Noch immer hallen die Meinungen derer, die glauben, ihre Meinung nicht mehr äußern zu dürfen, durch den medialen Raum. Schauspielerinnen und Schauspieler, die bei der heftig kritisierten #allesdichtmachen-Aktion mitgewirkt hatten, kritisierten die heftige Kritik. Jüngst äußerte sich noch der Babylon-Berlin-Darsteller Volker Bruch in der Welt am Sonntag dazu. Bruch sagte, er wolle sich "als öffentliche Person für Leute einsetzen, die selbst nicht so eine Stimme haben". Warum aber glauben Bruch und seine Kolleginnen, sie müssten, quasi bauchrednergleich, die sonst stumm in der Ecke liegende Masse auf die Bühne bringen und stellvertretend für sie sagen, was sonst nie jemand hören würde?
Dass es Menschen gibt, die die Corona-Maßnahmen der Bundesregierung übertrieben oder gar falsch finden, dürften die meisten Deutschen schon vor den Schauspielervideos gewusst haben. Es gibt Demos gegen diese Maßnahmen, über die in den Medien berichtet wird; es gibt Talkshows, in denen über ihre Verhältnismäßigkeit diskutiert wird; es gibt Anna Schneiders und Christian Lindners Twitter-Kanäle. In Social-Media-Zeiten braucht es außerdem nicht mal Prominenz, um gehört zu werden, die Fridays-for-Future-Aktivistinnen etwa haben es auch ganz ohne Hannes Jaenicke geschafft, dass über Klimaschutz gesprochen wird.
Es gehört zum Portfolio von Prominenten, sich für irgendeine gute Sache zu engagieren – man macht also Charity oder spendet den Gewinn aus einer Quizshow an eine Tierschutzorganisation. Doch hinzu kommt die Vorstellung, Prominente müssten nicht nur finanziell, sondern auch intellektuell in der Lage sein, die Welt zu bereichern. Für Schauspielerinnen und Schauspieler gilt das besonders. Sie sitzen (sehr viel häufiger als beispielsweise Fußballerinnen und Fußballer) in politischen Talkshows und werden zu gesellschaftlichen Themen befragt. Es mag sogar gut sein, dass einigen Journalisten ein bekannter Name in der Ankündigung wichtiger ist als das Thema, ein bisschen Glamour entscheidender als die Brillanz der Wortbeiträge. Und wenn man als Schauspielerin dauernd angefragt wird, glaubt man wahrscheinlich auch irgendwann, man hätte tatsächlich wichtige Dinge zu sagen.
Dass jemand in guten, klugen Filmen mitspielt, als Seriendarstellerin Erfolg hat oder auf der Theaterbühne den Hamlet spektakulär verkörpern kann, bedeutet jedoch nicht, dass sie oder er dadurch automatisch zum scharfsinnigen Analytiker wird. Das ist eine Verwechslung von Rolle und Mensch und wahrscheinlich auch ein etwas realitätsfernes, ehrfürchtig überhöhtes Verständnis von Schauspielern. Ohne deren Leistung abwerten zu wollen: Intellektuelle Brillanz ist keine Grundvoraussetzung für schauspielerisches Talent. Die klugen oder bewegenden Sätze, die auf dem Bildschirm oder der Bühne gesprochen werden, stammen von Drehbuchautoren oder Dramatikerinnen. Die werden aber nicht so oft in Talkshows eingeladen oder von Magazinen interviewt.
Wen man dauernd sieht, dem trauen viele offenbar auch zu, dass er etwas zu sagen hat; deshalb sorgen Prominente für Quote. Deshalb sitzt Jan Josef Liefers bei Maybrit Illner, um über die Kollateralschäden des Lockdowns zu reden und nicht eine Psychiaterin. Und Liefers kommt auch gar nicht auf die Idee zu hinterfragen, ob er wohl der bestmögliche Gesprächspartner für dieses Thema sei.
Die Schauspielerin Karoline Teska, die unter anderem in einer Krimiserie mitspielt, sagt in ihrem #allesdichtmachen-Clip: "Ich bin Karoline Teska und ich bin Schauspielerin. Ich habe diesen Beruf gewählt, weil ich nie weiß, was ich machen soll. Beim Film und beim Theater gibt's ja immer einen Regisseur, der mir sagt, was ich machen soll. Da fühle ich mich sicher. Im Alltagsleben hatte ich das bisher nicht. Da musste ich immer alles selbst entscheiden." Wie wir nach vielen Einlassungen der Beteiligten nun wissen, sollen die Beiträge ironisch gemeint sein.
Noch immer hallen die Meinungen derer, die glauben, ihre Meinung nicht mehr äußern zu dürfen, durch den medialen Raum. Schauspielerinnen und Schauspieler, die bei der heftig kritisierten #allesdichtmachen-Aktion mitgewirkt hatten, kritisierten die heftige Kritik. Jüngst äußerte sich noch der Babylon-Berlin-Darsteller Volker Bruch in der Welt am Sonntag dazu. Bruch sagte, er wolle sich "als öffentliche Person für Leute einsetzen, die selbst nicht so eine Stimme haben". Warum aber glauben Bruch und seine Kolleginnen, sie müssten, quasi bauchrednergleich, die sonst stumm in der Ecke liegende Masse auf die Bühne bringen und stellvertretend für sie sagen, was sonst nie jemand hören würde?