In Talkshows geht es nach landläufigen Vorstellungen vor allem darum, das Wort zu ergreifen. Möglichst informiert und am besten noch pointiert soll ein Gast sprechen. All das konnte Bettina Gaus, aber sie hat noch eine andere Kunst perfektioniert: die wortlose Rhetorik. Wenn bei Maischberger, hart aber fair oder im Presseclub ein anderer an der Reihe war, hob die Journalistin skeptisch die Augenbrauen oder nickte mit einem bestätigenden Lächeln. Oder sie legte ruckartig den Kopf schief. Dieser Gaus-Ruck signalisierte, dass ein anderer Diskussionsteilnehmer hier etwas höchst Fragwürdiges zum Besten gab. Doppelter Gaus-Ruck, erst nach links, dann nach rechts, bedeutete: Der redet ja völliges Blech.

Wer mit ihr politisch diskutierte, wurde gleichwohl unbedingt ernst genommen, oft ernster, als es dem oder der Betreffenden lieb war. "Ach wirklich?", war noch die nettere Einleitung, bevor sie das Gegenüber hinterfragte. "In der Tat!" – nach diesem Ausspruch musste man sich in Acht nehmen, denn dann bestätigte sie das wenige Schlüssige des Gesagten, bevor sie den Rest zersägte. Sie stellte alle Sinne scharf, wog jedes Wort, egal ob im Fernsehen, am Telefon oder unter Freunden in ihrem Wohnzimmer in Berlin.

Wenn ein Mensch über eine solche Grundspannung verfügt, muss sich das Gegenüber zusammenreißen. Man denkt vielleicht: Echt anstrengend! Und ja: Sie war fordernd. Bettina Gaus verlangte einem die hundertprozentige Aufmerksamkeit ab. Aber wenn man mit ihr gesprochen hatte, ging man mit dem schönen Gefühl aus dem Gespräch, nun eine Weile schneller und genauer zu denken.

Gaus gegen das Gequatsche, oft kämpferisch, meist sportlich: Diese Konstellation macht einen Teil ihrer Rolle als eine der wichtigen Stimmen im deutschen Journalismus der letzten Jahrzehnte aus. Im Fernsehen, bei radioeins vom rbb und im NDR, aber vor allem in der taz erst als Bonner Büroleiterin und später in Berlin als politische Korrespondentin. Ihre taz-Kolumne trug einen schlichten Titel: Macht. Anfang des Jahres wollte sie noch einmal etwas Neues probieren: Sie wechselte im April als Kolumnistin zum Spiegel. Sie schrieb, sie diskutierte, sie tat, was sie gern machte, Bettina Gaus, die am 27. Oktober in Berlin nach kurzer, schwerer Krankheit verstorben ist. Am 5. Dezember wäre sie 65 Jahre alt geworden.

Wir haben eng zusammengearbeitet in unserer gemeinsamen Zeit bei der taz, daraus wurde Freundschaft. Dies der Transparenz halber anzumerken, hätte Bettina spätestens an dieser Stelle von mir gefordert.

Sie war eine klare Linke, aber ohne jede Die-Revolution-kommt-doch-noch-Romantik. Die Verfassungsordnung war ihr Parkett. Und sie war immer misstrauisch gegenüber Standardargumentationen. Links hieß für sie ja gerade, genau hinzugucken und die Dinge zu hinterfragen. Gebrauchte Meinungen langweilten sie. Statt alte Melodien vom politischen Stammtisch abzuspielen, schrieb sie ihre Songs selbst.

Sie schaute als Korrespondentin präzise auf Afrika, wenn die meisten deutschen Medien ihn nur wie einen Klischeekontinent verhandelten. Im Bonn der Neunzigerjahre als Bürochefin der taz porträtierte sie Wolfgang Schäuble, als der CDU-Politiker und die taz sich eigentlich nur als Karikatur kannten. Als Rot-Grün 2001 die Bundeswehr nach Afghanistan schickte, war sie dagegen. Als nach dem Rücktritt von Christian Wulff als Bundespräsidenten gefordert wurde, seine Bezüge zu streichen, schrieb die Kommentatorin kühl, Wut habe weder Verfassungsrang noch sei sie politisch zielgerichtet: "Sondern lediglich ein Strohfeuer, das sich Nahrung sucht."

Im gerade zurückliegenden Bundestagswahlkampf empfahl sie den Grünen sehr früh, Annalena Baerbock nach ihren Fehlern als Kanzlerkandidatin doch noch gegen Robert Habeck auszutauschen; insgeheim überlegten sich das später tatsächlich einige in der Partei. Erst neulich griff sie in ihrer Spiegel-Kolumne den Fall des Machtmissbrauchs beim Springer-Verlag auf. Und bemerkte kritisch, es entstehe der Eindruck, Frauen seien stets und grundsätzlich Opfer in Beziehungen mit männlichen Vorgesetzten – auch dann, wenn sie selbst solche Beziehungen wünschten. Bettina Gaus machte auf Widersprüche aufmerksam und sie bekam starken Widerspruch.

In vielen Gesprächen heute geht es darum, etwas zu äußern, das Applaus erntet im eigenen Milieu, im Kreise der Follower. Bettina Gaus genoss es, gelobt zu werden. Aber sie ließ sich nicht durch Zustimmung bestechen. Sie ist ein Vorbild dafür, wie man reflexhaft weder dafür noch dagegen ist, sondern zuhört, untersucht und die Dinge auseinanderklamüsert. Ist das so? Wirklich? Tatsächlich?