Wir wollen die Virologen mit der Deutung der Lage nicht allein lassen. Deshalb fragen wir in der Serie "Worüber denken Sie gerade nach?" führende Forscherinnen und Forscher der Geistes- und Sozialwissenschaften, was sie in der Krise zu bedenken geben und worüber sie sich nun den Kopf zerbrechen. Die Fragen stellt Elisabeth von Thadden. Der Historiker Andreas Rödder, 53, ist Professor für Neuere Geschichte an der Universität Mainz. Zuletzt erschien 2019 sein Buch "Konservativ 21.0. Eine Agenda für Deutschland" (C.H. Beck).
ZEIT ONLINE: Worüber denken Sie gerade nach, Andreas Rödder?
Andreas Rödder: Ich mache mir Sorgen, dass wir auf die virologische und die ökonomische Logik der Pandemie starren, wenn auch aus guten Gründen, die soziale Logik hingegen zu wenig im Blick haben – als habe die Einschränkung von Begegnungen in einer Gesellschaft nicht langfristige Folgen. Im Frühjahr 2020 sind schwere Fehler passiert, als die Alten- und Pflegeheime einfach abgeschottet wurden. Bei uns in Rheinland-Pfalz stehen Schilder mit der Aufschrift "zusammen Abstand": Das ist gut gemeint, aber es geht naiv an den Beziehungsspätfolgen des Social Distancing vorbei.
ZEIT ONLINE: Was meinen Sie mit "schweren Fehlern"?
Rödder: Indem wir der virologischen Logik den absoluten Vorrang gelassen haben, haben wir auch zugelassen, dass viele Menschen einsam gestorben sind. Ich kann mir zivilisatorisch kaum Schlimmeres vorstellen, als dass Menschen sterben müssen, ohne die Zuwendung und körperliche Nähe anderer zu erfahren. Mich schaudert es bei dieser Vorstellung. Wie man es hygienetechnisch schafft, die Heime offen zu halten, ohne dass das Virus freien Zugang hat, kann ich als Historiker nicht wissen, dafür gibt es andere Fachleute. Aber wir müssen die Zielkonflikte anders abzuwägen lernen, als wir es im Frühjahr getan haben.
ZEIT ONLINE: Abwägen zu müssen wird leicht zu einer dieser inflationären Forderungen, die dazu führen, dass es jeden Einzelnen in den Alltagskonflikten innerlich zerreißt, während politisch ein abenteuerlicher Flickenteppich an Maßnahmen entsteht, mal so, mal so.
Rödder: Das mag sein, aber es hilft nichts. Überall müssen wir verantwortbare Abwägungsentscheidungen treffen. Aber das Beherbungsverbot ist ein aktuelles Beispiel für eine Entscheidung, die sich kaum verantworten lässt: Wenn dieses Verbot an öffentlicher Zustimmung verliert, droht es die Politik auf sehr glattes Eis zu führen.
ZEIT ONLINE: Was ist in der Politik glattes Eis? Und was wären politisch gute Schlittschuhe, mit denen man auf dem Eis nicht den Halt verliert?
Rödder: Das Vertrauen in den Staat, der handelt, ist ein kostbares Gut. Jens Spahns selbstkritische Haltung, die Unvermeidlichkeit von Fehlern einzugestehen, hat dem Vertrauen der Gesellschaft gutgetan. Politik auf guten Schlittschuhen versucht, nachvollziehbare Abwägungsentscheidungen zu treffen und sie offen zu kommunizieren.
ZEIT ONLINE: Die Abstandsgebote bringen "Beziehungspätfolgen" mit sich, sagen Sie. Welche sind das?
Rödder: Mein bald 80-jähriger Vater hat sein Leben lang für einen Männergesangsverein gelebt, der seit Langem schon Nachwuchssorgen hat und jetzt nur noch unter schweren Auflagen proben kann. Natürlich leuchtet es mir virologisch ein, dass das Singen eine Gefährdung bedeutet. Aber die Männer dieses Chors kommen nicht mehr zum Singen, wenn sie drei Meter Abstand halten müssen.