Des Schwurblers Kern – Seite 1
"Er war der Rockstar – und ich war Fan!" So heißt es am Anfang einer der bemerkenswertesten Podcast-Serien dieses Jahres, die am Sonntag startet. Ihr zentraler Gegenstand ist Ken Jebsen, ehemaliger Radio- und Fernsehmoderator und mittlerweile reichweitenstarker Aktivist in rechten Szenen, bei Corona-Leugnern und Verschwörungsgläubigen. Der Titel des Podcasts verweist auf das mit dem Format verbundene Anliegen: Cui Bono: WTF happened to Ken Jebsen? In insgesamt sechs Folgen wird vor allem der Werdegang von Kayvan Soufi Siavash – so Jebsens Geburtsname – nachgezeichnet. Beginnend bei seinen ersten Tätigkeiten in den Neunzigerjahren bei öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten über seinen Rauswurf 2011 beim rbb bis hin zur (zweiten) Karriere auf YouTube und in diversen Netzwerken.
"Cui Bono" – wem zum Vorteil? – ist einer jener Kampfbegriffe, mit denen Verschwörungserzählungen besonders gerne hantieren: Argwöhnisch fragt man nach den versteckten, eigentlichen Interessen der Mächtigen, nach einem unheilvoll agierenden Dahinter. Der Podcast will den Spieß umdrehen: "Welche Interessen, welche Akteur:innen stehen hinter so genannten Verschwörungstheorien?" Es geht nicht nur um Jebsen selbst, sondern auch um seine persönlichen Verbindungen, ökonomischen Belange und Strategien der Einflussnahme.
Vor Veröffentlichung lagen uns die ersten vier Folgen der Serie vor. Das Buch stammt vom Autor und Redakteur Khesrau Behroz, produziert hat Cui Bono: WTF happened to Ken Jebsen? die junge Podcastfirma Studio Bummens (unter anderem Baywatch Berlin, Apokalypse & Filterkaffee und Gute Deutsche) gemeinsam mit den öffentlich-rechtlichen Sendern NDR und rbb.
Die erzählerischen Mittel
Hervorstechendes Merkmal dieses Podcasts ist sein investigativer Anspruch. Jebsen dient als eine Art Kristallisationspunkt. Über seine Figur lasse sich, so die Produzenten, "die Geschichte von systematischer russischer Desinformation, vom Einfluss der Algorithmen von YouTube und Facebook auf die Verbreitung von 'Fake News', vom erstarkenden Populismus im Land, vom Erfolg von Verschwörungstheorien, von der rechten Mobilmachung im Netz, dem Aufstieg der Querdenker:innen" erzählen. "Wir erzählen", heißt an einer anderen Stelle, "seine Geschichte exemplarisch" – wobei der Hinweis auf das Erzählen die Sache ziemlich genau trifft: Die vorliegenden Podcast-Folgen versuchen nichts Geringeres, als den investigativen Anspruch mit erzählerischen Mitteln einzulösen.
Konkret geschieht dies durch – für deutsche Podcast-Formate außergewöhnlich aufwendige – Montageverfahren: Ton-Dokumente früherer TV-Sendungen stehen neben O-Tönen ehemaliger Weggefährten; Einschätzungen konsultierter Expertinnen folgen auf kurze Jingle-Sequenzen früherer Radiosendungen; eingestreute atmosphärische Klänge sollen Stimmungen offenbar intensivieren, sollen emotionalisieren und besonders entscheidende Momente dramatisieren. Und immer wieder schaltet sich ein Erzähler in unterschiedlichen Rollen ein: mal kommentierend, hin und wieder befragend, manchmal auch bewertend, zumeist aber die Ereignisse in chronologischer Abfolge berichtend.
So versucht jede Folge, einen eigenen Spannungsbogen aufzubauen. Dies wird noch unterstützt, indem jede Folge einen spezifischen Aspekt des Radikalisierungsprozesses Jebsens beleuchtet. Geht es zunächst in Anspielung auf eines der frühen Jebsen-Markenzeichen noch vergleichsweise harmlos um den "Mann mit der Banane", steht bereits in der zweiten Folge der Rausschmiss beim rbb, offiziell wegen des Vorwurfs antisemitischer Aussagen und Holocaust-Leugnung, im Zentrum; an dieser Episode, wird im Podcast explizit gesagt, war der rbb nicht beteiligt. Danach geht es um den "Neuanfang von KenFM als selbsternannte 'Alternative Medienplattform' auf YouTube", und die vierte Folge fokussiert auf Auftritte und Bewegungen der sogenannten Querdenker-Demonstrationen. Es kommen eingefleischte Jebsen-Fans zu Wort, berichtet wird von gewaltsamen Ausschreitungen. Tiefe, dunkle Töne grundieren in dieser Phase die Erzählung und vermitteln eine gefahrvoll angespannte Stimmung. (Jebsen selbst hat mit den Podcast-Machern offenbar nicht sprechen wollen.)
Erkennbar orientiert sich der Podcast an erzählerischen US-Formaten, und er scheint einige der darin entwickelten dramaturgischen Elemente zu übernehmen. Die Machart erinnert besonders an den spektakulären Podcast Wind of Change, in dem Patrick Radden Keefe, preisgekrönter Buchautor und staff writer des New Yorker, auf teils akrobatisch-ironische Weise der Frage nachging, ob der Scorpions-Wende-Hit nicht in Wahrheit von der CIA geschrieben worden sei, als Teil einer klandestinen Beeinflussungskampagne. Dieses absurd anmutende Gerücht war Radden Keefe von einem Geheimdienstkontakt zugeraunt worden. Die tatsächlichen Umstände in einem absolut objektiven Sinne, das war bei Wind of Change von Anfang an klar, würden sich auch mit besten investigativen Reportermitteln kaum finden lassen. Nicht nur die Form, auch der Inhalt der Erzählung von Wind of Change sah die Möglichkeit, dass die CIA-Story nur erfunden war, des Fiktionalen also, bereits vor.
Bei Cui Bono sind die Voraussetzungen andere, die investigative Recherche gilt dem Tun eines einzelnen Mannes, damit ist der Podcast automatisch auch ein Porträt. Der Form nach wirkt dieser Podcast ähnlich wie Wind of Change über weite Strecken wie ein halb dokumentarisches, halb fiktionales Hörspiel. Man nutzt das Format des Podcasts, um ein politisches Enthüllungs- und Bekenntnisstück mit skandalträchtiger Dimension zur Aufführung zu bringen, und man tut dies mit größtem inszenatorischen Aufwand. Durchgängig wird mit jeweils kurzen, prägnant ausgewählten Sequenzen gearbeitet, sodass sich eine insgesamt hohe Erzähldynamik einstellt. Damit wird, durchaus ambitioniert, ein bekanntes Merkmal von Jebsens Moderations- und Agitationsstil aufgegriffen und versucht, diesen subtil zu spiegeln. Möglicherweise will der Podcast auch in der Form den Spieß umdrehen, will ästhetisch zurückgewinnen, was sein Untersuchungsobjekt als mediales Mittel der Propaganda und Hetze einsetzt.
Lässt sich ein rechter Verschwörungsmystiker entzaubern?
So bewundernswert sorgfältig der Podcast arrangiert und inszeniert ist: Der Fokus auf die eine ausgewählte Person erzeugt eine unfreiwillige Stilisierung, eine überhöhende Psychologisierung – was wiederum eine seltsam umschmeichelnde Aufwertung nach sich zieht, die passagenweise ins Heroisierende kippt. Der ständige Blick auf Jebsen, auf seine biographischen Entscheidungen, Siege, Niederlagen und vermeintliche Kränkungen, auf sein Wiederaufrappeln und Neubeginnen, auf seine vermeintlich außergewöhnlichen Fähigkeiten, seine vorgeblich brillante Rhetorik, seine politische Gefährlichkeit – alles dies braucht der Podcast auch, um seine eigene Konzentration auf nur eine (exemplarische) Person zu rechtfertigen und Spannung über eine biografische Beschreibung zu erzeugen. Er investiert auf unfreiwillige Weise in jenes Klima, von dem solche Figuren profitieren.
"Baut der Podcast einem Verschwörungstheoretiker wie Jebsen eine Bühne?": So lautet eine der berechtigten Fragen, die in der begleitenden Pressemappe gestellt werden. Die Macher verneinen diese Frage, indem sie darauf verweisen, dass es "nicht nur um Ken Jebsen" selbst gehe. Man habe ihn lediglich gewählt, "um daran größere Zusammenhänge zu verdeutlichen". Daran anknüpfend wird betont, wie gefährlich Verschwörungstheorien seien: "Sie sind unter uns, in unseren Familien, in unseren Freundeskreisen, bei Menschen, die wir kennen." Und weiter heißt es: Der Podcast wolle "die Kräfte, die das 'Wirken' von Verschwörungstheoretikern aktuell verstärken, offenlegen: Verantwortungslose Empfehlungsalgorithmen der großen Social Media Plattformen, eine breite Verunsicherung in der Gesellschaft wegen Corona, spaltende Desinformations-Kampagnen aus dem Ausland und eine systematische Vereinnahmung durch rechtsextreme und demokratiefeindliche Gruppierungen im Inland".
So zutreffend einzelne dieser Hinweise auch sein mögen: Sie fußen auf der Arbeitshypothese, dass man mit erzählerischen Mitteln (Verschwörungs-)Erzählungen beikommen und diese Form mit neuen Inhalten füllen kann, der recherchierbaren Wahrheit oder zumindest einer Annäherung an sie. Was aber, wenn für Leute wie Jebsen Inhalte austauschbar sind und es ihnen einzig um Mittel und Formen und deren Durchsetzung geht? Die fast unvermeidliche Folge wäre, dass man diese Mittel und Formen reproduzierte, zu ihrer weiteren Vervielfältigung und Popularisierung beitrüge und dem Raum der Desinformationen nicht entkäme.
Wie soll man mit den Jebsens dieser Welt öffentlich umgehen?
Um es klar zu sagen: Cui Bono folgt keinem Verschwörungsnarrativ. Aber der Podcast übernimmt verschwörungstypische Muster mit dem Ziel, einen rechten Verschwörungsmystiker zu entzaubern. Umso mehr wirft er die Frage nach dem effektiven öffentlichen Umgang mit den Jebsens dieser Welt auf. Kann es einen solchen Umgang überhaupt geben? Beziehungsweise: Woran könnte sich die Effektivität des öffentlichen Umgangs bemessen?
Nach allem, was in den letzten Monaten und Jahren zu beobachten war, bleibt im Grunde nur eine Lösung: gezieltes, bewusstes, strategisch eingesetztes, konsequentes öffentliches Ignorieren. Soziale Ächtung durch mediale Nichtbeachtung. Das bedeutet wohlgemerkt nicht, die Augen zu verschließen. Netzwerkbetreiber, Strafverfolgungsbehörden und die Organisationen des Verfassungsschutzes müssen hellwach agieren, gerade dann, wenn (mediale) Parallelgesellschaften aufgebaut werden sollen – um gegebenenfalls mit allen zur Verfügung stehenden, rechtsstaatlich legitimierten Instrumenten dagegen vorzugehen, auch mit dem Mittel der Löschung und Sperrung von Accounts.
Diese Überlegungen führen in einen wohl unauflösbaren Konflikt: Man lauscht einem der formal bestgemachten deutschsprachigen Podcasts, der endlich auch die erzählerische Form hierzulande in Podcasts etablieren könnte, eine Form, die insbesondere in den USA Beispiele wie etwa Serial hervorgebracht hat – und gleichzeitig bleibt das Unbehagen, dass genau damit unfreiwillig vergrößert werden könnte, was doch eigentlich entzaubert werden soll.
Umso deutlicher aber zeigt sich, was die Umtriebe von Verschwörungsschwurblern anrichten können: Ihr destruktiver Einsatz befördert einen pauschalen Argwohn gegen eine Kultur der Fiktionen. Indem Jebsen und die Seinen darauf zielen, die Mittel der Fiktionsgestaltung (ausschließlich) agitatorischen Zwecken zu unterwerfen, untergraben sie jene Räume der Imagination, in denen sich Menschen lustvoll, spielerisch, experimentell und mit oft größtem Vergnügen in andere Welten hineindenken. Mit Cui Bono lässt sich auch an diese Gefahr erinnern. Dieser Podcast nützt. Nicht zuletzt da, wo man an ihm zweifelt.
"Cui Bono: WTF happened to Ken Jebsen" ist ab Sonntagabend, 13. Juni 2021, in der ARD-Audiothek, bei N-JOY.de und bei allen gängigen Podcastplattformen abrufbar. Sendezeiten im Radio ab 13. Juni wöchentlich: Radioeins (sonntags, 20 Uhr), N-JOY (sonntags, 21 Uhr), rbbKultur (montags, 19 Uhr).
"Er war der Rockstar – und ich war Fan!" So heißt es am Anfang einer der bemerkenswertesten Podcast-Serien dieses Jahres, die am Sonntag startet. Ihr zentraler Gegenstand ist Ken Jebsen, ehemaliger Radio- und Fernsehmoderator und mittlerweile reichweitenstarker Aktivist in rechten Szenen, bei Corona-Leugnern und Verschwörungsgläubigen. Der Titel des Podcasts verweist auf das mit dem Format verbundene Anliegen: Cui Bono: WTF happened to Ken Jebsen? In insgesamt sechs Folgen wird vor allem der Werdegang von Kayvan Soufi Siavash – so Jebsens Geburtsname – nachgezeichnet. Beginnend bei seinen ersten Tätigkeiten in den Neunzigerjahren bei öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten über seinen Rauswurf 2011 beim rbb bis hin zur (zweiten) Karriere auf YouTube und in diversen Netzwerken.