Entwicklungsstadien der Kartoffel – Seite 1
Diesen Text über das Kartoffeltum hätte ich gern schon vor drei Jahren geschrieben, 2018. Als die Neuen deutschen Medienmacher den Mediennegativpreis der Goldenen Kartoffel für "besonders einseitige oder missratene, kurz: für unterirdische Berichterstattung über Aspekte unserer vielfältigen Einwanderungsgesellschaft" begründeten. Jetzt kommt der Text ein bisschen spät – denn ich bin selbst eine Kartoffel, und Kartoffeln hinken in der Anerkennung der Kartoffelproblematik immer hinterher. Aber Gott sei Dank gibt die gesellschaftliche Realität den Kartoffeln ja fast jeden Tag Anlass, dazuzulernen.
Übrigens: Es ist Ihnen sicher nicht aufgefallen, aber gerade habe ich ein kartoffeliges Bedauern darüber unterdrückt, nicht mehr sagen zu können, der Preis der Goldenen Kartoffel sei "aus der Taufe gehoben worden". Nein, bei der Begründung des Kartoffelpreises stand keine christliche Tradition Pate, nix Taufe. Die mir auf meinen bürgerlichen, privilegierten Bildungsweg mitgegebenen Formulierungen passen häufig nicht mehr, da wird mir Sprachwandel zugemutet, vielleicht sogar erst einmal Sprachverarmung. (Das Gottseidank hingegen habe ich mir genehmigt.)
Das Lernen in der Einwanderungsgesellschaft, in der pluralistischen Gesellschaft überhaupt, geht, wenn es denn zugelassen wird, in Schüben vonstatten. Leute, die anders drauf sind, anders geprägt sind, andere Positionen haben als man selbst, agieren – sie handeln auf unerwartete Weise, sie gründen freche Preise, sie denken sich spöttische Namen aus, sie schaffen neue Realitäten, die die eine oder den anderen oft erst mal überfordern und die man deshalb zu ignorieren oder aber zu bekämpfen versucht. Bis ein günstiger Moment kommt, wo man bereit ist, etwas zu verstehen, das Denken und die Sprache an die Realitäten anzupassen, auf das andere und neue zuzugehen und sich von ihm zu dem erforderlichen Mehr an Genauigkeit zwingen zu lassen.
Also die Kartoffel. Die Kartoffel, die ich gerade jetzt, im coronageplagten Frühjahr 2021, etwas genauer zu verstehen und zu reflektieren lerne. Die, wenn man den Begründungen der Neuen deutschen Medienmacher folgt, einerseits einen Hang zu Rassismus und Stigmatisierung hat, die andererseits aber "durchaus liebevoll" angesprochen wird: "Eine Kartoffel zu vergolden ist ein Liebesbeweis. Bussi!", rufen mir und meinen Mitkartoffeln die Neuen deutschen Medienmacher fröhlich zu.
Die Kartoffel hat sich, als Bild und Begriff, in meinem Kopf festgesetzt und hilft mir, mich selbst und die Welt zu deuten. Überall, bei mir und in meinem Umfeld, sehe ich Kartoffelgewese: eine gewisse Trägheit und Abwehr, die die Anpassung an Veränderungen verzögert, die das Leben in pluralistischen Gesellschaften uns abverlangt. Im besten Fall eine Vorsicht, ein Wissen darum, dass Wandel Zeit braucht, dass Bindungen wichtig sind, dass lebendige und echte Veränderungen gefragt sind, nicht Opportunismus und Aktualismus; und ein Misstrauen gegen den herrschenden Viktimisierungsdiskurs und die identitätspolitischen Opferkonkurrenzen. Im durchschnittlichen Fall eine etwas hilflose Schwerfälligkeit und Unsicherheit, was man denn jetzt noch sagen darf und was nicht; das verschämte Googeln, welche beunruhigenden Phänomene sich hinter BIPoCs verbergen könnten; das Gefühl, nicht mehr mitzukommen. Im schlimmsten Fall aber ein zäher, pampiger Trotz, das "wird man doch wohl noch" und "jetzt erst recht", das sich aus der Defensive heraus blind für die Realitäten macht und die eigene Kartoffeligkeit durch aggressive Ausfälle zu überwinden versucht; die Dummheit, die sich von selbst einstellt, wenn man sich weigert, die eigenen Privilegien zu reflektieren.
"Kartoffel" ist kein Schimpfwort
Tatsächlich gibt es zunächst einmal überhaupt keinen Grund, die Kartoffel pejorativ zu verstehen. Sie macht satt, sie ist gesund, es gibt sie in vielen Varianten, die alle weltweite Fangemeinden haben – Fritten, Kartoffelgratin, Kartoffelpürree, Ofen-, Pell- und Salzkartoffeln. Sie ist selbst eine Einwanderin, darauf haben auch die Neuen deutschen Medienmacher hingewiesen. Wir lernen alle in der Schule, dass erst die aus der "neuen Welt" nach Europa importierte Kartoffel den großen Hungersnöten ein Ende bereitet hat. Wenn auf den Schiffen die Kartoffeln ausgingen, blieb nur gepökeltes Schweinefleisch, die Matrosen bekamen Skorbut und es fielen ihnen die Haare und Nägel aus. Zum Brot, das auf Getreide basiert, von Missernten eher betroffen ist und eigentlich noch mehr als die Kartoffel als besonders "deutsch" gilt, steht die Kartoffel übrigens in einem ambivalenten Verhältnis.
Da fällt der Kartoffel, die ich bin, eine interessante Strafe ein, die mir meine noch vom Kriegs- und Nachkriegshunger geprägte Mutter, es muss Mitte der Siebzigerjahre gewesen sein, angedeihen ließ, um mir den Wert von Lebensmitteln beizubringen: Bei uns zu Hause gab es immer altes und vertrocknetes Brot, das aufgegessen werden musste. Ich stand in unserem Vorgarten, mit so einem Brot in der Hand, und beschloss, ohne Grund, einfach nur aus Langeweile, es in die Büsche zu werfen. Meine Mutter sah es, und dachte sich als Konsequenz aus, dass es für uns Kinder einen Tag lang nur Kartoffeln geben sollte, ohne Salz und ohne Fett. Meine Liebe zur Kartoffel hat in der Erinnerung ihren Ursprung, wie ich in die dampfende Kartoffel biss und ganz erstaunt darüber war, wie gut sie schmeckte, auch ohne Salz und ohne Fett, ganz pur.
Kartoffeln sind ein echtes Basisnahrungsmittel. Wie aber soll man es verstehen, dass die Neuen deutschen Medienmacher den "durchaus liebevoll" gemeinten Preis 2018 ausgerechnet Julian Reichelt, dem Chefredakteur der Bild angedeihen ließen, und der stigmatisierenden Berichterstattung der Bild unter seiner Ägide, dem giftigsten und schwärzesten aller Nachtschattengewächse? Reichelt erschien zur Preisverleihung und die Preisverleiher:innen taten etwas, wofür meine Kartoffelhaut zu dünn gewesen wäre, sie machten ihm und dem Kartoffelpublikum ihre Kritik verdaulich, sie gaben ihm das Wort, sie versuchten, ihn zu "integrieren", ganz wie auf einer Kartoffelveranstaltung. Denn, und das wurde ausdrücklich positiv angemerkt, die Bild interessiert sich durchaus für Einwander:innen. Sie lässt sie in ihren Umfragen zu Wort kommen und ist als Arbeitgeber nicht mehr nur für Biodeutsche interessant.
Der Kern des Kartoffelwesens ist die Stärke
Wenn Einwander:innen anlässlich ihrer Einbürgerung Kartoffelfeste feiern, Kartoffeln futtern, die Kartoffel in sich aufnehmen, ist das ernst zu nehmen. Zur Kartoffeligkeit gehört auch das Gefühl, dass der Kartoffelbegriff abwertend und rassistisch sei, und der ewige Schrei nach einem gemeinsamen Wir. Cigdem Toprak verweist auf ihr eigenes Erleben als Kind von Einwander:innen, um das Kartoffelwort rassistisch zu nennen, so wie auch Reichelt es rassistisch nannte: weil es ein Stereotyp bezeichne und ein "Wir" der Einwander:innen von den "anderen", den Biodeutschen, abgrenze. Dass in den Kartoffeleinbürgerungsritualen doch gerade mit den Grenzen zwischen dem "Wir" und dem "anderen" gespielt wird, das "Wir" und das "andere" in produktive Ambivalenz gesetzt werden, ist der Kartoffel selbst fremd. Die Kartoffel tut sich sehr schwer damit, einen kategorialen Unterschied anzuerkennen: den Unterschied zwischen Beschimpfungen, die das Selbstwertgefühl des Beschimpften kränken mögen, aber letztlich an den Verhältnissen, die ihn privilegieren, Kritik üben – und Beschimpfungen, die den Unterprivilegierten gewaltsam die herrschenden Verhältnisse und ihre Marginalisierung und Unterdrückung vor Augen führen.
Denn der Kern des Kartoffelwesens ist die Stärke – die Kartoffelstärke. Sie ist stark, indem sie bindet, Glukoseteilchen, also Energie, organisch bindet. Das ist gut für den Darm. Auf die Gesellschaft übertragen heißt das, dass die deutsche Kartoffel die gesellschaftlichen Kräfte, die das Gemeinwesen zu spalten drohen, so vermanscht, dass die gesellschaftliche Energie, im Guten wie im Schlechten, keine großen Sprünge mehr machen kann, keine Ausreißer mehr produziert. Es entsteht Trägheit, aber eine starke, mächtige Trägheit. Die Unterdrückten und Marginalisierten werden zwar nicht befreit, sondern weiterhin unterdrückt und marginalisiert, mitunter auch ermordet, aber so, dass es sich insgesamt doch für die meisten lohnt, im Brei mitzuschwimmen. Die Profiteure hingegen nehmen, so lange sie noch dem Kartoffelwesen angehören und sich nicht längst in andere Gefilde verabschiedet haben, darauf Rücksicht, dass der Brei wenigstens dem Anschein nach weiter zusammenhält.
(Ich will aber kein Brei sein, sondern eine knusprige Pommes!)
Ist denn nun die Kartoffel eine Metapher, oder ein Stereotyp? Warum kann ich mich mit der Kartoffel anfreunden, fände es aber tatsächlich rassistisch, einen Italiener "Spaghetti" zu nennen, oder einen Türken "Knoblauch", oder meinetwegen auch einen Deutschen "Wurst"?
Das Fremde als "Ferment" im Nationalstaat
Die besonderen Eigenschaften der Kartoffel beschreiben nicht einen irgend gearteten deutschen Volkscharakter, ein essentialistisches Sosein der Deutschen. Sondern sie lassen sich auf das deutsche Nationalstaatswesen, auf die Verfasstheit der deutschen Einwanderungsgesellschaft und die Art und Weise, wie deutsche Demokratie funktioniert, beziehen. Der deutsche Nationalstaat beruht auf einer komplizierten ethnisch-kulturell-politischen Konstruktion des deutschen Volkes. Deutsch ist, wer von Deutschen abstammt, oder durch Einbürgerung in diese Abstammungsnation aufgenommen wurde. Tatsächlich wurde das deutsche Volk lange in Stämmen gedacht, "einig in seinen Stämmen", wie noch die Weimarer Reichsverfassung begann. Funfact: Auch die Oberkartoffel Theodor Mommsen, Verteidiger der Juden im Antisemitismusstreit 1880 und im vollen Bewusstsein des Konstruktionscharakters der Nation, hing der Geschichte von den Stämmen an. Mommsen sah die in Deutschland assimilierten Juden als eine Art eigenen Stamm, ein außerhalb der christlichen Zivilisation wurzelndes Stämmlein, das mit seiner Eigenart als "Ferment" gewirkt habe, um der deutschen Nation auf die Sprünge zu helfen, die Stämme zu verschmelzen und das "germanische Metall" erst richtig auszugestalten. Das ist echtes Kartoffeldenken: Das Fremde wird als "Ferment" gebraucht, aber mit der Zeit zum Problem, wenn es sich nicht ganz verschmilzt, weil der Einigkeit des Gemeinwesens selbst nicht zu trauen ist.
Für den Bestand der Nation und die Herstellung von Einigkeit muss die Kartoffel eine ständige Doppelbewegung ausführen, nach links, zum angeblich Fremden, und nach rechts, zum angeblich Eigenen hin. Das Fremde wird erst reingeholt und dann angebettelt oder auch genötigt, sich zu "integrieren", sich in das Staatsvolk einzufügen. Gleichzeitig muss in die andere Richtung gearbeitet werden, um diejenigen, die aus dem Inneren des Staatsvolks heraus spalterisch und zersetzend wirken und das Gemeinwesen gefährden können, nicht zurückzulassen, mitzunehmen, einzufangen.
Hannah Arendt hat darauf hingewiesen, dass Einwanderung und die Konfrontation mit "Fremden" in den Nationalstaaten eine Gelegenheit für skrupellose Machthaber darstellt, eine totalitäre Spirale in Gang zu setzen. Hitler ließ laut Arendt die deutschen Juden nicht nur ausbürgern, weil er sie loswerden wollte, sondern vor allem, weil ihm das eine Waffe in die Hand gab, um die anderen Länder mit dem Flüchtlingsansturm zu "überfordern", sie in ihren antisemitischen und xenophoben Reaktionen Hitler-Deutschland ähnlich zu machen und somit vorzuführen, dass Menschlichkeit und Menschenrechte im Zeitalter des Nationalstaats insgesamt nichts wert seien.
Es ist diese totalitäre Spirale, vor der die Kartoffel sich, und darin durchaus ehrenwert, fürchtet wie vor nichts anderem. Ein Hitler soll nie wieder an die Regierung kommen. Damit dies nicht geschieht, will die Kartoffel die Rechten in Schach halten, will sie beruhigen und ihnen versichern, dass der Nationalstaat funktioniert und sie vor allzu großen Zumutungen der Moderne schützt. Das gibt den Rechten einen hübschen Hebel in die Hand. Wenn sich schon an den echten ökonomischen, sozialen und politischen Problemen so wenig ändern lässt, so lässt sich immerhin erreichen, dass zum Beispiel ein mittelmäßiger weißer deutscher Mann nicht von einer eventuell besseren nicht weißen Frau Konkurrenz bekommt. Das rechte, zersetzende, spalterische Element bekommt einen Einfluss auf die Einwanderungs- und die Minderheitenpolitik: Einwanderung, Diversität, Flüchtlinge, Frauen, Minderheiten – all das möchte die Kartoffel, schön und gut, aber eben nur in dem Maße, wie es ihr rechter Nachbar erträgt.
So droht sie immer weiter nach rechts zu zuckeln, die
Kartoffel, in dem Glauben, der Einwanderungsnation Deutschland durch Einbindung
der Rechten und immer Rechteren einen Gefallen zu tun. Und genau diesen
Mechanismus muss die Kartoffel reflektieren, darf ihm nicht verfallen. Sonst
treibt sie Keime, wird ganz und gar unbekömmlich, macht Bauchschmerzen und
Durchfall und ist, ehe sie es sich versieht, selbst der zersetzende Gärstoff.
Diesen Text über das Kartoffeltum hätte ich gern schon vor drei Jahren geschrieben, 2018. Als die Neuen deutschen Medienmacher den Mediennegativpreis der Goldenen Kartoffel für "besonders einseitige oder missratene, kurz: für unterirdische Berichterstattung über Aspekte unserer vielfältigen Einwanderungsgesellschaft" begründeten. Jetzt kommt der Text ein bisschen spät – denn ich bin selbst eine Kartoffel, und Kartoffeln hinken in der Anerkennung der Kartoffelproblematik immer hinterher. Aber Gott sei Dank gibt die gesellschaftliche Realität den Kartoffeln ja fast jeden Tag Anlass, dazuzulernen.