Zuletzt entzündete sich der Streit am "Harper’s Letter": Muss der Linksliberalismus sein eigenes Machtstreben reflektieren? Ein dominanter Strang ist ins Pädagogische abgedriftet, schreibt der Literaturwissenschaftler Jan Freyn in seinem Gastbeitrag.
"Während wir dies von der radikalen Rechten nicht
anders erwarten, breitet sich auch in unserer
Kultur zunehmend eine Atmosphäre von Zensur aus", hieß es jüngst in einem offenen
Brief von 153 Intellektuellen (darunter auch Noam Chomsky, Margaret Atwood oder
Salman Rushdie), der gleichzeitig in Harper’s Magazine, Le Monde, La
Repubblica und
der ZEIT erschien.
Seine Botschaft in einem Satz: "mehr Toleranz" für abweichende Meinungen. Der Aufruf ist bedenkenswert: Ein "Klima der Intoleranz" greife nicht nur in radikal rechten Kreisen um sich, die ohnehin intolerant seien, sondern vielmehr "in allen Lagern". Auch die politischen Gegner der radikalen Rechten müssten aufhören, weiter in "ideologischer Konformität" zu verharren, die eigene Kritik zum "Dogma" verkommen zu lassen und der verbreiteten Tendenz zu frönen, "komplexe politische Fragen in moralische Gewissheiten zu überführen".
Dass sich über diesen Aufruf gerade diejenigen Linken empörten, die sich hiervon nicht zu Unrecht angesprochen fühlen durften, war ebenso wenig überraschend wie der Umstand, dass viele ihrer Empörung in kurzen Tweets Ausdruck verliehen. Natürlich entging ihnen die Ironie, dass sie ihre Kritik an dem Aufruf in eben jenem Duktus der "moralischen Gewissheit" formulierten, den der Brief zuvor problematisiert hatte. Doch auch damit war zu rechnen, denn tatsächlich wird unsere Zeit zunehmend und in nicht unerheblichem Maße von "linken" Gestalten geprägt, die alle genannten Momente in sich bündeln: einen Hang zu Konformität, krasser Komplexitätsreduktion und moralistischer Dogmatik.
Wie der Philosoph E.M. Cioran einmal
hellsichtig bemerkt hat, kann es geschehen, "daß die Linke, die in die Mechanik
der Macht verstrickt … ist, ihre Tugenden verliert, daß sie erstarrt und die
Übel erbt, die gewöhnlich der Rechten eignen". Diese Beschreibung trifft unsere kulturelle Situation sehr genau.
Eine erstarrte und ins Pädagogische abgedriftete Linke, die sich durch ihre Weigerung bestimmt, "ihr eigenes Machtstreben zu reflektieren, ihren Aufstieg in den akademischen und kulturellen Institutionen" (Michael Hampe), ein dergestalt zur Karikatur verkommener Linksliberalismus, der vergessen hat, dass er nicht mehr unter allen Umständen subversiver Underdog ist, sondern sich an Universitäten oder in Social-Media-Kontexten explizite Machtzentren geschaffen hat, bringt einen epochalen Menschenschlag hervor: den digitalen linken Spießer.
Dieser droht die Linke leider für Leute von
außerhalb dieser Blasen mittelfristig noch unattraktiver zu machen, als sie es ohnehin
schon ist, denn auch und gerade für politische Bewegungen gilt: An ihren Langweilern sollst du sie erkennen.
Der neue linke Spießer betrachtet Gegenwart und Vergangenheit mit puritanischem und polizeilichem Blick und
genießt es, unablässig den Wuchs der Diskurshecken zu prüfen, mit der Gartenschere
in der Hand.
Zuletzt entzündete sich der Streit am "Harper’s Letter": Muss der Linksliberalismus sein eigenes Machtstreben reflektieren? Ein dominanter Strang ist ins Pädagogische abgedriftet, schreibt der Literaturwissenschaftler Jan Freyn in seinem Gastbeitrag.
"Während wir dies von der radikalen Rechten nicht
anders erwarten, breitet sich auch in unserer
Kultur zunehmend eine Atmosphäre von Zensur aus", hieß es jüngst in einem offenen
Brief von 153 Intellektuellen (darunter auch Noam Chomsky, Margaret Atwood oder
Salman Rushdie), der gleichzeitig in Harper’s Magazine, Le Monde, La
Repubblica und
der ZEIT erschien.