Im Spielfilm Quo Vadis, Aida? von Jasmila Žbanić aus dem Jahr 2020, der das Massaker von Srebrenica auf eine sehr erschütternde Weise greifbar macht, gibt es eine Szene, die mir beim Zuschauen regelrechte Übelkeit verursacht hat und die ich in den letzten Tagen ständig vor mir sehe, als hätte mich jemand dazu verdammt, in einem Kino zu sitzen, in dem diese Szene in Dauerschleife läuft.

Da wird gezeigt, wie der niederländische Oberstleutnant und Kommandeur des UN-Schutzbataillons Thomas Karremans (Johan Heldenbergh) verzweifelt und überfordert versucht, alle zuständigen Behörden und Entscheidungsträger in der EU abzutelefonieren, als ihm klar wird, dass die Armee der Republika Srpska die unter ihrem Schutz stehenden Zivilisten in den Tod schicken wird. Und als ob es nicht genug wäre, dass sich niemand dafür zuständig fühlt und niemand ihm die nötige Hilfe zusichert, muss er sich außerdem anhören, dass der jeweilige Zuständige im Urlaub weile und deswegen nicht erreichbar sei.

Seit dem russischen Überfall auf die Ukraine werde ich diesen Gedanken nicht los: Auch der Westen war im Urlaub. Seit 22 Jahren waren wir im Urlaub, sobald sich jemand meldete und verzweifelt nach Hilfe schrie, um sich gegen Putins Aggression zu schützen. Wir waren im Urlaub, als die Kriege in Abchasien und in Südossetien vom Zaun brachen – auch dort traten die russischen Streitkräfte als "Helfer" und "Befreier" auf und lieferten Waffen. Wir waren im Urlaub, als der erste und dann der zweite, ein zehn Jahre andauernder Krieg in Tschetschenien losbrach und das Land dem Erdboden gleichmachte. Wir waren auch 2008 im Urlaub, als die Russische Armee in Georgien einmarschierte und Bomben abwarf. Wir waren im Urlaub, als 2014 die Krim annektiert wurde. 

Ja, all die Jahre waren wir im Urlaub, und zwar nicht, weil wir von nichts wussten oder nicht hätten genauer hinsehen oder hinhören können – es gab genug Stimmen, die laut um Hilfe baten –, sondern weil all diese "Konflikte" weit genug von unserer Wohlstandgesellschaft stattfanden, weil uns unsere Sicherheit und das russische Gas wichtiger schienen als die fremden "kriegerischen Auseinandersetzungen". Wir hörten gerne weg und schmunzelten vor uns hin, wenn der deutsche Ex-Kanzler Putin einen "lupenreinen Demokraten" nannte, und diskutierten die wirtschaftlichen Vorzüge der florierenden Beziehungen zwischen Europa und Russland. Wir waren im Urlaub, weil wir längst das Geld zur wichtigsten Ideologie erklärt und unseren Wohlstand über jedes Leid gestellt haben. Bis unser Urlaub gewaltsam beendet wurde, bis der Krieg auch den europäischen Boden erreichte. Bis die Bomben über der Ukraine und dieses stoische, mutige, kämpferische Volk mitsamt seines unterschätzten und nun als Helden gefeierten Präsidenten uns zu einem bösen Aufwachen zwangen.

Es ist der falsche Zeitpunkt, um sich hinzustellen und zu sagen: "Wir haben es gesagt, wir haben euch gewarnt, wir haben immer wieder geschrien und immer wieder angerufen, aber niemand hat den Hörer abgenommen." Und doch verstehe ich diesen Impuls derjenigen, die wie der niederländische Kommandeur immer wieder anriefen und darauf hinwiesen, was die russischen "Befreier" tun, sobald sie irgendwo "zur Hilfe" eilen. Was dann mit den Regionen, mit den Ländern, mit der Bevölkerung passiert.

Aber es schmerzt mich unerträglich, dass die Ukraine den Preis dafür zahlen muss, dass wir alle unseren Urlaub erst jetzt beenden.