Taktisches Missverständnis – Seite 1

Wer einmal Kind war, und wer war das nicht, kennt vielleicht die Aufforderung, man möge sich nicht dumm stellen, oder genauer: sich nicht mutwillig dumm stellen. Es geht dabei meist darum, aus taktischen Erwägungen, zum Schutz oder zur Beförderung eigener Interessen, bestimmte Dimensionen eines Problems zu leugnen. Man sagt dann, man habe nicht gewusst, dass das Geld auf der Ablage für den Paketboten bestimmt war. So etwas.

Was im privaten oder familiären Rahmen also Tradition hat, lässt sich derzeit in extremer Form im öffentlichen Diskurs beobachten – so man das Gebrüll nun wirklich so nennen will. Je nach Sichtweise begann die Dummstellung bereits am vergangenen Montag, als die taz eine satirische Kolumne von Hengameh Yaghoobifarah druckte, in der Polizisten und Polizistinnen empfohlen wurde, eine zukünftige berufliche Selbstverwirklichung auf einer Müllhalde zu suchen, weil sie sich doch unter "ihresgleichen" am wohlsten fühlten.

Dabei ist es wichtig, darauf hinzuweisen, dass die mutwillige Dummstellung gar nicht unbedingt bei Text und Kolumnistin ihren Anfang hatte. Sie begann vielmehr dort, wo die Redaktion offenkundig nicht ausreichend antizipieren wollte, dass eine solche Kolumne auf eine Öffentlichkeit treffen könnte, die selbst wiederum nur allzu bereit sein würde, sich dumm zu stellen.

Anders ist es ja gar nicht zu erklären, dass die Redaktion ihre Kolumnistin, als der Hass auf deren vermeintlichen Hass bereits tobte, mit zwei prominent platzierten Texten scharf kritisierte. Das alles sollte natürlich "Binnenpluralismus" dokumentieren. Es dokumentierte aber, wenn man sich eben nicht dumm stellt, zu diesem Zeitpunkt vor allem eines: Eine Redaktion forderte von einer Kolumnistin die Deutungshoheit zurück.

Man würde sich selbst wiederum dumm stellen, wenn man diesen Akt unter allen Umständen schändlich nennen würde: Medienhäuser sind idealerweise durchlässige Gewebe, es gibt nirgendwo einen zentralen Ältestenrat, der alle Texte abnickt, schon gar nicht alle Kolumnen, die subjektivsten und freisten aller pressemedialen Meinungsäußerungen. Dementsprechend ist nachträglicher Widerspruch auch nicht per se falsch, manchmal würde man ihn sich sogar wünschen.

Doch dabei dürfen Kontexte, Konsequenzen und Machtgefälle, auch akute Bedrohungslagen, durchaus mitgedacht werden. Vor allem aber besteht eigentlich gar keine Notwendigkeit, den eigenen intellektuellen Anspruch demonstrativ zu unterlaufen. Dies aber geschah, als Bettina Gaus, die politische Korrespondentin der taz, in ihrem Antworttext Menschen und Müll die Möglichkeit der Satire überhaupt nicht in Betracht zog und Stefan Reinecke in seiner Auseinandersetzung mit einem gemutmaßten identitätspolitischen Paradigma forsch beschied: "Dieser Text ist keine Satire."

Nun hängt es immer vom Einzelnen ab, einen Text auch als die Kunst anzusehen, als die er sich ausgibt. Ein Leser kann den Anspruch gern verwerfen, ihm widersprechen, den Text geschmacklos oder gar unmoralisch finden und ihm im Privaten den Kunststatus aberkennen, was allerdings an der allgemeinen Gültigkeit des Kunstvorbehalts wenig ändert, unter dem der Text weiterhin steht. Dieser Vorbehalt sichert gerade der satirischen Kolumne gewisse Freiheiten zu, die ein Kommentar, eine Reportage oder eine Buchrezension in einer Zeitung nicht besitzen.

Dieser Kunstvorbehalt gilt im Übrigen nicht nur für gute Kunst, wobei die Beurteilung der Güte von Kunst noch mal ganz andere Fragen aufwirft. Nicht allerdings jene, ob die Bezeichnung eines Textes als Satire ihm eine besondere Güte oder Qualität verleiht. Tut sie nicht.

Polizisten sind Müll? Das steht da nicht.

Das Wort Satire beschreibt lediglich ein Genre, die Konventionen, die sich ein Text selbst gesetzt hat und vorhat zu erfüllen und innerhalb derer er entweder gelingen oder eben verunglücken kann. Doch so wie schlechte Lyrik eben immer noch Lyrik ist, so ist auch schlechte Satire noch Satire. Wenn übrigens Satire sich nur dann als solche rechtfertigen ließe, wenn viele oder gar die meisten der darin Angegriffenen ihr zustimmten, wäre das gesamte Genre am Ende.

Dass Yaghoobifarahs Text als Satire aufgefasst werden möchte, erschließt sich schon nach wenigen Zeilen, als er den Boden des Realen verlässt und sich dem Imaginären zuwendet. Der erste Signalsatz lautet: "Manch eine_r träumt da gleich von einer Zukunft ganz ohne Polizei." Dann: "Ich hingegen frage mich: Wenn die Polizei abgeschafft wird, der Kapitalismus jedoch nicht, in welche Branchen kann man Ex-Cops dann überhaupt noch reinlassen?" Hier werden spielerisch die irrealen Voraussetzungen einer abgeschafften Polizei als gegeben anerkannt. Das heißt gleichzeitig auch: Wer jetzt weiterliest, sollte wissen, dass er sich fortan in einem polemischen, hyperbolischen Gedankenexperiment befindet. Die Perspektive dieser Kolumne folgt einem kenntlich zugespitzten Gedanken: dass Polizisten und Polizistinnen aufgrund etlicher interner, bekannter Skandale und Enthüllungen sowie mutmaßlich und weniger mutmaßlich rechtsradikaler Beamter in ihren Reihen nicht mehr auf dem Arbeitsmarkt zu vermitteln seien. 

Die Autorin wendet nun die Verdachts- und Profilingmechanik mancher Polizisten gegen die Polizei selbst. Aus den Enthüllungen über einzelne Polizisten und Sondereinheitsstrukturen strickt sie satirisch einen Generalverdacht in Bezug auf den sehr unsatirischen, sehr realen Generalverdacht, dem Migranten und manche Minderheiten oft von der Polizei unterworfen werden. Yaghoobifarah fragt sich, ob die arbeitslosen Polizisten als Keramiker nicht doch Hakenkreuz-Teeservice anfertigen, als Postboten nicht doch Briefbomben zuliefern und in der Gastronomie die Gäste eher vergiften würden. In der satirisch gedrehten Perspektive des Verdachts ist die Polizei zerstörerisch und wäre deswegen nirgendwo einsetzbar, weil sie alle nur gefährdete. Damit dies nicht passiert, sollten die Polizisten letzthin auf die Mülldeponie. Deshalb schließt der Text mit dem Satz: "Unter ihresgleichen fühlen sie sich bestimmt auch selber am wohlsten."

Hierin erkennen Kritiker nun verschiedentlich eine menschenfeindliche Entsorgungsfantasie, die Menschen mit Müll gleichsetze. Aber ist die wirklich gegeben? Das Missverständnis ist möglicherweise beabsichtigt – wie gesagt: Das Sichdummstellen beginnt in diesem Fall früh. Aber mitnichten werden hier Polizisten zweifelsfrei mit Abfall "gleichgesetzt", wie Bettina Gaus schrieb. Das Wort "ihresgleichen" lässt sich auf Gegenstände, zu denen "Abfall" gehört, sprachlich ja gar nicht korrekt beziehen. "Ihresgleichen" gilt nur für Personen und dass die Autorin vorher den Abfall zu Personen aufgewertet hätte, ließe sich nicht belegen. Und dass zuvor eine Verdinglichung der Polizisten, also ein klar erkennbarer Entzug des Menschseins in der Bewegung des Textes stattgefunden hätte, wäre auch nicht schlüssig zu behaupten. Innerhalb der Logik und Idee der Kolumne könnte dies sogar eine böse, aber folgerichtige und eben nicht menschenfeindliche Pointe sein: Die Polizei muss dahin, wo alles schon kaputt und nutzlos ist und sie keinen anderen Menschen mehr schaden kann ("Nicht als Müllmenschen mit Schlüsseln zu Häusern"), weil auf einer Müllkippe keine Menschen sind, sondern sie die einzigen wären ("Man will sie ja nicht in die Nähe von Tieren lassen"). Dort sähen Polizisten nur noch Polizisten, ihresgleichen also, in der Einsamkeit einer Deponie, in Gegenwart von Müll.

Ob diese kokette Mehrdeutigkeit des Schlussabsatzes nun gewollt ist oder ein dramaturgischer Fehler, das weiß nur die Autorin selbst. Eine eindeutige "Hassrede", wie sie mancher darin erkennen wollte, ist die Kolumne jedenfalls nicht. Und auch wenn wohlwollende Verteidigungen, wie sie als Erster bemerkenswerterweise der FAZ-Redakteur Patrick Bahners – noch bemerkenswertererweise auf Twitter – geleistet hat, zunächst gar nicht unbedingt geboten schienen: Spätestens jetzt ist das anders, da sogar der Bundesinnenminister Horst Seehofer am Sonntag in einem bemerkenswerten Akt böswilligen Sichdummstellens einen Zusammenhang zwischen Kolumne und Stuttgarter Krawallen konstruierte und daraus den Schluss zog, die Kolumnistin anzeigen zu wollen.

Spätestens jetzt wären wohlwollendere Lesarten angebracht – und sie finden auch, das muss man hier natürlich zur Kenntnis geben, in der taz Raum. Zugleich schwingen aber Bettina Gaus' Worte von Samstag nach, man befinde sich nicht in einem germanistischen Proseminar, "es geht in unserem Beruf nicht um Textexegese". In Berufen, die vor allem mit Texten zu tun haben, sollte es aber genau darum gehen. Zumindest sollte man sich im Klaren sein, mit welcher Textform man es zu tun hat, bevor man sich öffentlich über sie äußert.

Vielleicht ist es genau dieses Wohlwollen in der Interpretation, das Patrick Bahners früh gezeigt hat und das seit Langem schon in Debatten fehlt. Mehr und mehr wird sofort das maximal Schlimmste angenommen, Screenshots einzelner Zitate und Sätze verbreiten sich in den sozialen Netzwerken und alle dort haben schon eine Meinung, aber noch gar nicht richtig gelesen.

Der aktuelle Vorgang ist damit auch beispielhaft für eine inzwischen leidvolle Diskurspraxis, in der ein Satz eines Artikels, eines Romans, einer Rede außerhalb aller Kontexte gestellt wird, damit sich an ihm ein Skandal kondensieren möge. Man findet sie sowohl unter Rechten, unter Linken, unter lebhaft twitternden Journalisten, Aktivistinnen, YouTubern, Bloggerinnen, auch unter Bundestagsabgeordneten und anderen Spaßvögeln. Man könnte diese opportunistische Herabstufung der eigenen Lesekompetenz, eben dieses Sichdummstellen, um besonders klug, pointiert und rechthabend zu erscheinen, als taktischen Analphabetismus ansehen. Er ist an preisgünstiger, fauler Empörung mehr interessiert als an Erkenntnis.