Nemi El-Hassan wird nicht die Wissenschaftssendung Quarks beim WDR moderieren. Das kann man nun als Triumph verbuchen: für die Medien des Springer-Verlags und ihre Kampagne, für die die Kampagne fütternden rechtsradikalen Gruppen und für alle diejenigen, die sich im Kampf gegen Antisemitismus reflexartig Eindeutigkeit wünschen, obwohl vielleicht mancherorts eindeutig Uneindeutigkeit herrscht.
Nemi El-Hassan wird nicht als Beispiel, als Rollenmodell dafür dienen, dass Menschen, deren Familienerinnerungen und Identitäten quer zum offiziellen deutschen Erinnerungsdiskurs liegen und diesen herausfordern, in Deutschland eine Stimme in einer vom Staat geförderten öffentlich-rechtlichen Sphäre bekommen können. Sie wird vielmehr exemplarisch dafür stehen, dass ganze Bevölkerungsgruppen wegen ihrer Erinnerungen und Identitäten ausgeschlossen waren, ausgeschlossen sind und ausgeschlossen bleiben sollen. Ihre Stimme und ihr Gesicht in der Öffentlichkeit werden in Deutschland ein für alle Mal festgelegt sein – festgelegt auf ein binäres identitätspolitisches Schema: Ist sie Islamistin, ja oder nein? Ist sie Antisemitin, ja oder nein? Hasst sie Israel, ja oder nein? Und wenn diese Fragen mit nein beantwortet werden müssen: Grenzt sie sich genügend vom Antisemitismus, vom Islamismus, vom Israel-Hass ab? Grenzt sie sich genügend von denen ab, die sich nicht genügend abgrenzen? Grenzt sie sich genügend von denen ab, die sich nicht genügend von denen abgrenzen, die sich nicht genügend abgrenzen? Und so weiter und so fort. Sie ist ja schließlich Palästinenserin und sie lebt in Deutschland. Es geht bei ihr nicht um Politik, die man verhandeln könnte; es geht darum, dass die palästinensische Existenz an und für sich nur als Zerrbild wahrgenommen werden kann.
Am Ende hilft deshalb auch keine persönliche Entwicklung, keine Erklärung, keine Richtigstellung, keine Entschuldigung und keine Abgrenzung. Am Ende kann sie sich nur reinwaschen, wenn sie sich gegen das ihr zugeschriebene antisemitische und islamistische Umfeld – ob es nun existiert oder nicht – in Stellung bringen lässt; ja, wenn sie ihr Umfeld verrät und sich zum Spitzel machen lässt, wie es ihr offenbar nach einem Bericht der Berliner Zeitung von Elio Adler und der Werteinitiative angetragen wurde*. Das wird eine ganze Generation prägen, die an ihre Zukunft in Deutschland geglaubt hat. Merk dir das, du junger Mensch! In Deutschland ist deine Stimme, dein Gesicht nur gefragt, wenn du deine Herkunft nicht nur vollständig verleugnest, sondern als Kronzeuge gegen sie dienst.
Vielleicht darf Nemi El-Hassan hinter den Kulissen noch ein bisschen öffentlich-rechtlichen Journalismus machen. Vielleicht entscheidet sie sich aber auch, zur Medizin zurückzukehren. Ärzte werden ja gebraucht in Deutschland. Sie ist offenkundig intelligent, und als Ärztin wäre sie ihren Kritikern doch wohl genehm. Oder findet hier jemand, dass man ihr auch die ärztliche Approbation verweigern sollte?
Das Problem an den Angriffen gegen Nemi El-Hassan ist nicht nur, dass sie sie verleumden. Die, die ihr ein Berufsverbot im öffentlich-rechtlichen Rundfunk erteilen wollen, verhindern auch ein gemeinsames Lernen – ein Lernen für diejenigen, die ihre Wurzeln im Nahen Osten haben, wie auch für diejenigen, deren Familienerinnerungen sich auf Deutschland und vielleicht noch Europa beschränken. Und das wäre nicht nur ein Lernen über Israel und die Palästinenser:innen, sondern auch ein Lernen über Deutschland, über deutsche Verantwortung gerade auch für den Hass und ja, auch für den Antisemitismus, der vielleicht – ich weiß zu wenig darüber, ich möchte das als eine offene Frage formulieren – in die Geschichte der palästinensischen Befreiungsbewegung eingewoben ist.
Mit Nemi El-Hassan, die nach allem, was ich von ihr gelesen und gesehen habe, reflektiert, differenziert und eine Suchende ist, könnte man darüber in ein Gespräch kommen, auch wenn sie dieses Gespräch selbst nicht gesucht hat, wohl aufgrund der Marginalisierung palästinensischer Positionen selbst auch nicht suchen konnte. Insofern könnten die Angriffe und "Enthüllungen" sogar produktiv sein, immerhin haben sie etwas angestoßen. Doch leider scheinen die Angreifer es nur darauf abgesehen zu haben, gerade dieses Gespräch, ja auch nur die Möglichkeit dieses Gesprächs zu verhindern.
Sonst könnte man mit Nemi El-Hassan in einen gemeinsamen Lernprozess eintreten, über deutsch-palästinensische Verflechtungen in der Geschichte des Antisemitismus, der von Deutschen angeführten annihilatorischen Judenfeindschaft, die in Europa im Holocaust mündete und wahrscheinlich auch im Nahen Osten den Genozid an den dort lebenden Jüdinnen und Juden zur Folge gehabt hätte, wenn Deutschland den Krieg gewonnen hätte. Die genozidale Entschlossenheit des mit den Nazis kollaborierenden Großmufti von Jerusalem, Amin Al-Hussaini, der in Palästina zwar nicht der einzige mit Führungsanspruch war, aber doch eine große Anhängerschaft hatte, steht wohl außer Zweifel; ebenso die Kontinuitäten – neben den Brüchen – zwischen Al-Hussaini und der palästinensischen Befreiungsbewegung. Man könnte darüber reden, wie Nazideutschland die Radikalisierung des arabischen Nationalismus und den Antisemitismus in der palästinensischen Bevölkerung in den 1930er-Jahren und dann während des Krieges beförderte und befeuerte, und welche Versprechen das nationalsozialistische Deutschland den Palästinensern machte: Freiheit von der britischen Herrschaft und vom Kolonialismus, aber eben auch Rückgängigmachung der jüdischen Besiedelung und wohl Vernichtung jüdischen Lebens überhaupt.
Man könnte über die Vorgeschichte dieser Kollaboration reden und gemeinsam lernen: über den Kolonialismus, die deutsche Beteiligung an dem Geschacher der europäischen Großmächte, die in dem Machtvakuum des zerfallenden Osmanischen Reichs im Nahen Osten ihren Reibach zu machen versuchten. Auch über den Zionismus, und wie die vor den Pogromen in Osteuropa fliehenden Jüdinnen und Juden im vereinigten Deutschen Reich nicht willkommen waren und eben deshalb anderswo eine Heimstatt suchen mussten.
Wir könnten zusammen Heinrich von Treitschke lesen und uns darüber wundern, wie sein Antisemitismus der heutigen Muslimen- und Migrantenfeindlichkeit verwandt ist, aber nicht mit ihr identisch. Zur Erinnerung, Treitschke schrieb 1879 über Migration: "Über unsere Ostgrenze aber dringt Jahr für Jahr aus der unerschöpflichen polnischen Wiege eine Schar strebsamer hosenverkaufender Jünglinge herein, deren Kinder und Kindeskinder dereinst Deutschlands Börsen und Zeitungen beherrschen sollen; die Einwanderung wächst zusehends, und immer ernster wird die Frage, wie wir dies fremde Volkstum mit dem unseren verschmelzen können." Die westlichen Nachbarn hätten, so Treitschke, mit "ihren" Juden deshalb kein Problem, weil deren Assimilation nicht durch massenhafte Neueinwanderung gefährdet werde.
Wir könnten ferner über die drei Millionen in Europa verfolgten und diskriminierten Juden reden, die zwischen 1880 und 1933 in den USA Aufnahme fanden, und dass es tatsächlich nur rund 200.000 vor allem junge Leute waren, die als Zionisten nach Palästina gingen; dass die jüdische Besiedelung Palästinas tatsächlich erst seit der Machtübernahme der Nazis richtig in Schwung kam. Wir könnten zusammen herauszufinden versuchen, wie genau eigentlich die jüdische Kolonisierung Palästinas vor 1948 vonstatten ging, und ob und wenn ja wie genau die jüdischen Einwander:innen gegenüber der arabischen Bevölkerung bevorteilt wurden. Wir könnten darüber nachdenken, ob und wie und warum es Unrecht war, die arabischen lokalen und dörflichen Strukturen mit westlich-europäischen Eigentumsbegriffen und mit Kapitalinteressen zu kompromittieren und zu zerstören; und wer eigentlich in welchem Maße und mit welchen Gewinnen an diesen Landnahmeprozessen beteiligt war.
Weiterhin könnten wir uns der Staatenlosigkeit der Palästinser:innen zuwenden. Wie sehr ihre Entrechtung ein Produkt dieser Staatenlosigkeit ist und wer eigentlich dafür Verantwortung trägt. Ich würde mit der These aufwarten, dass es nicht, oder jedenfalls nicht allein, der Staat Israel ist, der ihre Staatenlosigkeit verursacht, sondern das internationale Staatensystem insgesamt. Ich würde sagen, dass das ganze internationale Staatensystem zwei oder drei Geburtsfehler hat, die dazu führen, dass die Produktion und die Folgen von Staatenlosigkeit nicht zufällig sind, sondern systemisch: als Eigenschaft eines Systems, das in nationalstaatlicher Zugehörigkeit ein Allheilmittel sieht, obwohl es vor allem Nebenwirkungen produziert. Wir könnten die Situation der Palästinenser mit der der Kurden oder der der Hazara oder anderen Nationen, die keinen eigenen Staat haben, vergleichen, die kollektive Gefahr, der sie ausgesetzt sind, und die Strategien, mit denen sie gegen ihre Entrechtung kämpfen.
Nemi El-Hassan wird nicht die Wissenschaftssendung Quarks beim WDR moderieren. Das kann man nun als Triumph verbuchen: für die Medien des Springer-Verlags und ihre Kampagne, für die die Kampagne fütternden rechtsradikalen Gruppen und für alle diejenigen, die sich im Kampf gegen Antisemitismus reflexartig Eindeutigkeit wünschen, obwohl vielleicht mancherorts eindeutig Uneindeutigkeit herrscht.
Nemi El-Hassan wird nicht als Beispiel, als Rollenmodell dafür dienen, dass Menschen, deren Familienerinnerungen und Identitäten quer zum offiziellen deutschen Erinnerungsdiskurs liegen und diesen herausfordern, in Deutschland eine Stimme in einer vom Staat geförderten öffentlich-rechtlichen Sphäre bekommen können. Sie wird vielmehr exemplarisch dafür stehen, dass ganze Bevölkerungsgruppen wegen ihrer Erinnerungen und Identitäten ausgeschlossen waren, ausgeschlossen sind und ausgeschlossen bleiben sollen. Ihre Stimme und ihr Gesicht in der Öffentlichkeit werden in Deutschland ein für alle Mal festgelegt sein – festgelegt auf ein binäres identitätspolitisches Schema: Ist sie Islamistin, ja oder nein? Ist sie Antisemitin, ja oder nein? Hasst sie Israel, ja oder nein? Und wenn diese Fragen mit nein beantwortet werden müssen: Grenzt sie sich genügend vom Antisemitismus, vom Islamismus, vom Israel-Hass ab? Grenzt sie sich genügend von denen ab, die sich nicht genügend abgrenzen? Grenzt sie sich genügend von denen ab, die sich nicht genügend von denen abgrenzen, die sich nicht genügend abgrenzen? Und so weiter und so fort. Sie ist ja schließlich Palästinenserin und sie lebt in Deutschland. Es geht bei ihr nicht um Politik, die man verhandeln könnte; es geht darum, dass die palästinensische Existenz an und für sich nur als Zerrbild wahrgenommen werden kann.