter Lebenslauf, der einen interessiert. Es geht vielmehr um den Blick des Biografen*. Um den Wunsch, die biografierte Person kennenzulernen und zu verstehen. Darum, die fehlende Anerkennung durch den väterlichen Blick zu ersetzen.
Stimmt, dachte ich. Im Patriarchat ist es der Blick des Vaters, der einem als Subjekt gesellschaftliche Geltung und Legitimität zuspricht. Im Schreiben oder Lesen einer Biografie versuche ich, die versäumte väterliche Anerkennung wiedergutzumachen. Ein Kind ist nicht verstanden worden, und ich, die ich sein Leben rekapitulierend nachvollziehe, will es verstehen. Wer wünscht sich das nicht, dachte ich: verstanden zu werden? Und warum haben wir nicht alle unseren persönlichen Haus-und-Hof-Biografen?
Doch die Frage ist falsch gestellt. Die Frage muss lauten: Wie streifen wir unsere Abhängigkeit von diesem väterlichen Blick ab und beginnen, uns selbst zu verstehen und anzuerkennen? Jede*r für sich? Heterarchisch, untereinander?
Zu dem Zeitpunkt, als ich den Roman las, standen sicherlich über hundert Biografien in meinem Bücherregal. Die meisten davon waren Künstlerinnenbiografien. Von Billie Holiday über Marguerite Duras, Yoko Ono bis Pola Negri. Meine erste Sylvia-Plath-Biografie las ich mit vierzehn. Schon als Jugendliche interessierten mich die Leben "dahinter" insgeheim mehr als die Werke selbst. Wie hatten sie das nur geschafft, fragte ich mich, das zu werden, was ich selbst werden wollte: eine Künstlerin? Obwohl meine Eltern nie Geldsorgen hatten, vergleichsweise gebildet waren und obwohl sie mir den Zugang zu Bildung ermöglichten, erschien mir diese Möglichkeit als Heranwachsende unendlich weit weg. Die Zukunft, das war eine riesige monochrome graue Fläche. Ich sah darin keinen Weg, den ich hätte betreten können. Von der Möglichkeit einer Schreibschule hatte ich damals, 1996, im Jahr meines Abiturs in der südwestdeutschen Provinz, noch nie gehört. Selbst vor den weißen Blättern meines Tagebuchs saß ich ratlos. Schrieben so etwas nicht nur berühmte Menschen? Frauen in Seidengewändern? Großbürgerliche Patriarchen?
In Wahrheit erlag ich einer Verwechslung. Nicht meine Zukunft war es, vor der ich schreibend kapitulierte, sondern meine Herkunft, für die ich mich schämte. Lange Zeit hätte ich am liebsten überhaupt keine Herkunft gehabt. Mein Elternhaus, unser Dorf, der Dialekt: Über allem schwebte das Wörtchen "zu". Zu ländlich, zu kleinbürgerlich, zu unkünstlerisch.
Für diese Weigerung, meine Herkunft anzuerkennen, habe ich einen hohen Preis bezahlt, nämlich den Preis der politischen Ohnmacht. Wenn die eigene Herkunft schamvoll und erdenschwer auf einem lastet, ist es viel schwieriger, politisch mündig zu werden oder sich politisch zu organisieren. Wer ein unklares, gespaltenes Verhältnis zur eigenen Herkunft hat, der empfindet sich selbst eher nicht als ein handlungsfähiges Subjekt der Geschichte. Die Unmündigkeit von Bürgern* zu beklagen ist ein Leichtes. Es verlagert die Verantwortung in den Einzelnen und ignoriert strukturelle Stolpersteine. Wie und wodurch werden Menschen dazu ermutigt, sich aus der berühmten "selbstverschuldeten Unmündigkeit" zu befreien? Das Urteil "selbstverschuldet" ist infam, je näher man es betrachtet. Welche soziale Klasse hatte Kant da, bitte, im Blick …?
Dem autobiografischen Schreiben kann in dieser emanzipatorischen Subjektwerdung eine entscheidende Rolle zukommen. Der Konzeptkünstler Baron Brock fordert seit vielen Jahren eine "Biografiepflicht". "Jeder ist ein Denkmal", skandiert er, nicht aber in dem Sinne, dass man im Schreiben beschönigende Denkmalpflege betreiben sollte. Es geht ihm darum, im Rückblick auf das eigene Leben Orientierung für die Zukunft gewinnen zu können.
Gerade jetzt, in Zeiten des sozialen Abstands, fällt mir auf, wie autonom mein Medium ist. Wie wenig materielle Voraussetzungen es braucht, um zu schreiben, etwa im Vergleich zum Film oder dem Theater. Wie wenig es bräuchte, damit andere Menschen schreiben. Nur: Wer wagt das überhaupt? Viele Menschen begegnen dem Schreiben noch immer mit einer Mischung aus Furcht und Ehrfurcht.
Ich muss gestehen: Ich habe ein ausgesprochenes Faible für alles Biografische. Lange Zeit dachte ich, dies wäre schlichtweg Ausdruck einer Berufskrankheit und als Autorin interessiere ich mich eben für Menschen und ihre Lebenswege. Vor ein paar Jahren aber begegnete ich in Connie Palmens Roman Ganz der Ihre folgender Erkenntnis: Es ist gar nicht ein bestimmter Lebenslauf, der einen interessiert. Es geht vielmehr um den Blick des Biografen*. Um den Wunsch, die biografierte Person kennenzulernen und zu verstehen. Darum, die fehlende Anerkennung durch den väterlichen Blick zu ersetzen.