"Der Druck, der auf den Kindern liegt, ist eine zu schwere Last" – Seite 1

Wir wollen die Virologen mit der Deutung der Lage nicht alleinlassen. Deshalb fragen wir in der Serie "Worüber denken Sie gerade nach?" führende Forscherinnen und Forscher der Geistes- und Sozialwissenschaften, was sie in der Krise zu bedenken geben und worüber sie sich nun den Kopf zerbrechen. Die Fragen stellt Elisabeth von Thadden. Der Theologe und Pädagoge Klaus Mertes, 66, war bis 2010 Rektor des Canisius-Kollegs, leitete sodann bis 2020 das Kolleg in St. Blasien und lebt heute als Seelsorger in Berlin. Zuletzt erschien von ihm das Buch "Wie aus Hülsen Worte werden" (2018).

Klaus Mertes © Kolleg St. Blasien

ZEIT ONLINE: Worüber denken Sie gerade nach, Klaus Mertes?

Klaus Mertes: Ich denke über die Situation der Kinder und Jugendlichen nach. Sie macht mir große Sorgen. Aus zahllosen verzweifelten Telefonaten und Gesprächen als Seelsorger weiß ich: Sie sind überfordert. Ihre Eltern sind es auch.

ZEIT ONLINE: Worin genau besteht die Überforderung?

Mertes: Nur drei Beispiele. Der Vater arbeitet in der Nachtschicht, die Mutter tagsüber, sie haben zwei Kinder im Alter von acht und vier Jahren, die zu Hause sind. Also soll der Vater tagsüber die Aufsicht übernehmen. Doch er schläft dauernd ein, das Kleine spielt an einer gefährlichen Treppe, die verzweifelte Achtjährige ruft die Großmutter an: "Bitte komm, der Papa schläft immer ein." Und die Oma fragt mich ratlos, was sie nun tun solle. Oder der pubertierende 16-Jährige, ein leidenschaftlicher Basketballer, der dreimal die Woche mit dem Fahrrad zum Training gefahren ist, sitzt seit Monaten am Computer, wird dicker, wird depressiv, und seine Mutter sagt: "Der Junge muss raus." Aber wie sollte er ins Freie aufbrechen? Oder das zehnjährige Mädchen, das ein Räuspern im Hals hat und keinesfalls in die Schule gehen möchte, weil es Angst hat, andere anzustecken und schuldig an der Schließung der Schule zu werden. Die Angst, schuldig am Tod von Angehörigen zu werden, macht ebenso traurig und müde wie das Gefühl, eine Gefahr für andere zu sein. Die Kinder ziehen sich in sich selbst zurück, das Gespräch mit den Eltern reißt ab. Ich könnte endlos solche Geschichten der Überforderung erzählen.

ZEIT ONLINE: Fühlen auch Sie sich überfordert?

Mertes: Beim Zuhören und Begleiten erlebe ich auch an mir selbst eine Überforderung. Denn es geht ja um Dilemmata, die man nicht leicht auflösen kann. Aber sicher ist, dass die Debatte um die Digitalisierung an das Leiden der Kinder nicht heranreicht. Im häuslichen Eingesperrtsein liegt Gewalt nahe, und sei es, dass ein unruhiges Kind immer mal wieder für einen Nachmittag im Klo eingesperrt wird. Beruhigungsmittel wie Ritalin werden in den letzten Monaten verstärkt nachgefragt. Wir haben es mit vielen verzweifelten Menschen zu tun.

ZEIT ONLINE: Wie reagieren diese Menschen Ihnen gegenüber auf Ihre Verzweiflung?

Mertes: Sie suchen Verständnis und Rat. Und immer wieder bekomme ich von ihnen auch Informationen zugesandt aus dem Netz oder auch aus den bekannten Medien, die die Corona-Politik der Bundesregierung und auch des Robert Koch-Instituts konterkarieren. Sie verunsichern mich, weil ich ihnen weder ganz traue noch sie gänzlich abwehre noch in der Lage bin, sie zu überprüfen ...

ZEIT ONLINE: Zum Beispiel?

Mertes: Eine Meldung etwa, dass die WHO sage, die PCR-Tests böten keine hinreichend sichere Grundlage, um Infektionen festzustellen. Oder auch Berichte über die steigende Zahl von Suiziden, von psychiatrischen Notfällen, wie auch Erzählungen über Menschen, die sich mit Astronautennahrung in ihren Zimmern verbunkern und an Isolation sterben. Ich verstehe diese Nachrichten als Ausdruck von Not. Aber dies festzustellen bedeutet nicht, dass ich einen leichten Weg aus den Dilemmata kennen würde. Denn ich will ja nicht bestreiten, dass wir es mit einer gefährlichen Infektionskrankheit zu tun haben.

ZEIT ONLINE:  Setzen wir also die Schwierigkeit der Abwägung voraus, die zu ertragen ist. Und fragen sodann: Können wir uns, um nicht in Lähmung zu verfallen, doch aus dem Dilemma befreien?

Mertes: Ich will mich nicht auf die Logik einlassen, die immerfort ausrechnet, wie viele Leben es kostet, um andere Leben zu retten. Oder umgekehrt, wie viele Leben sich retten lassen, indem andere umkommen. Eine Alternative zu dieser Logik wäre es, dass wir die Überforderung anerkennen. Und dass wir uns Handlungsspielräumen zuwenden, in denen wir nicht überfordert sind, etwa dem konsequenten Schutz der besonders Gefährdeten durch ausreichende Schutzausrüstung, stetige Testung, frühestmögliche Impfung. Damit wir diese Menschen nicht im Stich lassen. Und vor allem: das alles bei Wahrung ihrer Grundrechte. Es mag sein, wie die Zero-Covid-Kampagne fordert, dass immer noch härtere Maßnahmen und Kontrollen das Virus auf null bringen können. Doch dafür wird die Überforderung in Kauf genommen, also nicht wirklich für ernst gehalten. Da ist ein autoritärer Zungenschlag drin. Letztlich sind wir in aller Unsicherheit und allem Unwissen auf unsere Intuitionen angewiesen, die wir persönlich verantworten müssen. Meine Intuition ist: Wir müssen uns aus dieser Überforderungslogik herausbewegen und einander nicht länger unterstellen, dass wir auf zynische Weise Leben riskieren. Ob wir das Leben nach und nach öffnen oder weiter einengen: Die Konsequenzen sind in beiden Fällen unwägbar. Es gibt keinen billigen Ausweg.

ZEIT ONLINE: Können Sie sich vorstellen, Kindern zu sagen, es mache doch nichts aus, eine Gefahr für andere zu sein? Oder gar die Realität zu verdrehen und ihnen zu sagen, sie seien doch gar nicht ansteckend? Die Kinder leben nun mal tatsächlich leider mit Angst und Schuld.

Mertes: Wir finden einen Weg aus den Dilemmata, wenn wir der Oma zuhören, die sagt: "Liebes Enkelkind, nimm mich in die Arme, hab keine Angst, denn ich habe keine Angst, mich anzustecken. Unsere Umarmung ist mir wichtiger."

ZEIT ONLINE: Da höre ich aber das informierte Kind schon antworten, es gehe doch gar nicht bloß um das Risiko der Oma, sondern dann werde die Oma die Ansteckung unbemerkt weitergeben, an den Opa, an die Lebensmittelhändlerin … Corona ist doch auch deshalb so tückisch, weil wir nicht wissen, wen wir unbemerkt anstecken.

"Sobald wie möglich die Kitas und Schulen öffnen"

Mertes: So weit sind wir gekommen. Wir haben einen Zustand geschaffen, in dem schon Kinder tatsächlich so denken, wie Sie es schildern. Wir sind in dieses Dilemma hineingetappt. Aber das kann doch nicht das letzte Wort sein. Entscheidend ist, wie viel Gewicht wir dem Anliegen der Sicherheit geben unter der Voraussetzung, dass wir so wenig wissen. Wir leben zurzeit im Konjunktiv: Für den Fall, dass ein Kind unbemerkt infektiös sein könnte, was wir aber nicht wissen, wäre zu bedenken, dass … Und so weiter. Diese Haltung schließt Menschen in Angst ein, eine Angst, die ständig wächst. Denn der Konjunktiv hat ja immer irgendwie recht. Die Angstherrschaft stößt in Deutschland auf eine Kultur des Präventionsdenkens, in der schon seit Jahren unausgesetzt mögliche Gefahren vorweggenommen werden. Es wird immer schwerer zu unterscheiden: Geht es darum, die Gefahr abzuwehren, oder darum, sich vor dem Vorwurf zu schützen, zu wenig getan zu haben, wenn Schlimmes tatsächlich passiert?

ZEIT ONLINE: Die Alternative, hier und jetzt?

Mertes: Wir können mit den Kindern über die Angst reden und gemeinsam lernen, mit berechtigten Ängsten umzugehen. Das ist eine gewaltige pädagogische Aufgabe: nicht zu verharmlosen, indem man Ängste für unberechtigt erklärt. Sondern unterscheiden zu lernen zwischen der Macht von Angst über uns und deren Kraft, orientierend zu wirken. Wo hilft sie mir zu handeln, wo zwingt sie mich in eine Falle?  

ZEIT ONLINE: Wie antworten Sie auf die Angst, unbemerkt andere anzustecken?

Mertes: Wir können nicht leben, ohne Menschen in die Folgen unseres Handelns hineinzuziehen. Nie treffe ich eine Entscheidung, die nur mich selbst betrifft. Immer bin ich auch in der Verantwortung für andere, die indirekt von der Entscheidung betroffen sind.  

ZEIT ONLINE: Noch einmal: Eine infektiöse Krankheit ist etwas Besonderes, weil sich ihre Folgewirkungen ins Unabsehbare entziehen, ich habe also nicht die leiseste Ahnung, für wen meine Entscheidung welche Folgewirkungen haben könnte. Das macht die Abwägung, welches Risiko man selbst eingeht, so kompliziert.   

Mertes: Aber jetzt suchen wir nach Auswegen aus einem unerträglichen Dilemma. Darum bemühe ich mich, während ich wohl weiß, dass jedes Wort angreifbar ist. Wir Menschen waren über die Jahrtausende hinweg immer infektiös. Der Unterschied ist, dass wir es jetzt wissen, sofern das Wissen denn verlässlich ist. Wenn wir diesem ungewissen Wissen gestatten, uneingeschränkt über uns zu herrschen, verpassen wir es, lebendig zu sein. Dann lässt sich die Angst, angesteckt zu werden, nicht mehr unterscheiden von der Angst, andere anzustecken. Dann wird alles Angst.

ZEIT ONLINE: Nein, der Unterschied zu früheren Infektionskrankheiten ist der, dass wir hierzulande mit unseren Gesundheitssystemen das Sterben an Corona verhindern können, wenn wir Infektionen verhindern. Was wiegt das Kriterium der Vermeidbarkeit für Sie?

Mertes: Darauf habe ich zwei Antworten. Es ist klarerweise ethisch richtig, frühzeitigen Tod zu verhindern. Fraglos. Und doch möchte ich Ihre Frage ab einem bestimmten Niveau der Problematik, wie wir sie jetzt vor Augen haben, nur noch in der ersten Person Singular für mich selbst beantworten dürfen. Ohne dabei an eine automatische Verallgemeinerung zu denken: Für mich liegt die Antwort in der Palliativmedizin, in der aufmerksamen Sterbebegleitung. Ich möchte, wenn es so weit ist, sterben dürfen und zu meinem Tod Ja sagen können. Ich möchte in Begleitung meiner Lieben sterben dürfen, mit den Gesängen im Herzen, die mir wichtig sind. Für mich geht es um das Thema Sterben in Würde. Und ich respektiere voll und ganz, wenn andere das anders sehen und auf eine Politik der lebensverlängernden Maßnahmen setzen.  

ZEIT ONLINE: Die Angst, schuldig zu sein oder zu werden, ist damit nicht vom Tisch.

Mertes: Der menschliche Versuch, aus der Dunkelheit der Ambivalenzen ans Licht der moralischen Eindeutigkeit zu gelangen und dort auch zu bleiben, geht unvermeidlich schief. Schuld lässt sich im Sinne des biblischen Apostel Paulus als eine menschliche Unvollkommenheit auffassen, wie er sie im Römerbrief zum Ausdruck bringt und die Augustinus fälschlich mit Erbsünde übersetzt hat. Die Schuld ist dann ein anderes Wort dafür, dass wir Menschen nicht anders können als Fehler zu machen. Dort heißt es: "Denn ich tue nicht das Gute, das ich will, sondern das Böse, das ich nicht will. (…) Ich stoße also auf das Gesetz, dass in mir das Böse vorhanden ist, obwohl ich das Gute tun will." In diesem Sinne verstehe ich es, wenn wir in der Pandemie nur das Beste für die alten Menschen wollen und sie am Ende doch im Supermarkt anbrüllen, weil sie sich unverantwortlich in Gefahr bringen. Oder wenn die Wissenschaft trotz ihres Wohlmeinens Diskurse abbricht mit Hinweis auf ihre Autorität, sodass die Not der Menschen nicht mehr zu hören ist.  

ZEIT ONLINE: Was lässt sich tun?

Mertes: Sobald wie möglich die Kitas und Schulen öffnen. Der Druck, der auf den Kindern liegt, ist eine zu schwere Last.