Eigentlich möchte man diesen Kommentar überhaupt nicht schreiben, weil der Anlass, auf den er sich bezieht, völliger Unsinn ist. Aber da dieser Unsinn nun in der Welt ist und immer weitere Kreise zieht, muss man den Unsinn wohl doch noch einmal benennen.
Nun denn: Die Publizistin Carolin Emcke hat einen Shitstorm am Hals, weil sie am vergangenen Freitag eine Gastrede auf dem Parteitag der Grünen gehalten hat, in der sie darüber gesprochen hat, wie der demokratische Diskurs durch Populismus, Ressentiments und Falschinformationen gefährdet werde und wie dies auch den Bundestagswahlkampf prägen werde. Sie sagte: "Das Objekt, auf das sich dann der empörte Protest richtet, ist so austauschbar wie mutwillig", später konkretisierte sie dies: "Die radikale Wissenschaftsfeindlichkeit, die zynische Ausbeutung sozialer Unsicherheit, die populistische Mobilisierung und die Bereitschaft zu Ressentiment und Gewalt werden bleiben. Es wird sicher wieder von Elite gesprochen werden und vermutlich werden es dann nicht die Juden und Kosmopoliten, nicht die Feministinnen oder die Virologinnen sein, vor denen gewarnt wird, sondern die Klimaforscherinnen."
Aus dieser Passage machte die Bild die Schlagzeile "Rednerin vergleicht Klimaforscher mit verfolgten Juden", die Welt am Sonntag kommentierte, dass Emcke "das Leid der Juden in diesem Land in eine Reihe stellt mit Kritik an und auch Zorn und Drohungen gegen Virologen und Klimaforscher. Die Aufzählung der Gruppen in einem Satz wird umso absurder, wenn man sich konkret erinnert, um was es geht: Vernichtungslager, Todesmärsche, Massenmorde vor knapp 80 Jahren."
Es meldeten sich die Kommentatoren zu Wort, die sich immer zu Wort melden, wenn sie eine Gelegenheit finden, gegen Grüne, Frauen, Gendern, Klimaschutz oder verwandte Themen zu schreiben. So vergleicht etwa Harald Martenstein, der auch Kolumnist des ZEIT Magazins ist, im Tagesspiegel unter der Überschrift Wie Carolin Emcke die Juden benutzt Emcke mit der als "Jana aus Kassel" bekannt gewordenen Querdenken-Demonstrantin, die sich selbst mit Sophie Scholl verglich. Und auf Twitter nutzen CDU-Politiker die Aufregung zum Wahlkampf, wie etwa Julia Klöckner und Paul Ziemiak ("eine unglaubliche + geschichtsvergessene Entgleisung").
Nun bietet Emckes Rede aber keinerlei Anlass für all diese Behauptungen und man muss nicht einmal laut "Kontext, Kontext!" rufen, um klarzustellen, dass sie nie gemeint hat, was ihr da unterstellt wird. Sie hat es nämlich nicht nur nicht gemeint, sondern schlichtweg nicht gesagt. Selbst wenn man den Rest ihrer Rede ignoriert und nur den einzelnen Satz, in dem das Wort "Juden" genannt wird, liest, ist klar, dass Emcke dort Gruppen nennt, die heute, in der Gegenwart, gezielt von Populisten und Verschwörungstheoretikern diffamiert werden.
Wie nun Journalisten oder Politiker, also Menschen, denen man durchaus Lesekompetenz zutrauen dürfte, auf die Idee kommen, hier eine Holocaust-Verharmlosung hineinzuinterpretieren, ist beinahe unverständlich. Beinahe nur, weil eigentlich klar ist, warum Emcke hier höchstwahrscheinlich mit Absicht missverstanden wird: "Eine in sozialen Medien fragmentierte und durch Desinformation und Ressentiments aufgeladene Öffentlichkeit rührt an den legitimatorischen Kern einer Demokratie. Wir werden das im Wahlkampf sehen. Wir werden Manipulationen und Lügen sehen." Diese Sätze stammen aus Emckes Rede. Wenn man so will, hat sie den Shitstorm, der ihrer Rede folgte, schon selbst erklärt.
Eine aufgedrehte konservative Medienöffentlichkeit arbeitet zurzeit daran, die Maßstäbe der Öffentlichkeit zu verrücken. Verbreitet Hans-Georg Maaßen antisemitische Verschwörungstheorien oder relativieren im Gegenteil die Grünen den Holocaust? Es verschwimmt in den Augen der Zuschauer. Und das ist wohl auch das Ziel.