Zu den wiederkehrenden Figuren des Psychothriller-Genres gehört der Mörder als Künstler, der seine Taten im kreativen Ausdruck vor- oder nachbereitet. Er sitzt über Skizzenbüchern und Alben, zeichnet, klebt Fotos oder kleine Andenken an seine Taten auf die Seiten. Solche Szenen führen eine extreme Asymmetrie zwischen Täter und Opfer vor. Am Schreibtisch sitzend, bewaffnet mit Schere, Kleber und Fotos, wird der Täter allmächtig, schneidet die Opfer allein seinen Vorstellungen folgend zurecht. Sie sind ihm ausgeliefert und im fertigen Bild als Personen kaum mehr zu erkennen. In der Dramaturgie des Psychothrillers intensivieren solche Szenen das Entsetzen vor dem Täter. Denn die Verfügungsmacht über die Abbildungen seiner Opfer steigert die Macht, die in der Gewalt gegen ihre Körper liegt.

Am Donnerstag, den 23. September, eröffnen in Berlin das Ethnologische Museum und das Museum für asiatische Kunst ihre erste Ausstellung im neu gebauten Humboldt Forum für das Publikum. Die Sammlung umfasst eine halbe Million Gegenstände aus Afrika, Asien, Amerika und Ozeanien, mit denen unzählige Geschichten verbunden sind. Seit einigen Tagen wird die Eröffnung auf den Plakatflächen der Stadt beworben, mit verschiedenen Varianten ein und desselben Motivs. Zu sehen ist das farbige Abbild einer Gestalt, die zunächst als ein ethnologisches Objekt erscheint. Bei näherem Hinsehen ist sie aus Abbildungen verschiedener Figuren zusammengefügt, die vermutlich dem Fundus der ethnologischen Sammlungen entstammen. Mit geraden Linien sind Kopf und Torso jeweils in vier Quadranten unterteilt. Jeder Quadrant ist mit dem Ausschnitt einer anderen Figur gefüllt. Die Auswahl und Zusammenstellung dieser Körperschnipsel scheinen von dem Motiv geleitet zu sein, gestalterisch möglichst unterschiedliche Figuren (vielleicht auch aus möglichst verschiedenen Weltgegenden?) zu einem neuen Ganzen zusammenzufügen. Und so blicken uns von den Plakaten merkwürdige Gestalten an: das linke Auge mandelförmig, gelb auf grünem Grund, das rechte halbmondförmig, weiß auf braun. Der obere rechte Torso-Abschnitt golden und filigran, der linke untere aus grobem Stein. Das rechte Ohr schmückt eine große goldfarbene Scheibe, das tiefer sitzende linke ein kleiner schwarzer Ring mit einem Anhänger.

In einem einzigen Bild kondensiert also jede dieser Collagen jedes visuelle Klischee, das die imperiale Imagination über Menschen in weit entfernten Weltgegenden hervorgebracht hat. In der Zerstückelung und Neumontage der Abbildungen ist ein "Hyper-Eingeborener" entstanden. Freundlich skurril wie Jim Knopf lächelt er uns von den Werbeflächen der Stadt entgegen; auch dort, wo das Plakat großformatig auf den Boden aufgeklebt ist und viele Tausend Menschen täglich darüber laufen.

"Das Humboldt Forum steht für die Gleichberechtigung aller Menschen – in ihrer Diversität", heißt es in dessen Erklärung über das gemeinsame Verständnis und die Ziele. Doch offenbar sind manche gleicher als andere. Wie sonst könnte man sich anmaßen, Vielfalt in dieser Weise zu vereinnahmen und ein singuläres Allerlei zu schaffen, ein Exemplar, das von ganz Afrika sprechen soll, und warum nicht auch gleich von Asien, wenn man schon dabei ist?

"So sind die Brüder Humboldt als Namensgeber eine Inspiration für einen vielfältigen, offenen Dialog und sind zugleich Anlass, eurozentrische Weltverständnisse kritisch zu reflektieren", heißt es in der Erklärung weiter. Wer kam auf den Gedanken, die karikatureske Montage eines "Hyper-Eingeborenen" wäre ein Beitrag zum Dialog? Für wen steckt in der Collage, die ein (in diesem Fall reumütiger) Mörder aus Fragmenten der Fotografien seiner Opfer anfertigt, ein Verständigungspotenzial? Warum setzen sich die Nachfahren der Kolonialisten mit Schere und Kleber an den Basteltisch?

Als die Plakate gerade überall in Berlin aufgetaucht waren, sprach Maaza Mengiste auf dem Internationalen Literaturfestival Berlin über ihren großartigen Roman Der Schattenkönig. Der Text erzählt, wie sich äthiopische Männer und Frauen nach der zweiten italienischen Invasion 1935 gegen Mussolinis brutale Kolonialtruppen wehrten. Immer wieder gibt es Wort-Fotos in Mengistes Buch; Bildbeschreibungen, die auf dem Archiv der Fotos basieren, die die einmarschierenden Italiener von Äthiopierinnen und Äthiopiern gemacht haben – gemacht, um sie zu erniedrigen, zu sexualisieren, zu unterdrücken. Um sie zu kolonisieren. In Mengistes Geschichte erhalten die Fotos eine verblüffende Wendung, die sie während ihrer Lesung auf den Punkt brachte: "Mir wurde klar, dass diese Fotos Selbstporträts sind; sie zeigen nicht wirklich die dort abgebildeten Äthiopier, sondern die Italiener, die die Bilder aufgenommen haben."

Ähnliches gilt für das "Menschheitsmosaik": Es sagt nichts über die Menschheit, nichts über Afrika, nichts über Artefakte. Es sagt nur etwas über diejenigen, die meinen, ein solches Bild sei geeignet, eine Ausstellungseröffnung im Humboldt Forum anzukündigen. Und es sagt auch etwas über diejenigen, die das Bild betrachten, ohne zu bemerken, dass hier etwas nicht stimmt.

"Warum wird die europäische Geschichte neuerdings nur noch negativ erzählt? Warum hört es sich an, als sei alles Übel der Welt von hier ausgegangen?!", höre ich, Teresa Koloma Beck, bisweilen in Seminaren zur politischen Soziologie des Kolonialismus. Und dann ist klar, dass hier nicht nur eine wissenschaftliche oder politische, sondern auch eine sehr persönliche Frage im Raum steht. Die Anerkennung kolonialer und imperialer Täterschaft stellt das Selbstbild eines Europas infrage, das sich seit der Aufklärung nicht zuletzt über die Zähmung der Gewalt durch die Vernunft definierte. Und wenn Welt- und Geschichtsbilder ins Wanken geraten, trifft dies immer auch persönlich, erschüttert Biografien und Lebenserzählungen.